Trautes Heim, Glück allein?

2. Juni 2007, 14:00
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Im klassischen Einfamilienhaus-Bau trifft das kaum zu. Ein Plädoyer für den verdichteten Flachbau - Von Heinz Lutter

Das Meer aus frei stehenden Einfamilienhäuschen wächst unaufhörlich. Allein und ungestört fühlt man sich dabei längst nicht mehr. Denn kaum einer steht mit seinem Haus allein auf weiter Flur. Immer seltener bringt das eigene Haus auf dem eigenen Grundstück die erhoffte Ruhe und Privatheit.Mit etwas Pech kann man in einer durchschnittlichen Einfamilienhaussiedlung auf Balkonien allabendlich dem Nachbarn sogar das Gläschen Wein hinüberreichen. Dennoch: Es ist des Österreichers liebstes "Eigen"-Heim.

Ob Stadt oder Land – die angebotenen Wohnformen stehen der fortschreitenden Urbanisierungwenig innovativ gegenüber. Die Wohnbauförderung denkt in Zwei-, Drei- und Vierzimmer-Schubladen, private Wohnbauträger denken an die Rendite und die Bürgermeister in den Gemeindestuben sind von Altbewährtem nur schwer abzubringen. Nach wie vor ist es einfacher, stückchenweise das Bauland für Einfamilienhausparzellen zu widmen, als das Wohnen neu zu überdenken und Neues zuzulassen. Andere Siedlungsformen erfordern erhöhte politische Auseinandersetzung und eine intensive Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung.

Dabei bietet der verdichtete Flachbaumit seinen gereihten und eng gruppierten Einfamilienhäusern hervorragende Möglichkeiten für individuelle Wohnformen – und das auf kleinen Parzellen und in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Atriumhaus im verdichteten Flachbau wäre dabei eine besonders attraktive Bauform. Nach außen abgeschlossen und nach innen vor nachbarschaftlichen Blicken geschützt, kann es durch geschlossene oder wahlweise offene Raumkonzepte sehr abwechslungsreich gestaltet werden. Innere Freiräume können zu individuellen Gärten, Grünflächen und Lichtdomen werden, die Natur und Tageslicht ins Innere holen. Außenbereiche sind windgeschützt und erlangen im Sommer durch flexiblen Sonnenschutz hohe Wohnraumqualität.

Durch dieses Zusammenspiel von Innen und Außen vergrößert sich die privat nutzbare Wohnfläche. Das ist Wohnraum, den man ganz und gar sein Eigen nennen kann. Im verdichteten Flachbau könnte der Wunsch der Österreicher nach dem trauten "Eigen"-Heim seine Entsprechung finden – und dem zunehmenden Ausfransen der Stadt- und Ortsränder gleichzeitig Einhalt bieten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.6.2007)

  • Heinz Lutter, Architekt
    foto: lutter

    Heinz Lutter, Architekt

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