Schabernack mit Schlachzeuchsolo

5. Juni 2007, 14:05
32 Postings

Der Brachialkomiker und Unfugsavantgardist Helge Schneider bezau­berte in der Wiener Stadthalle mit Betracht­ungen zum Thema Liebe, Wellensittiche und Eier legende Kühe

Wien – Musik mag zwar bei Helge Schneider immer in der Luft liegen. Und er durchschneidet sie auch ab und zu gern mit einem wahlweise Richtung Max Greger in der Lungenheilanstalt oder John Coltrane auf kaltem Truthahn kreischenden Sopransaxofon, dem Bonsai unter den Hup- und Trötinstrumenten. Aber Musik ist längst nicht mehr alles.

Mit krankheitsbedingter zweiwöchiger Verspätung des Künstlers brachte der 51-jährige avantgardistische deutsche Unfugkünstler und konzeptuell der Arte povera im Jazz zugeneigte Multidilettantist, der vor gut 20 Jahren den Treppenwitz zurück nach vorn ins reguläre Hauptabendprogramm holte, dabei aber die Pointe zurückließ, jetzt im Rahmen seiner mutig falsch kosmopolitisch "I brake together/Ich breche zusammen" betitelten Gastspielreise in der kleineren Wiener Stadthalle einen völlig neuen Helge Schneider auf die Bühne.

Es gibt in diesem mindestens zweistündigen Programm nur noch wenige handverlesene Musikstücke. Für die beschäftigt Schneider zwischendurch ein beim Fünfuhrtee nicht weiter auffallen würdendes Jazztrio plus zwei möglicherweise absichtlich unbegabte Bongo-Spieler im Gymnastikdress aus der Abteilung "Gabriela Kaufhof Damensport", von denen sich der eine namens "Sersch", der aussieht wie der metrosexuelle Bruder von Harry Rowohlt, als die treue Seele entpuppt, die dem Chef auf der Bühne immer schon zur Hand ging, wenn dieser jemanden demütigen wollte.

Wenn Sersch dem Publikum aber nicht gerade isometrische Übungen auf der Turnmatte zeigen oder der britische Drummer Pete York ein zehnminütiges "Schlachzeuchsolo, wo gibt’s das denn heute sonst noch?!" spielen muss, steht und sitzt sich die Band allerdings einen Krampf. Derweil setzt der im knallblauen, brust- und schulterbeengenden Konfirmandenanzug von Jürgen Drews steckende Chef vorn an der Rampe zu improvisierten Höhepunkten der verbalen Ab- und Ausschweifung an.

Schneider quält das Publikum, vom paradiesischen Menschenpaar "Klaus und Beatrix – nicht Adam und Eva! Das wird oft falsch geschrieben!" – ausgehend, genüsslich mit einer längeren Betrachtung zum Thema "die Geschichte der Menschheit". Dabei dringt er dank der Auffrischung seiner Englischkenntnisse seitens des Schlagzeugers ("Fucking! Kann man sagen, man muss sich nur trauen!" bald zum eigentlichen Kern des Abends vor. Wie zuvor schon die Trompeten von Mexiko so romantisch kündeten, geht es hier im Alter und dessen dazugehöriger Weisheit einzig um die Liebe.

Zwar wird mit Weisheit oft auch nur ein mit den Lebensjahren größer werdender Energiemangel euphemistisch getarnt, der besagt, dass Hunde ohne Zähne nicht mehr bloß zum Spaß andere Rüden anbellen sollten. Aber, bevor es jetzt um tiefe Einsichten in die Welt der Liebe gehen wird, von denen auch die Leser daheim profitieren können, noch eine weise Betrachtung zum Thema Mexiko:

"Für die Leute aus Mexiko ist es in Mexiko nicht so wie Urlaub. Für die ist es so, wie für uns, wenn wir hier sind." Liebe macht Schneider ganz grundsätzlich an der Beziehung von einer alten "Omma" zu ihrem Wellensittich fest: "Man muss bei Liebe nicht immer an Sex denken! Es geht zum Beispiel auch um Abhängigkeit. Die Omma liebt ihren Vogel so sehr, dass sie ihn für immer behalten möchte. Damit er ihr nicht wegfliegt und kaputtgeht, schneidet sie ihm mit der Schere die Flügel ab. Zum Schutz des Vogels! Das ist Liebe."

Neben traurigen Liedern wie dem in groteskem Französisch gebrummelten Chanson Rendezvous Avec Nobody, einer Brachialswing-Version von Fly Me To The Moon, alten Hits wie dem Telefonmann und neuen Gassenhauern wie dem "super lecker Käsebrot" erzählt Schneider schließlich noch die Geschichte der deutschen Zauberer "Sigrid und Roy", die vor ihren weißen Tigern in Las Vegas auch einmal klein angefangen haben: "Ich hab’ ne Katze. – Und ich hab’ nen Fleischwolf. – Zaubern wir Frikadellen!"

Nach Hause nehmen wir allerdings diesen Satz mit: "Wenn man die Flecken bei der Kuh übermalt, dann legt sie mehr Eier."

Denken Sie mal darüber nach. (Christian Schachinger/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.06.2007)

Am Samstag, 2. 6. noch in der Stadthalle Wien. Am 3. und 4. 6. im Grazer Orpheum. 20 Uhr
  • Und jetzt scharf nachdenken: "Für die Leute aus Mexiko ist es in Mexiko nicht so wie Urlaub."
    foto: standard/corn

    Und jetzt scharf nachdenken: "Für die Leute aus Mexiko ist es in Mexiko nicht so wie Urlaub."

Share if you care.