Orchestrale Opernfragen

6. Juni 2007, 15:06
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Sollten Shicoff und Welser-Möst die Staatsoper übernehmen, werden sie womöglich von einer neuen Dienstvereinbarung profitieren

Wien - Ruhig war es geworden - als wollten die Gerüchte Atem holen. Nun aber läuft der Countdown, Kulturministerin Claudia Schmied hat ihre Staatsopernentscheidung für Mitte Juni angekündigt. Und so wollen informierte Kreise wissen, dass die Gespräche mit Tenor Neil Shicoff und auch Dirigent Franz Welser-Möst "weit fortgeschritten" seien. Der diskret angefragte Daniel Barenboim habe hingegen längst sein Desinteresse bekundet.

Der Betriebsrat des Staatsopernorchesters Michael Bladerer verfolgt die Lage mit Interesse, mag aber mit Namensnennungen nicht dienen. Wer immer es wird, solle aber "das Repertoiresystem beibehalten." Unerwünscht wäre ein Blocksystem wie etwa in Zürich, "das die Tätigkeit der Wiener Philharmoniker blockieren würde, weil ein Stück zehnmal gespielt wird - und dies immer in der gleichen Besetzung."

Die Struktur der philharmonischen Tätigkeit als Staatsopernorchester ist jedoch längst ein heißes Thema. Staatsoperndirektor Ioan Holender hat kürzlich im Standard-Interview erklärt, dass bezüglich des Einsatzes bei "Proben und Vorstellungen zum Überleben der Staatsoper eine Änderung notwendig ist. Die Philharmoniker sind immer öfter anderweitig im Einsatz. Und darunter leidet die Qualität. Wir haben zwar bei einer Neuinszenierung zwölf Proben, aber da die eingesetzten Musiker oft wechseln, sind es eigentlich nur sechs Proben." Holender ist dabei, mit dem Betriebsrat ein besseres Modell auszuarbeiten, nach Bladerer geht es aber nicht um Radikales, sondern um "eine vernünftige Adaptierung bei der Diensteinteilung. Die Philharmoniker haben auch früher viel außerhalb der Oper gespielt. Es gab bis zu hundert Schallplattensitzungen jährlich. Dieser Markt ist ziemlich weggebrochen, es hat sich der Schwerpunkt in Richtung Konzerte verschoben."

Grundsätzlich "studieren alle Musiker die Werke bei Neueinstudierungen oder Premieren ein. Bei Haupt-, Generalproben und Premieren und der Folgevorstellung spielten bisher immer die gleichen. Ab der dritten Vorstellung dann andere Kollegen, die das Werk mit dem Dirigenten studiert haben. Es ist falsch, zu sagen, dass Kollegen Werke spielen, die sie nicht studiert hätten."

Das gröbere Problem sieht Bladerer folglich im Ökonomischen: "Die Qualität des Staatsopernorchesters basiert auf der Tätigkeit der Philharmoniker. Die Leistungen des Staatsoperorchesters sind, gemessen an anderen Opernhäusern, Spitzenleistungen. Die Honorierung dagegen liegt bei vergleichbarer Arbeitsbelastung weit unter dem Niveau anderer großer Häuser, wir spielen 300 Vorstellungen pro Saison! Um verdienstmäßig konkurrenzfähig zu bleiben, wäre es nur verständlich, wenn die Wiener Philharmoniker - was derzeit nicht aktuell ist - ihre Tätigkeiten noch ausweiten würden."

Angesichts der Tatsache, dass mehrere Musiker "aus materiellen Gründen weggingen und weitere daran denken, ist es unabdingbar, das Gagensystem der Staatsoper auf einen international vergleichbaren Standard anzuheben. Ein Staatsopern-Tutti-Streicher hat die Verpflichtung, bis zu 17 Abenddienste pro Monat zu leisten. Eine Vorstellung, die mehr als vier Stunden dauert, zählt als Doppeldienst, in Deutschland ist dies schon nach drei Stunden und zehn Minuten der Fall. Das bedeutet, dass etwa Boris Godunow dort ein Doppeldienst wäre, bei uns aber als ein Dienst zählt. Eine Hauptprobe von sieben Stunden (wie Götterdämmerung) zählt bei uns als eine Probe, in Deutschland würden dafür bis zu drei Proben gerechnet!"

Konkreter will Bladerer bezüglich der neuen Einigung nicht werden; mindestes zwei Millionen Euro mehr würde es aber sicher kosten, meint er. Auch der Direktor ist dieser Meinung und dennoch für eine Anhebung der Gehälter. Spätestens ab 13. Juni könnte sich aber ein neues Team in die- se Diskussion einschalten. Da steht die nächste Aufsichtsratssitzung an, da muss die Ministerin die Mitglieder über "ihre" Ideen informieren ... (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.06.2007)

  • Die Gespräche mit dem Staatsopernfavoriten des Bundeskanzlers, Tenor Neil Shicoff, sollen sehr weit fortgeschritten sein ...
    foto: standard/cremer

    Die Gespräche mit dem Staatsopernfavoriten des Bundeskanzlers, Tenor Neil Shicoff, sollen sehr weit fortgeschritten sein ...

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    ... sehr gut im Rennen soll aber auch Dirigent Franz Welser-Möst sein.

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