Dialektik der Vollkommenheit

31. Juli 2007, 18:52
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Alain Platel & Les Ballets C. de la B. präsentieren eine ebenso verstörende wie beunruhigend schöne tänzerische Reflexion über die Strategien des Funktionierens

"vsprs" nennt Alain Platel seine getanzte Version der Marienvesper: Verstümmelt ist der wunderbar melodisch schwingende italienische Namen - vespro della beata vergine - aller Vokale beraubt, stattdessen mit einem zischenden Schluss-"s" versehen.

Ähnlich verfährt er mit Monteverdis 400 Jahre alter Komposition. Neben fünf Barockmusikern (der großartigen Sopranistin Claron McFadden und vier Bläsern) stehen zwei Gypsie-Streicher und drei Jazzer auf der Bühne, deren schräge Töne sich in der Bearbeitung von Fabrizio Cassol unter die reinen Klänge des Cremonesers mischen.

Was aber heißt Verstümmelung? Was Zerstückelung? Was Zertrümmerung? Dass der Veränderung, so zer- und verstörend sie auf den ersten Blick anmuten mag, der Keim eines unbekannten, neuen Reichtums innewohnt, lässt spätestens der Tanz der herausragenden zehn Solisten erahnen.

Dualistische Gegenüberstellungen des Denkens wie gesund - krank, vollkommen - unvollkommen lösen sich vor den Augen des Publikums als unbrauchbar auf: Dann nämlich, wenn gerade die Vollkommenheit dieser perfekt ausgebildeten Tänzer-Körper ihnen ermöglicht, sich in Bewegungen zu verknoten, deren sichtbar qualvolle Überbeanspruchung der eigenen Elastizität einer Selbstverstümmelung durchaus nahekommt. So etwa, wenn eine der Tänzerinnen an den hinter dem Rücken verdrehten Armen hängt - und anschließend die Schultern auskugelt, um sich aus der misslichen Situation zu befreien ...

Die Qual der Arbeit an der Vollkommenheit wird ebenso eindringlich fühlbar wie die eigentümliche Schönheit dessen, was gemeinhin unter "Behinderung" ausgegrenzt zu werden pflegt: Immer wieder münden die Soli der Tänzerinnen und Tänzer in zuckende Rhythmen, die an motorische Störungen des Bewegungsapparates erinnern. Der Abgrund des Unkontrollierbaren gähnt unmittelbar neben der Perfektion. Und - bietet Erlösung von ihr.

Funktion - Dysfunktion

Wie bereits in Wolf, Alain Platels herausragender Mozart-Paraphrase mit dem Wiener Klangforum, als Hunde das un-bewusste Körper-Gegenbild zur Körper-Maschine der Tänzer bildeten, entpuppt sich vsprs als rätselvolle Reflexion über die Strategien der Kontrolle. Über die Dialektik des reibungslosen Funktionierens, dem eine Dysfunktion innewohnt, und des Nichtfunktionierens als Verweigerung - und somit der Loslösung, Erlösung aus diktierten Zwängen. Nichts von alledem jedoch - und hierin liegt der wunderbare Reiz der Produktionen Alain Platels - wird klar formuliert. Jede Didaktik, jede inhaltliche Festlegbarkeit seiner Arbeiten liegt dem Belgier unendlich fern.

Eine spürbare Freiheit weht durch die Abende: Jede Tänzerin, jeder Tänzer findet zu einer höchst individuellen Bewegungschoreografie, sichtlich aus dem eigenen Temperament geboren.

Hierin verwandt zu einer Arbeit Pina Bauschs - oder, im Theaterbereich, Christoph Marthalers - rhythmisiert, ja komponiert der Nicht-Tänzer Platel seine Abende aus den Angeboten der Tänzer, findet zu einer ebenso entspannten wie zwingenden Szenenfolge. Einer Szenenfolge, die immer auch von einem erzählt: der Schwierigkeit eines kommunikativen Verstehens. Eine tiefe Trauer liegt über vsprs, die Platel und seine Tänzer auch im Finale nicht aufzulösen bereit sind.

Die Ersteigung des weißen Gipfels im Hintergrund erfordert ihre Opfer. Und was, wenn die weiße Masse sich nicht als Schnee entpuppt, sondern als tausende Exemplare zerschnittener, zerfetzter Unterwäsche?

Trost? Er findet sich, wie in jeder großen Theaterproduktion, in der restlosen Hingabe der Tänzer. (Cornelia Niedermeier / SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.05.2007)

>> "vsprs"
Am 5., 6. und 8. Juni um 20.00 im Theater an der Wien
  • Zwänge, Qual - und die irritierenden Wege der Befreiung stehen im Mittelpunkt von "vsprs" des belgischen Choreografen Alain Platel.
    foto: van der burght

    Zwänge, Qual - und die irritierenden Wege der Befreiung stehen im Mittelpunkt von "vsprs" des belgischen Choreografen Alain Platel.

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