Ungarn rufen zum Boykott von österreichischem Bier auf

13. Juli 2007, 15:41
66 Postings

Umweltschützer kündigten Grenzblockaden an - Verdächtigte Lederfabrik beruft sich auf gültigen Rechtsbescheid

Umweltschützer der Organisation Pronas rufen die ungarische Bevölkerung zum Boykott österreichischer Produkte und vor allem von österreichischem Bier auf. Das berichtete der ORF im Ö1-Mittagsjournal am Freitag. Am Donnerstag sei erstmals eine ungarisch-österreichische Expertengruppe zusammengetreten, die Lösungsvorschläge gegen die Verschmutzung der Raab ausarbeiten soll. Die schäumende Raab fließt direkt neben einem neuen Themalbad vorbei, das die Gemeinde Szentgotthard errichtet hat. Die burgenländische BEGAS plant außerdem in Sichtweite des Bades eine Müllverbrennungsanlage.

Die Umweltschützer drohen, der Boykott sei nur der Anfang. Es werde Grenzblockaden und Menschenketten gegen den Bau der Verbrennungsanlage geben, kündigte ein Sprecher an.

Lebensmittelkette: "Nichts gemerkt"

"Wir haben weder an unserem Umsatz noch am Kaufverhalten unserer Kunden etwas gemerkt", kommentierte die Kommunikationsleiterin von Spar Ungarn, Zsuzsa Laber, den Aufruf ungarischer Umweltorganisationen zum Boykott österreichischer Produkte. Laut Laber habe man auch erst aus den Medien davon erfahren, dass die Aktivisten wegen des ungarisch-österreichischen Konfliktes in puncto Raab-Verschmutzung dazu aufgerufen hatten, nicht bei Filialen von Spar einzukaufen und OMV-Tankstellen zu meiden.

Bereits am 25. Mai hatte das Demokratische Forum der Jugend (IDF) im ostungarischen Komitat Szolnok erstmals zum Boykott österreichischer Produkte und Dienstleistungen aufgerufen, um Druck auf das "umweltbewusste Österreich, das sich jedoch die Hände in Unschuld wäscht, wenn es Umweltschäden außerhalb seiner Landesgrenzen verursacht", auszuüben. Bis dato löste dieser Boykott-Aufruf weder in der ungarischen Presse noch in der Öffentlichkeit besondere Reaktionen aus. Auf Anfrage der APA zeigten sich auch die Vertreter der OMV verblüfft: Von einer Meidung ihrer Tankstellen wisse man nichts, hieß es.

Allein die Aktivisten von Pro Natura, einer Bürgerbewegung in der Grenzstadt Szentgotthard, unterstützen laut APA die Aktion. Pro Natura, die im November 2006 durch den lokalen Verein Szell Kalman gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, in enger Kooperation mit den örtlichen kommunalen Behörden gegen jegliche Umweltschäden in ihrem Wohnort aufzutreten. Als "primäres Anliegen" bezeichnet sie "die Verhinderung der Errichtung der Müllverbrennungsanlage", die unmittelbar an der Grenze bei Szentgotthard gebaut werden soll.

Kommission: Vorläufig keine Eingriffe

Die österreichisch-ungarische Kommission zum Thema Raab ist schon zusammengetreten. Wie der Kabinettschef des ungarischen Ministeriums für Umweltschutz und Wasserwesen, Isvan Öri, der gleichzeitig ungarischer Co-Präsident der Kommission ist, nach der ersten Sitzung des Gremiums am 30. Mai erklärte, habe man vorläufig keine konkreten technischen oder rechtlichen Eingriffe beschlossen.

Man habe in den nächsten drei Wochen vor, in Zusammenarbeit mit Experten einen Aktionsplan zu erarbeiten, der sämtliche Lösungen für das Problem beinhalten solle. Dieser Aktionsplan werde der nächsten Sitzung in Wien am 21. Juni 2007 vorgelegt. Laut Öri können einige Maßnahmen, wie z.B. die Veränderung wasserrechtlicher Genehmigungen, relativ kurzfristig getroffen werden. Weitere Schritte, die konkrete Investitionen oder die Anwendung neuer Wasserklär-Technologien betreffen, bräuchten jedoch einen größeren Zeitaufwand.

Von Boxmark sei bereits eine Stellungnahme angefordert worden, wie der Kreisvorstandsvorsitzende von Feldbach, Wilhelm Plauder, am Donnerstag in einer Sendung des ungarischen Radios erklärte. Man habe schon im Februar und März Grenzwertüberschreitungen bei Verschmutzungen festgestellt, für die die Fabrik binnen zwei bis drei Wochen eine Erklärung geben müsse. Laut Plauder könne man erst dann über eine eventuelle Strafe entscheiden.

Lederfabrik beruft sich auf gültigen Rechtsbescheid

Boxmark hat sich zu den Messergebnissen der von Greenpeace entnommenen Abwasserproben im Fluss Raab in einer Stellungnahme geäußert: Die von der Umweltschutzorganisation erhobenen Forderungen "fußen auf zum Großteil nicht nachvollziehbaren Interpretationen und Falscheinschätzungen". In einer Aussendung am Freitag fordern die Grünen eine "Verschärfung der Grenzwerte für die Lederindustrie".

Boxmark beruft sich in der Stellungnahme auf den seit 1994 rechtsgültigen wasserrechtlichen Bescheid sowie einem 1999 "dem Stand der Technik entsprechenden Projekt eingereichten" Wiederverleihungsantrag, über den bisher seitens der steirischen Landesregierung nicht entschieden wurde. Außerdem seien die von Greenpeace gezogenen Abwässer Stichproben, die "bezüglich der Grenzwerte keine Aussagekraft" hätten. Weiters wies der Betrieb darauf hin, dass der überwiegende Teil der getesteten Werte - wie etwa für Chrom und absetzbare Stoffe - von der Umweltschutzorganisation gar nicht bemängelt wurde.

Verschärfte Grenzwerte gefordert

In der Aussendung am Freitag sagte die Umweltsprecherin der Grünen, Ruperta Lichtenecker, das Umweltministerium habe schon im Februar bestätigt, dass der "Hauptteil der Schaumbelastung gemäß den Erkenntnissen der TU Wien aus der Lederindustrie" stamme. Daher fordere man verschärfte Grenzwerte und eine "Reduktion der absoluten Abwassermengen" für die Lederindustrie, so Lichtenecker. Sollte das noch nicht ausreichend sein, soll ein so genannter Bewirtschaftungsplan für die Raab erheben, welche weiteren Verursacher es für den Raab-Schaum gebe.

Die steirische Grünen-Klubobfrau Ingrid Lechner-Sonnek verlangte indessen von den Landesräten Manfred Wegscheider (SPÖ) und Johann Seitinger (ÖVP), zu erklären, warum sich "erst am 21. Mai dieses Jahres alle für die Raab zuständigen Behördenleiter zu einer gemeinsamen Besprechung getroffen" hätten, um "die rechtliche Komplexität der Causa" zu bereden. (APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die durch Schaum verschmutzte Raab im südburgenländisch-ungarischen Grenzgebiet

Share if you care.