Architektur ist nicht alles

1. Juni 2007, 14:21
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Mit besonderem Augenmerk auf die "Nullphase" und mit eigenen "Wärmekarten" nähern sich die Architekten von "archipel architektur+ kommunikation" ihren Projekten. Damit lässt sich Nachhaltigkeit lukrieren - wie etwa mit dem Museumszentrum Mistelbach.

Die architektonische Planung des Museumszentrums Mistelbach stammt vom in Wien und Gars am Kamp ansässigen Atelier "archipel architektur +kommunikation". Der Büroname der Architekten Johannes Kraus und Michael Lawugger ist Programm. Einerseits steht Archipel, der Begriff für eine Inselgruppe im Meer, für eine vernetzte Arbeitsweise. Je nach Projekterfordernis verknüpft sich "archipel" mit anderen Planern und Kommunikationsexperten. Andererseits ist zwar Architektur die zentrale Kompetenz, nicht aber die alleinige.

Kraus und Lawugger legen Wert auf die Vorbereitung der architektonischen Planung, die "Nullphase": "Unsere Aufgabe als Architekten verstehen wir auch so, das Potenzial einer Aufgabenstellung vor der eigentlichen Bauaufgabe zu analysieren und freizulegen."

In diesem Zeitraum fallen wichtige Entscheidungen. Es geht darum, die Nachhaltigkeit zu überprüfen und so Investitionssicherheit zu gewährleisten - wie das im Falle des Museumszentrums in Mistelbach mit einem für diese Stadt großen Budget wichtig ist. Trotz der Bedeutung der "Nullphase" wird sie im Alltag oft vernachlässigt. Viele Auftraggeber denken, dass sie Entscheidungen über Grundstückswahl, Einbindung in den Kontext, Verfahrensablauf, Raum- und Funktionsprogramm selbst fällen können - ohne professionelle Unterstützung. Hier kommt "archipel" ins Spiel. Erfolgreiche Projekte werden durch intensive Workshops und Einbeziehung der betroffenen Bevölkerung vorbereitet.

Befragungsinstrument

Die Architekten entwickelten dafür ein Befragungsinstrument, eine "mind map", in Form eines Stadtplans. In den kann jeder eintragen, welche Orte er attraktiv oder unattraktiv findet. Diese "Wärmekarte" mit roten und blauen Zonen wurde erstmals für die stadträumliche Untersuchung des siebten Wiener Bezirks im Rahmen des EU-Projektes "Wolke 7" eingesetzt: Von 12.000 ausgesendeten Fragebögen kamen erstaunliche vierzig Prozent ausgefüllt zurück. Die visuelle Überlagerung der Antworten ergab ein aussagekräftiges Bild der Stärken und Schwächen des öffentlichen Raums in Neubau.

Dieselbe Methode wurde für die Vorbereitung des Museumszentrums Mistelbach eingesetzt. Ergebnis war, dass der Standort des Museumszentrums als Teil einer Kette öffentlicher Räume durch Mistelbach konzipiert wurde, die den Namen "Dionysios-Weg" erhielt. Dieser Weg verbindet Bahnhof und Hauptplatz mit Fachschule und zukünftigem Stadterweiterungsgebiet zwischen Obstgärten und Weinbergen und sorgt somit für die nachhaltige Integration des Kulturprojektes in die Struktur Mistelbachs.

Die Gebäude der Kulturanlage sollen Nitschs Kunstwerke unterstützen, nicht konkurrieren. Dem entsprechend die architektonische Formulierung von Kraus und Lawugger: "Die Aufgabe eines Museums legt die Idee einer mittelalterlichen Klosteranlage nahe. Auch Nitschs Gesamtkunstwerk soll darin durch den strengen Plan gefasst werden, in den Gebäude und Freiräume eingefügt sind."

Das erste große realisierte Projekt des Ateliers war die Realisierung eines schwimmenden Themenparks der botanischen Erdgeschichte für die Internationale Gartenausstellung im norddeutschen Rostock 2003. Kraus studierte ebenso wie Lawugger bei Hans Hollein an der Universität für angewandte Kunst in Wien.

Später folgte die Tätigkeit für Coop Himmelblau als Projektarchitekt für das Ufa-Kinozentrum in Dresden, bevor die gemeinsame Selbstständigkeit gestartet wurde. Heute haben "archipel" vor allem eine Liste regionaler Kultur- und Ortsentwicklungsprojekte in Niederösterreich in der Pipeline.

Dabei handelt es sich etwa um die Neuordnung des Zentrums von Schwadorf bei Schwechat, wo unter Beteiligung der betroffenen Bürger eine neue Identität für den Ortskern gefunden werden soll. Beispielhaft ist die Vorbereitung eines Kulturprojektes für Laa an der Thaya: Durch die intelligente Neunutzung eines ehemaligen Möbelhauses im Ortszentrum soll Raum für ein Kutschenmuseum geschaffen, weiters ein bisher fehlender Festsaal ermöglicht und schließlich ein Anziehungspunkt für die Gäste der Therme Laa in der Altstadt erzeugt werden. Bürgerbeteiligung und die Abhaltung einer "Nullphase" gehören zu den Aspekten im Leistungsbild von "archipel", die vom Auftraggeber Sängerknaben offensichtlich nicht in Anspruch genommen wurden.

Bereits viele Jahren arbeiten Kraus und Lawugger an einem neuen Konzertsaal für die Buben in den Matrosenanzügen, mittlerweile planen sie am dritten Standort.

Das jüngste Projekt, der "Konzertkristall" am so genannten Augartenspitz in Wien-Leopoldstadt, ist allerdings aufgrund eines Konkurrenzprojektes, das Delugan-Meissl Associated Architects für das Filmarchiv Austria und die Viennale am gleichen Grundstück geplant haben, derzeit wild umstritten. Das Kinoprojekt scheint momentan die besseren Karten haben.

Doch wer weiß: Hermann Nitschs Bereitschaft, eine Messe für die Sängerknaben zu schreiben, wird kolportiert. Vielleicht mischt das die Karten neu. (Robert Temel /SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2007)

  • "archipel architektur+kommunikation": links Michael Lawugger, in der Mitte Johannes Kraus.
    foto: anna blau

    "archipel architektur+kommunikation": links Michael Lawugger, in der Mitte Johannes Kraus.

  • Das Modell zum Nitsch- Museum  in Mistelbach
    foto: archipel

    Das Modell zum Nitsch- Museum in Mistelbach

  • Wärmekarte vom siebten Wiener Bezirk. Rote Bereiche sind attraktiv, blaue eher nicht.
    foto: archipel

    Wärmekarte vom siebten Wiener Bezirk. Rote Bereiche sind attraktiv, blaue eher nicht.

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