Nur immer im Fluss bleiben

1. Juni 2007, 18:52
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Nicht nur die Kunsthalle Krems geht auf sein Konto, auch das Nitsch-Museum hat er ins Leben gerufen: Wolfgang Denk

STANDARD: Das Museumszentrum Mistelbach ist Ihr zweites Start-up-Unternehmen im Kunstbereich: Nach der Kunsthalle in Krems jetzt Mistelbach. War die Ausgangslage vergleichbar? Worin unterscheiden sich die beiden Projekte?

Denk: Die Kunsthalle Krems war ein radikales Riesenabenteuer, bei dem die Idee und die Konzepte zuerst ausschließlich von mir entwickelt wurden. Die Wurzel des Konzeptes ging auf die drei Ausstellungen die ich beim ersten (und einzig wirklichen) Donaufestival unter dem Titel Balance-akte 88 kuratiert und organisiert hatte. Es ging um die Darstellung der niederösterreichischen Szene sozusagen aus der Diaspora, da damals die lokalen Kunstperspektiven die Platzhirschen kürten.

STANDARD: Und dann?

Denk: Dann kam die Ausstellungstournee Aus dem Zusammenhang (1989-90), die "den Eisernen Vorhang zum Einsturz brachte", und mit den internationalen Projekten Wasser und Wein mit Kurator Werner Hoffmann und Chaos Wahnsinn mit Johannes Gachnang als Protagonist schien die internationale "Mitsprache" in der aktuellen Kunstszenerie gesichert. Außerdem habe ich damals - viel geprügelt - Ausstellungszyklen machen können, die auch "holistisch" historische Kunst (Alfons Mucha, Ikonen aus dem Benakimuseum, Das andere Mittelalter beleuchtet von Brigitte Kowanz) in neue Zusammenhänge stellen konnten. Das war Begeisterung pur. Und mit der Krischanitz-Halle kam mein Konzept der Kunstmeile Krems, die bei mir noch Kunstzone hieß. Die Entstehung der Kunsthalle Krems war als öffentliche Performance angelegt.

STANDARD: Und dann kam Mistelbach ...

Denk: Das Museumszentrum Mistelbach geht aus der Planung des Hermann-Nitsch- Museums hervor und gräbt sich viel tiefer in der Region ein. Das Umfeld hat viel weniger Erfahrung welche Paradigmen notwendig sind, um auf das überregionale Niveau für den "Starkünstler" der Region, Hermann Nitsch, zu kommen. Es gibt aber einen Bürgermeister, der von der Begeisterung für Nitsch getragen wird und ungeheure Unterstützung von der Stadtgemeinde: Die Liga wird von Lower Austria Contemporary regional mitgetragen werden. Also: Der Mittelpunkt des Universum ist gerade dort, wo es passiert.

STANDARD: Wie ist es gelungen, Politik, Kirche, Nitsch und Denk unter einen Hut zu bekommen?.

Denk: 1994 habe ich mit Nitsch, Mucha und Susanne Wenger einen Schwerpunkt - "Das große Welttheater" - gemacht": So ähnlich könnte der Zugang zu dieser Frage beantwortet werden.

STANDARD: Krems war als Kunsthalle, als permanenter Wechselausstellungsbetrieb angelegt, zumindest der Hermann-Nitsch-Teil in Mistelbach, als Museum: Wie bleibt das Museum lebendig?

Denk: Durch permanentes "im Fluss" bleiben, kein Stillstand! Da wird's aber darauf ankommen, wie wir dotiert werden und wie unterstützt wir selbst etwas erarbeiten können!

STANDARD: Soll man sich die Zukunft von Mistelbach jetzt als Bayreuth für Hermann Nitsch ausmalen?

Denk: Schön wär's, aber eine Freundin wie Winifred Wagner brauchen wir absolut nie mehr. Außerdem ist Nitsch nicht national, sondern mindestens auf der "Mythosgeschichte" von ganz Europa und Westasien. Er ist umfassender als Wagner. Und Weihefestspiele können erst, sagen wir, ab 2030 geplant werden!

STANDARD: Was ist an Aktivitäten neben der Nitsch-Pflege und -Forschung angedacht?

Denk: Mit der Lebenswelt Weinviertel-Halle soll der Bezug des Regionalen zu jener Welt, die ja schon an den Grenzen Mistelbachs beginnt - Brno, Tschechien und die Slowakei sind näher als Wien und viel näher als St. Pölten - betont werden.

STANDARD: Was kann man sich unter dem geplanten "Messweinarchiv" vorstellen?

Denk: Das Messweinmuseum soll ein "überschaubarer" Tummelplatz von Kulturen die mit spirituellen Substanzen rituell arbeiten werden: Vom "heiligen Wein" bis zu Dionysos, von der Transsubstation von Blut und Wein, bis zur kubanischen Santeria. Da ist Nitsch nicht weit! Die Geschichte des Weines, davon lebt nicht nur das Weinviertel.

STANDARD: Gibt es von künstlerischer Seite her Auflagen für die Gastronomie im Museumszentrum Mistelbach?

Denk: Im Augenblick nur die Architektur und der Kontext, aber die Anbindung muss größer werden, den die Leute sollen ja eingestimmt werden, so wie mit der Piazza: Kunst und Lebensfreude.

STANDARD: Wie vertragen sich der Künstler, der künstlerische Leiter in Mistelbach und der "Repräsentant" Susanne Wengers untereinander?

Denk: Die beiden Künstler sind jedenfalls von der persönlichen Geschichte und vom "theoretischen" Unterbau viel ähnlicher, als man glaubt, verwurzelt im Wien der Jahrhundertwende von 19 auf 20. Weitere Verbindung, auch mit mir: Vita spericulata - der Lebensweg als Abenteuer!

STANDARD: Was fehlt jetzt noch unter der Dachmarke Lower Austria Contemporary?

Denk: Ein Arnulf-Rainer-Museum! Rainer ist einer der großen, der auch von Nitsch als Vorbild geschätzt wird. Und ein Susanne-Wenger-Museum an der Kunstmeile Krems mit einer Galerie für unser Spezialgebiet: Contemporary African Art und "Air", ein Artist-in-Residence-Programm. Und vielleicht auch die Rückkehr der Kunsthalle Krems zu mehr zeitgenössischer Spannung.

STANDARD: Zurück zu Hermann Nitsch: Dessen historische Verdienste sind unbestritten. In welchem Kontext sehen Sie die aktuelle Produktion?

Denk: Hermann Nitsch ist als Phänomen der Intensität zu sehen: diese Kraft über Jahrzehnte, die beunruhigende Ausuferung des Denkens und Handelns, die Vollendung des Aktion-Paintings. Das Aktuelle ist die Intensität und der für mich nur scheinbare Anachronismus seiner Welttheater Vorstellung. Das ist wie Charly "Bird" Parker oder Schönberg oder Edgar Varese. Die spielen sich auch die Seele aus dem Leib. Das Spannende ist, dass Hermann Nitsch die kurzen Moden im Kunstbetrieb nicht einmal ignoriert und trotzdem durch die Intensitäten, die er setzt, ein Vorreiter bleibt. Und zuerst war er ignoriert, abgelehnt, und jetzt soll er - (inhaltlich) ignoriert als Ikone - "quasi" sediert werden. Und außerdem gilt es den Bezug zu neuesten Nitsch-Apologeten wie etwa Damien Hirst und sonstigen Vertretern der gegenwärtigen Szene zu prüfen. Aber vor allem: Um all das festzustellen, musste das Nitsch Museum einfach gemacht werden. (SPEZIAL/ DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2007)

Zur Person
Wolfgang Denk
(geb. 1947) ist seit 1967 freischaffender Künstler, seit 1982 auch als Ausstellungsmacher tätig. Er ist Gründungsdirektor der Kunsthalle Krems und des Museumszentrums Mistelbach. >>>Mehr in einem Text von Denk über Nitsch: "Das Mystische und die Mysterien sind subversiv"
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    Wolfgang Denk über den Künstler: "Hermann Nitsch ist als Phänomen der Intensität zu sehen: diese Kraft über Jahrzehnte, die beunruhigende Ausuferung des Denkens und Handelns."

  • Denk: "Nitsch ist umfassender als Wagner. Aber Weihefestspiele können erst ab 2030 geplant werden."
    foto: rohrauer

    Denk: "Nitsch ist umfassender als Wagner. Aber Weihefestspiele können erst ab 2030 geplant werden."

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