Ein Herz für Kleinbürger

8. Juni 2007, 13:59
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Der Krimiautor Petros Markaris übersetzt Goethe und klärt moderne Verbrechen mit altmodischer List auf - Anlässlich der Kriminacht in den Kaffeehäusern, liest er in Wien

Wien – Mit Kommissar Kostas Charitos ist nicht gut Kirschen essen. „Ich stehe dazu, ein mittelständischer Kleinbürger zu sein, dessen Leben sich zwischen kleinen Freuden und kleinen Rachefeldzügen abspielt“, äußert er in seinem jüngsten Fall Der Großaktionär als Selbsteinschätzung.

In einem früheren Roman entfuhr ihm: „Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung: Rassismus und Schwarze.“ Als unsympathischer, mürrischer, im Grunde jedoch gutherziger Ermittler könnte die Figur des griechischen Bestsellerautors Petros Markaris auch der Held eines Austro-Krimis sein.

Der 70-jährige Markaris hat einen starken Bezug zu Österreich und zur deutschen Sprache. Als Parade-Export der griechischen Literatur lässt er sich nur ungern verkaufen: „Ich möchte nicht als griechischer Autor kategorisiert werden, der deutschen Literatur fühle ich mich näher.“ Immerhin hat er Brecht ins Neugriechische übertragen und zuletzt 2002 Übersetzungen von Goethes Faust I und Faust II publiziert. Auch seine Krimis wurden in Griechenland erst über den Umweg Deutschland populär.

Markaris wurde 1937 als Sohn einer Griechin und eines Armeniers in Istanbul geboren, er besuchte dort ein österreichisches Gymnasium und studierte in den Fünfzigerjahren in Wien und Stuttgart Volkswirtschaft. Mit Begriffen wie Heimat kann er nichts anfangen: „Was heißt Heimat? Ich bin in Istanbul aufgewachsen. Aber ich habe nie die Türkei als meine Heimat akzeptiert, nicht das ganze Land.“

Heute versteht sich der Autor von Romanen, Theaterstücken und zahlreichen TV-Drehbüchern als Athener. Mit der Stadt in ihrer jetzigen Form verbindet ihn eine Hassliebe. In seinen hintersinnigen Krimis beobachtet er an ihrem Beispiel die Folgen der Globalisierung, von der Verramschung griechischer Kultur bis zum Erwachsenen einer neuen Verbrecherklasse („Die haben keine Schießeisen mehr, die gehen nur noch mit Geld um“).

Dass er ein Traditionalist ist, der seinem Kommissar viele seiner eigenen Ansichten über die moderne Gesellschaft und ihre Hirnverbranntheiten, über die Wirtschaft und den schwindenden Wert des Einzelnen in den Mund legt, daraus macht der Autor kein Geheimnis. Dabei war sein Kommissar eine Zufallschöpfung, mit der sich der Altlinke Markaris erst anfreunden musste:

„Dieser Kommissar und kleinbürgerliche Familienvater war jeden Tag in meinem Kopf und wollte nicht weg. Als Linker habe ich keine Sympathie für Bullen, die waren in Griechenland lange Zeit das Synonym für Faschisten. Durch ihn aber sah ich ein, dass diese armen Polizisten Kleinbürger sind. Sie haben die gleichen kleinen Träume, dass ihre Kinder studieren und Anwälte werden sollen.“

Mastercard, Mafiocard

Der Großaktionär (Diogenes Verlag ) ist der vierte Fall für Kostas Charitos und nicht nur ein Krimi. Auf fast 500, mitunter ein wenig weitschweifig erzählten Seiten dient die Handlung oft lediglich als ein Vorwand, um über die Macht der Aktionäre zu räsonieren, die Medien zu kritisieren oder über Terrorismus und die Rolle griechisch-orthodoxer Freiwilliger im Kampf um Srebrenica nachzudenken.

Markaris erweist sich als erstaunlich leichtfüßiger Tänzer zwischen ernsten Themen, Spannung in US-Krimi-Manier und purer Unterhaltung. So wie sein Kommissar manchmal bewusst Spuren verwischt, damit sich seine Vorgesetzten nicht im Licht seiner Ermittlungserfolge sonnen können, verwischt er die Grenzen zwischen E und U, wie es wohl nur einem Autor mit einiger Lebensweisheit vergönnt ist.

In künftigen Romanen wird Kommissar Charitos die Globalisierung des Verbrechens immer mehr zu schaffen machen. Sein Schöpfer prophezeit: „In zehn Jahren werden wir neben der Mastercard noch eine Mafiocard ganz selbstverständlich bei uns tragen.“ Markaris sagt das in einem beiläufigen Tonfall, der ausdrückt: Athen und das Kleinbürgertum werden auch das aushalten. (Sebastian Fasthuber / DER STANDARD, Printausgabe, 01.06.2007)

Link
www.kriminacht.at

Petros Markaris liest heute um 21 Uhr im Rahmen der Wiener Kriminacht bei der Fernwärme Wien, 9., Spittelauer Lände 45, aus dem Roman.
  • Der deutschen Literatur fühlt sich der als Sohn einer Griechin und eines Armeniers in Istanbul geborene Petros Markaris, der ein österreichisches Gymnasium besuchte und in Wien studierte,  näher als der griechischen.
    foto: regine mosimann/diogenes

    Der deutschen Literatur fühlt sich der als Sohn einer Griechin und eines Armeniers in Istanbul geborene Petros Markaris, der ein österreichisches Gymnasium besuchte und in Wien studierte, näher als der griechischen.

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