Männer laufen anders, Frauen auch

22. Februar 2008, 11:02
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"Die Willenskraft ist bei Frauen stärker - die narzisstische Kränkbarkeit des Mannes höher", meint Sportpsychologe Amesberger im Interview

Mehr als 14000 Frauen laufen am Sonntag den Frauenlauf in Wien. Männlich dominiert ist der Laufsport schon seit Jahren nicht mehr. Trotzdem verkauft sich "Männersport" nach wie vor besser als "Frauensport", weiß der Sportpsychologe Günter Amesberger. Von der Unterscheidung Männersport – Frauensport hält er jedoch generell wenig.

derStandard.at: Was hat Gender-Mainstreaming mit Sport zu tun?

Amesberger: Gender-Mainstreaming sind politische Strategien, die der Gleichstellung von Männern und Frauen auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens dienen. Im Sport ist das besonders schwierig. Nach wie vor sind in Sportorganisationen nur wenige Frauen in Führungspositionen vertreten. Ein weiteres wichtiges Thema ist, dass Frauen noch immer nicht uneingeschränkten Zugang zu allen sportlichen Aktivitäten haben. Mit der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit von Männern und Frauen hat Gender-Mainstreaming nichts zu tun.

derStandard.at: Existiert er überhaupt der typische Männer- beziehungsweise Frauensport, oder geht es vielmehr um Rollenklischees?

Amesberger: Das hängt immer von der Perspektive ab. Natürlich gibt es leistungsphysiologische Unterschiede in der Trainierbarkeit von Kraft und anderen physiologischen Parametern. Der Rest sind Rollenzuschreibungen. Nach dem Rollenverständnis unserer Gesellschaft ist Boxen ein typischer Männersport und rhythmische Sportgymnastik ein Frauensport.

derStandard.at: Aber ist nicht vor allem die Frage, warum Sport bei Männern und Frauen grundverschieden ist?

Amesberger: Doch, es scheint so zu sein. Allerdings ist dieser Punkt im Breitensport wissenschaftlich kaum untersucht. Sicher ist, dass das konkurrierende Prinzip bei Männern viel dominanter ist.

derStandard.at: Aber gerade Frauen sagt man doch auf anderen Ebenen immer ein sehr hohes Konkurrenzdenken nach?

Amesberger: Frauen haben beim Sport vor allem ein sehr hohes soziales Anschlussmotiv und offensichtlich ist die narzisstische Kränkbarkeit des Mannes im Sport doch höher als die der Frau. Es ist eine typische männliche Verhaltensweise, in Situationen, in denen man beobachtet wird, schneller zu laufen. Bis zu einem gewissen Grad ist aber natürlich auch bei Frauen der Wunsch vorhanden, sich mit anderen im Sport zu messen.

derStandard.at: Männersport gilt als universell. Frauensport ist etwas von der Norm abweichendes, besonderes. Ist Männersport mehr wert?

Amesberger: Bezogen auf monetäre Werte, verkauft sich Männersport immer noch besser als Frauensport. Im Sinne eines humanistischen Wertes ist diese Sichtweise natürlich überhaupt nicht angebracht. Dass Männersport in der Regel medial höhere Einschaltquoten hat als Frauensport, ist einfach ein gesellschaftliches Faktum und hat sicherlich mit Wertzuschreibung zu tun.

derStandard.at: Frauen spielen gerne Fußball. Warum gibt es kaum Männer die "weibliche Sportarten" ausüben?

Amesberger: Eine spannende Frage, die sich wissenschaftlich nicht begründen lässt. Immerhin ist in Wien Teil der Aufnahmeprüfung für das Sportstudium, eine Rhythmusübung für die Männer. Ich denke, dass wir nach wie vor in einer sehr leistungsorientierten Gesellschaft leben, in der es ästhetisierende Sportarten schwer haben, an Wert zu gewinnen.

derStandard.at: Langstreckenläuferinnen sind auffallend dünn und besitzen kaum Busen. Verlieren Frauen durch den Sport Ihre Weiblichkeit, oder ist das Bild, dass sportliche Frauen unweiblich aussehen, von Männern geprägt worden?

Amesberger: Natürlich sind die Bilder von Weiblichkeit von Geschlechternormen geprägt. Wenn ich behaupte, dass eine Frau unweiblich ist, nur weil sie weniger Brust hat, dann ist das ein sehr reduziertes Frauenbild. Trotzdem spiegelt es sich in den klassischen Normbildern des Mannes oft wider. Umgekehrt wird aber auch die Attraktivität von Sport treibenden Frauen ausgenutzt. Es werden viele Fotos gemacht, die den Eindruck vermitteln, dass es weniger um den Sport der Frau, als um die Frau im Sport geht.

derStandard.at: 1980 wurde offiziell bestätigt, dass Langstreckenläufe für Frauen medizinisch ungefährlich sind. Seither haben Frauen eine enorme Leistungsentwicklung hinter sich. Findet irgendwann vielleicht doch der Ausgleich mit den Männern statt?

Amesberger: Physiologen behaupten, dass sich das von der gesamten Trainierbarkeit nicht ausgeht. Von den mentalen Vorraussetzungen sehe ich keinen limitierenden Faktoren. Im Gegenteil die Willenskraft ist bei Frauen sogar stärker ausgeprägt. Der Grund warum diese medizinischen Fakten erst so spät gekommen sind, liegt daran, dass lange Zeit nur Männer untersucht wurden und die Sportmedizin ebenfalls extrem männlich geprägt ist.

derStandard.at: Man sagt Frauen sind ausdauernder wie Männer. Macht das Marathonlaufen zu einer weiblichen Sportart?

Amesberger: Ich habe meine Probleme mit der Unterscheidung männliche oder weibliche Sportart. Aus meiner persönlichen Sicht ist Marathonlaufen eine klassische Sportart beider Geschlechter. Laufen generell ist eine sehr ausgeglichene Sportart.

derStandard.at: Sie halten also nichts von dieser geschlechtertypischen Zuordnung?

Amesberger: Genau. Wichtiger ist es zu erkennen, dass das Erleben von Sport bei Männern und Frauen verschieden ist und man Rollenklischees erkennt. Der Sport dient dem Menschen und nicht der Mensch dem Sport. Und genau aus dieser Perspektive versuche ich Sportlerinnen und Sportler in meiner Beratungstätigkeit zu begleiten.
(Regina Philipp/31.05.2007/derStandard.at)

Zur Person
Günter Amesberger (48) ist seit 2005 am Interfakultären Fachbereich Sport- und Bewegungswissenschaft/USI der Universität Salzburg tätig.

Als Sportpsychologe und Sportpädagoge leitet er unter anderem das Österreichischen Bundesnetzwerkes Sportpsychologie.

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zum Österreichischen Frauenlauf

  • Amesberger: "Es gibt ein großes Defizit an Trainerinnen im Frauensport. Ein Punkt der für die Entwicklung des Sports sehr wichtig ist."
    foto: privat

    Amesberger: "Es gibt ein großes Defizit an Trainerinnen im Frauensport. Ein Punkt der für die Entwicklung des Sports sehr wichtig ist."

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