"Hochqualifizierte Leute sitzen herum und drehen Däumchen"

Redaktion, 28. Mai 2008 10:38

TU-Vizerektor Kaiser im derStandard.at-Interview über fremdenrechtliche Hürden für Studierende und Forscher, lange Verfahren und zurückgezahlte Stipendien

"Ich empfinde das, was momentan passiert, als Schikane". Der Vizerektor der Technischen Uni Wien, Hans Kaiser, ist über die Stolpersteine des neuen Fremdenrechts empört. Österreich zerstöre durch übermäßige Bürokratie und lange Verfahrensdauer das sein an und für sich gutes internationales Standing. Im Interview mit derStandard.at sprach Kaiser über saudiarabische Gäste, zurückgezahlte Stipendien und notwendige Änderungen: "Ich verlange namens der österreichischen Universitäten, dass das Fremdenrecht novelliert wird, mit einem eigenen Paragrafen für die Bedürfnisse der Wissenschaft."  Das Gespräch führte Anita Zielina.

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derStandard.at: Was ist Ihrer Einschätzung nach das größte Problem des momentanen Fremdenrechts, bezogen auf die Universitäten?

Kaiser: Das sind die langen Verfahrensdauern, die absolut nicht mit dem Universitätsbetrieb kompatibel sind. Das betrifft sowohl StudentInnen als auch Lehrpersonal. Fangen wir bei den StudentInnen an: Sagen wir, jemand möchte bei uns gern Musik studieren. Er reist mit einem Visum ein, macht die Aufnahmeprüfung, schafft sie auch. Er kann erst dann um einen Aufenthaltstitel ansuchen, wenn er diese Aufnahmebestätigung von uns bekommt. Er muss dann in sein Heimatland zurückfahren, den Antrag stellen, der wird nach Österreich versendet, hier wird entschieden, dann geht der Antrag per Diplomatenpost – die nur alle 14 Tage geschickt wird – zurück. Der Student muss wieder an die Botschaft reisen, und, so Gott will, kann er zu uns kommen.

Das Verfahren dauert in vielen Fällen fünf, manchmal sogar sechs Monate. Damit ist der Studienplatz natürlich weg. Der wird nämlich für das laufende Semester vergeben, und das ist dann ja vorbei.

derStandard.at: Wie sieht es mit organisierten Austauschprogrammen aus? Ist die Lage da besser?

Kaiser: Nicht wirklich. Ein Beispiel: Das internationale Programm Erasmus Mundus, mit dem die EU Studenten aus anderen Kontinenten ein Masterstudium ermöglichen will. Wir haben so ein Programm in "Computational Logic", an dem Wien, Bozen und eine spanische Uni beteiligt sind. Nach einem langen Ausleseprozess bekommt ein Student aus einem Drittstaat ein großzügiges Stipendium von der EU - allerdings muss er dafür natürlich Leistungen erbringen.

Wenn er jetzt wegen all der Bürokratie erst im Dezember statt im Oktober zu uns kommt, schafft er das nie, das Semester ist ja mehr oder weniger vorbei. Er müsste dann sogar das Stipendium zurückzahlen.

derStandard.at: Wie ist die Situation bei den Forschern?

Kaiser: Die langen Verfahrensdauern treffen hier natürlich ebenso zu, aber es gibt da die Möglichkeit einer Vereinbarung mit der Universität, was die bürokratischen Hürden ein bisschen erleichtert. Gewisse Dinge können Forscher von hier aus erledigen und müssen dafür nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Darüber wird auch momentan in einer Arbeitsgruppe im Bildungsministerium diskutiert. Zwar wird das Gesetz leider nicht geändert, aber man versucht, durch eine andere Auslegung der Bestimmungen eine verbesserte Situation zu schaffen.

Man bemüht sich hier um eine Verbesserung, und das ist auch dringend notwendig, um den Wissenschaftsstandort Österreich nicht zu gefährden. Ich empfinde das, was momentan passiert, als Schikane.

derStandard.at: Welche Schikanen meinen Sie beispielsweise?

Kaiser: Zum Beispiel diese: Jemand möchte Gastprofessor bei uns sein, wir laden ihn für einen Monat ein. Das ist oft der Fall, wenn Leute nicht länger von ihrer Uni wegkönnen. Dann muss dieser Professor erst einmal ein Visum beantragen. Das wird auf 91 Tage ausgestellt. Nichts dagegen zu sagen – aber man kassiert selbstverständlich die Krankenversicherung auch für 91 Tage. Und es kann mir niemand erklären, wieso das sinnvoll sein soll.

derStandard.at: Wird unser Fremdenrecht, beziehungsweise die Hürden, die es darstellt, international wahrgenommen?

Kaiser: Ja, natürlich. Der schlechte Ruf, was die fremdenrechtlichen Bestimmungen angeht, eilt Österreich voraus. Ich war etwa vor Kurzem in Saudiarabien. Die Saudis möchten gerne ihre Intelligenz nicht mehr nur in den USA und Asien ausbilden lassen, sondern auch in Europa. Und die Unis dort hatten eben den Wunsch, StudentInnen nach Österreich zu schicken, wie das schon in den 70er Jahren durchaus der Fall war. Das erste, was der Vizebildungsminister Saudiarabiens zu mir gesagt hat, war: "Wieso kommen Sie überhaupt, wenn ich mir das Fremdenrecht so anschaue – da glaubt man ja sie wollen uns nicht haben".

Österreich ist an und für sich ein sehr beliebter wissenschaftlicher Kooperationspartner, und dieses Standing zerstören wir uns mit den Schikanen des neuen Fremdenrechts.

derStandard.at: Haben Sie an der TU schon verminderten Andrang oder gesunkenes Interesse deshalb verzeichnen müssen?

Kaiser: Das ist schwer zu sagen, weil zu mir ja immer nur die Problemfälle kommen. Die gehen dann eben bis zum Vizerektor, der das dann irgendwie lösen muss. Etwa Pakistan: Dort werden gerade ganz neue Technische Unis gegründet, und europäische Länder - darunter auch Österreich - übernehmen dafür die Patronanz. Da wird also eine ganze Uni mit unserem Know-How aufgebaut. Eine große Ehre für uns.

Nur: Dazu müssen auch Lehrende der dortigen Universität, die ein Stipendium des pakistanischen Staates erhalten, bei uns Know-How erwerben können. Statt dessen sitzen diese hochqualifizierten Leute dann in Pakistan herum und drehen Däumchen, weil die Bürokratie so langsam ist. Das sind krasse Fälle, und von denen gibt es leider viele. Ich bekomme zunehmend Berichte, dass die Studenten lieber in andere Länder gehen, weil sie diese Hürden hier nicht überwinden können.

derStandard.at: Was wären Ihrer Ansicht nach unbedingt notwendige Veränderungen oder Verbesserungen? 

Kaiser: Es muss eine Evaluierung des Fremdenrechts geben. Wir haben sie für unseren Bereich gemacht, und wir haben einige Stellen gefunden, wo es ohne Gesetzesänderung nicht geht. Was ich nicht verstehen kann: Man sagt Evaluation ja, aber Änderungen kommen sowieso nicht in Frage. Man nimmt also das Ergebnis vorweg. Ich verlange namens der österreichischen Universitäten, dass das Fremdenrecht novelliert wird, mit einem eigenen Paragrafen für die Bedürfnisse der Wissenschaft. (Anita Zielina, der Standard.at, 31.5.2007)

Zur Person

Hans Kaiser ist Vizerektor der Technischen Universität Wien.

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Posting 1 bis 25 von 43
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Anyuser
 
11.06.2007 08:59

Ich frage mich, in wievielen Ländern Europas ein Einwanderungsverbot (= Verweigerung der Niederlassung) für Wissenschaftler existiert, wie es das in Österreich seit 2006 gibt.

homo sapiens
01.06.2007 13:09
können sich ja jederzeit selbständig machen.

Kronski
01.06.2007 08:14
Dass Österreich (mittlerweile) ein äußerst negativer Ruf vorauseilt, ist leider traurige Wahrheit.

Viele gehen nach Deutschland, weil Österreich niemanden haben will.

NB: Was hat die AMS-Diskussion mit obigem Artikel zu tun???

Die Austria
01.06.2007 08:50

Schon von dem "Fall" gelesen, wo ein indischer Doktoratsstudent in Graz von zwei Polizisten schikaniert und verprügelt wurde. ~ vor 2 Monaten

Selbstverständlich gabs eine Gegendarstellung der Beschuldigten, nur einigen englischen Touristen, welche auf eigene Kosten nochmals angereist sind, ist zu Verdankten das dieses miese Pack überhaupt vor Gericht gekommen ist - natürlich auf Bewährung ...

Lügenkanzler Gusenbauer
01.06.2007 01:20
Welcher Kronenzeitungs-Analphabet hat sich hier betätigt?

Zitat: Österreich zerstöre durch übermäßige Bürokratie und lange Verfahrensdauer das sein an und für sich gutes internationales Standing /Zitat Ende

Manche Leute sollten echt dabei bleiben, nur Bilder anzuschaun!

sociovation
31.05.2007 20:32
Wollt nur sagen,

dass sich Däumchendrehen von Hochqualifizierten nicht nur auf Ausländer bezieht...
Siehe die Arbeitslosenzahlen von Ärzten, Lehrern, Juristen, Wirtschaftsakademikern und Co.

oglo242
01.06.2007 09:31
wollt nur sagen,

dass wenn schon moralisiert wird und die Schuldfrage immer im Mittelpunkt stehen muss, dann sind nicht nur die "G'Studierten" selbst an ihrer Lage Schuld, sondern genauso Dumping-Unternehmen, schlanke und verantwortungslose Staaten und die Sichtweise, dass es zum Sozialliberalismus keine Alternative gäbe... alles auf faule Akademiker zu schieben, löst gar nichts.

ASDfG HJKLÖÄ
01.06.2007 02:07
Hier ist die Rede von Wissenschaftern,

net von arbeitslosen Ärzten, Lehrern, Juristen und Wirtschaftsakademikern.

austrian antilope
31.05.2007 23:10
ja, und wenn sie zufällig dabei auch arbeitslosengeld

bekommen, landen sie irgendwann in einem kurs, der 40 wochenstunden ausmacht und in dem es um das richtige bewerben geht :))))) oder darum, mit zehn fingern schreibmaschine schreiben zu lernen :)))))) - reintegrationsmaßnahme!

Vendetta
31.05.2007 22:53

Glaube nicht das österreichische Ärzte hochqualifiziert sind - die nehmen doch jeden ... zumindest bis es Aufnahmsprüfungen gab. Und jene die was können, sind schon lange weg.

doc w
02.06.2007 12:03

über qualifikation sprechen und selbst einen fehler nach dem anderen einbauen ist schon als hochmut zu bezeichnen.
ps:können sie mir beispiele nennen,dass wir nur mehr die zweite wahl im land haben?

denny_crane
31.05.2007 18:29
U-Bahn in Bangkok

Vor ein paar Jahren war Wien sehr stolz darauf, dass Bangkok österreichische U-Bahn Wagons gekauft hat. Warum? Der Bürgermeister von Bangkok hat in Graz ein Technik-Studium absolviert und kannte die Qualität dieser Produkte.
Nicht immer, aber oft werden sich ehemalige Studierende daran erinnern, dass es in Österreich Produkte gibt, die in ihrem Heimatland gebraucht werden. Wenn sie aber gar nicht herkommen dürfen, können sie auch nicht erfahren, welche Produkte brauchbar wären.
Die Wirtschaft wird langfristig durch die unsinnige Abschottung gefährdet, aber so weit kann die ÖVP als Wirtschaftspartei nicht denken.

ersilio
01.06.2007 12:40
Genau. ÖVP kann nicht wirtschaften!

Herr Brenner
01.06.2007 07:35

"Der Bürgermeister von Bangkok hat in Graz ein Technik-Studium absolviert und kannte die Qualität dieser Produkte."

sie haben noch nie geschäfte in süd-ost asien gemacht, stimmts? das hat nichts mit qualität zu tun, sondern mit bestechung.

sylvia29
01.06.2007 22:22
fast jedem

würd ich das eventuell glauben, aber einem berufstroll ganz sicher net.

wie wird man das eigentlich? muss man dazu auch jemanden bestechen?

Vendetta
31.05.2007 22:54

Komisch, ich kenne viele, welche Aufgrund der miesen Erfahrung mit den Wienern jeden Kontakt nach dem Studium abgebrochen haben, und wohl jede Entscheidung zum größtmöglichen wirtschaftlichen Schaden für ein solch kleines, mieses Land treffen werden.

So ein Topfen
 
04.06.2007 13:15
kein wunder, dass die, die sie kennen

sich mit grauen abwenden.

Eine Kreatur
01.06.2007 13:36
und das ist gut so ..

österreich einfach vergessen - ruinieren tun sich die dödel schon selber mit "bildungswesen", "wissenschaft" usw. usw. .. gäbe es die österreichische vergangenheit nicht, in der beziehungen geknüpft wurden und das verhöckern von kulturellen altlasten aufmerksamkeit verschafft hätte - sprich würde dieses land zb. im jahr 2000 von 0 anfangen, würde sich kein mensch auf diesem planeten für österreich interessieren ..

Ingen Ting
01.06.2007 13:20

verstehe hier die roten Stricherln nicht. Nur weil jemand die Wahrheit schreibt?

Ryan
01.06.2007 08:27
und das Fremdengesetz

sorgt dafür, dass es bei solchen negativen Erfahrungen bleibt.

mag euch (nicht)
31.05.2007 17:36

nationalistisches Österreich! In diesem Land wird auf alles verzichtet solange Patriotismus und Fremdenfeindlichkeit dafür gerade stehen können

MsLiberty
01.06.2007 07:06

@mag euch nicht
Verstehe ich nicht! Wenn sie dieses Land so unangenehm finden, steht es ihnen doch schon länger frei in ein viel besseres auszuwandern. Denn ihre zwei postingzeilen werden die politischen und sozialen Verhältnisse in diesem Land wohl auch nicht ändern.
Warum wohnen sie noch hier?

Kanesiah Vethavanam Löjpe
06.06.2007 12:11
Geh doch rüber hat man schon in der DDR gesagt

Warum sollte man ein Land, das in den letzten zehn Jahren eine bedauernswerte Entwicklung nahm, sofort abschreiben, ihm den Rücken kehren und aufgeben?
Wer soll denn etwas ändern, wenn alle die, denen es nicht mehr gefällt, einfach auswandern würden?

sylvia29
01.06.2007 22:26
sie gscheitl

wie oft habens den tip (geh doch, wenns dir nicht passt - gilt aber nur für österreicher, s.u.) denn schon abgegeben?

fallt ihnen nix neues ein (des brauchens net beantworten, ist eine hypothetische frage, die antwort "nein" ist mir bekannt)?

Werner Hammerl
01.06.2007 10:19

Vermutlich weil hier Mami und Papi für den Lebensunterhalt aufkommt.

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