Anfang vom Ende des Kopierschutzes

11. Jänner 2008, 18:11
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Mit einer Politik, die zahlende Kunden als potenzielle Kriminelle behandelt, wäre die Schlacht auf Dauer ohnehin verloren

Der Apple iTunes Store bietet seit Mittwoch Musik frei von Kopierschutz an - der WebStandard berichtet. Diesen Wunsch an die Christkindl der Musikindustrie formulierte Apple-Chef Steve Jobs vor rund vier Monaten in einem ungewöhnlichen "offenen Brief" an die Labels; Anfang April erklärte EMI-Boss Eric Nicoli, dass er (wohl im eigenen Interesse) den Wunsch erfüllen werde und sämtliche Musik des EMI-Katalogs ohne "Digital Rights Management" anbieten wird, was jetzt geschieht.

Teurer

Ungeschützt ist es teurer, die DRM-freien Titel kosten rund ein Drittel mehr als die geschützten (1,29 statt 0,99 Euro), die es weiterhin gibt. Dafür werden die freien Titel jedoch in höherer Qualität angeboten, womit Onlinemusik zum ersten Mal qualitativ tatsächlich mit CDs gleichzieht (obwohl wahrscheinlich viele Konsumenten den Unterschied "blind" nicht erkennen würden).

Den Online-Musikmarkt umzukrempeln

Richtiger Schritt, richtige Richtung: Denn die Initiative von EMI hat gute Aussichten, den Online-Musikmarkt umzukrempeln. EMI hat einen Marktanteil von rund 20 Prozent, wenn die Rechnung in Form von höheren Umsätzen aufgeht, werden die anderen Großen wahrscheinlich folgen, auch wenn sie sich noch zieren.

Wer das größte Angebot am attraktivsten verpackt

Was heißt es für Musikkonsumenten? Abgesehen von der Verteuerung mehr Auswahl und einfachere Wege zwischen den immer zahlreicheren Geräten, von denen wir Musik hören. Onlinehändler Amazon hat bereits seinen eigenen kopierschutzfreien Dienst angekündigt. Aber der Wettbewerb wird sich auf wenige große Player konzentrieren: Wer das größte Angebot am attraktivsten verpackt und dazu zumindest nicht teurer als die Konkurrenz ist, wird weltweit die meisten Kunden gewinnen.

Keine Rolle

Kleine Anbieter werden hier auf Dauer keine Rolle spielen, da die nötige Infrastruktur (riesige Serverfarmen, viel Internet-Bandbreite, eine Musikredaktion) für dieses Geschäft sehr teuer ist. Interessanter wird eher die Frage, ob die Labels künftig auch direkt verkaufen, oder ob die "Indies" (Independent Labels) ohne Zwischenhändler den Weg zum Endkunden suchen.

iPod

Mit dem Ende des Kopierschutzes kommt aber auch das Ende eines Monopols bei der Hardware aufgrund eines bestimmten Formats, das nur schwer oder gegen hohe Kosten zu ändern ist. Das gilt derzeit als Apples großer Vorteil, obwohl dieser dank des überzeugenden iPods und dem Programm iTunes hart erarbeitet ist: Denn es gab MP3-Player vor und nach dem iPod, und der Großteil der Musik ist auch jetzt DRM-frei - er kommt überwiegenden von CDs (und, pfui, auch von Kopien, ob freundschaftlich getauscht oder illegal erstellt). Der Markt öffnet sich jedenfalls dadurch, und das ist für Käufer erfreulich.

Wie Kriminelle

Ob überhaupt oder wie viel die Musikindustrie am Ende verliert, wird sich herausstellen. Aber mit einer Politik, die zahlende Kunden als potenzielle Kriminelle behandelt, wäre die Schlacht auf Dauer ohnehin verloren. (PERSONAL TOOLS HELMUT SPUDICH, DER STANDARD Printausgabe, 31. Mai 2007)

  • Bei EMI  unter Vertrag: Robbie Williams

    Bei EMI unter Vertrag: Robbie Williams

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