Nur eine Seite der Geschichte

6. Juni 2007, 12:39
2 Postings

Opfer werden entpersonalisiert: Die israelische Journalistin Anat Saragusti über die Medien im Nahostkonflikt

Kopfschüttelnd liest Anat Saragusti die beiden Artikel aus der Internetausgabe der Ha'aretz und der Jerusalem Post. Der Standard legte der israelischen Journalistin vom Fernsehsender Channel 2 die zwei Artikel am Mittwoch vor und bat Sie um eine Einschätzung.

Es sind immer die gleichen Probleme, die in Israels Medien auftreten, wenn über den Konflikt mit den Palästinensern berichtet werde: Marginalisierung der Palästinenser und Einseitigkeit, sagt Saragusti. Die 53-jährige Journalistin hat Erfahrung in Medienbeobachtung. Sie arbeitet für die israelische NGO Keshev, die sich im Rahmen des Projektes "Words can kill too" mit der Darstellung des Nahostkonflikts in den israelischen Medien beschäftigen. Die palästinensischen Medien werden von der Partner-NGO Miftah beobachtet. Auch in den beiden Onlineartikeln, wo es um einen israelischen Luftangriff und palästinensischen Raketenbeschuss im Gazastreifen geht, werde nur die Geschichte einer Seite – nämlich der israelischen – erzählt, sagt Saragusti, die gerade an der Frauenkonferenz in Wien teilnimmt.

Immerhin kämen Palästinenser aber in den Artikeln zu Wort. "Das ist nicht immer so: Oft schreiben israelische Journalisten nur die Version der Armee herunter." Dadurch würden die Opfer entpersonalisiert: In den Medien ist dann oft nur von "radikale Palästinensern" die Rede, ohne dass jemand überprüft hätte, wer die Männer tatsächlich sind.

Das Problem liege aber auch an dem Wesen einer freien Medienlandschaft: "Im Konkurrenzkampf werden eigene Geschichten aufgebauscht. Das heizt das Klima im Land auf." Und überhaupt sei es schwer, einen komplexen Konflikt in einem Zwei-Minuten-Beitrag zu erklären. Auch im Libanon- Krieg 2006 hätten die Medien wenig Fragen gestellt. "Wir hätten den Krieg nicht verhindern können. Aber zumindest anzweifeln." (szi/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.5. 2007)

  • Anat Saragusti: "Oft schreiben israelische Journalisten nur die Version der Armee herunter."
    foto: standard/heribert corn
    Anat Saragusti: "Oft schreiben israelische Journalisten nur die Version der Armee herunter."
Share if you care.