Tiefstapeln bringt Gewinn

5. Juni 2007, 14:25
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Nicht immer wird Egon Schiele seiner Rolle als Bestseller gerecht. Im höheren Preissegment ist die Anzahl der Sammler gering - und sie zahlen nicht jeden Preis

Wien - Keine Frage, neben Gustav Klimt zählt Egon Schiele auf dem Kunstmarkt als Österreichs größter Exportschlager und internationaler Bestseller. Vergangenes Jahr schlugen 48 Besitzerwechsel mit einem weltweiten Auktionstotal von 63 Millionen Euro zu Buche.

Aber nicht immer wird Schiele, respektive eines seiner Kunstwerke, dieser (Favoriten-)Rolle gerecht. Jüngstes Beispiel: Seine Liegende Frau mit grünen Schuhen lockte vergeblich am Cover der Jubiläumsofferte der Sparte Klassische Moderne. Am Abend des 29. Mai hatten sich nur zwei Telefonbieter für die 1917 ausgeführte Gouache interessiert. Der Rufpreis - in der Regel die Hälfte des unteren Schätzwertes oder des mit dem Einbringer vereinbarten Limits - war bei zwei Millionen Euro gelegen, bereits bei netto 3,4 Millionen war Schluss. Lot Nr. 8 blieb unverkauft. Kein Eintrag in der Liste der zehn höchsten Schiele-Zuschläge.

Für andere in der Auktion angebotene Arbeiten fiel der Hammer dagegen im Bereich der deutlich günstigeren Taxen: darunter Winterlandschaft mit Weiden, die für 120.000 Euro an einen Telefonbieter zugeschlagen wurde.

Auch die aus der Sammlung Leopold stammende Zeichnung Landschaft mit Baumreihe und Hügeln (50.000 bis 70.000) fand bei 85.000 Euro eine neue Heimstatt. Fazit: Das werbetechnisch vermarktete, für die nächste Zeit damit aber stillgelegte Zugpferd war mit zu hohem Limit ausgestattet.

Bereits Anfang dieses Jahres war ein renommiertes Schiele-Werk vor dem sonst kauffreudigen Londoner Auditorium - 59 Prozent des weltweiten Umsatzes werden hier gemacht (USA 32 Prozent, Österreich 6 Prozent) - gescheitert. Trotz hervorragender Provenienz, ehemals Sammlung Serge Sabarsky, womit Ronald Lauder als Einbringer vermutet werden durfte.

Die Erwartungen für die im Februar bei Christie\s angebotene Prozession waren bei fünf bis sieben Millionen Pfund gelegen. "Da mussten wir feststellen, dass die Schätzung für das Bild zu ambitioniert war", so Andreas Rumbler, Christie\s Spezialist für Kunst des 20. Jahrhunderts. Sechs der zehn höchsten Auktionszuschläge verbucht Christie\s für sich, die jüngsten sind dabei auch die Rekordhalter. Im Juni 2006 reichte man über London die aus Privatbesitz restituierte und verschollen geglaubte Herbstsonne für 15,38 Millionen Euro weiter.

Die Taxen waren hier mit vier bis sechs Millionen Pfund nahezu verlockend niedrig. Der Rekordzuschlag hielt kein halbes Jahr und wurde mit 15,67 Millionen Euro für Einzelne Häuser im November von den Kollegen in New York übertroffen. Für das Limit von 20 Millionen US Dollar hatte sich ein Käufer gefunden. Tiefstapeln scheint auf dem Kunstmarkt insgesamt gewinnbringender. Bescheidenheit ist eine Zier, die im Kampf um imagestarke Kunstwerke aber immer seltener zum Zug kommt. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.5.2007)

  • Schieles "Liegende Frau mit grünen Schuhen" gefiel im Dorotheum nur bedingt. 3,4 Mio. Euro waren dem Verkäufer zu wenig.
    foto: katalog

    Schieles "Liegende Frau mit grünen Schuhen" gefiel im Dorotheum nur bedingt. 3,4 Mio. Euro waren dem Verkäufer zu wenig.

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