"Herr Sapper, haben Sie die Welt verbessert?"

2. Juni 2007, 17:00
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Am 30. Mai feierte Design-Zampano Richard Sapper seinen 75. Geburtstag -in seinem Studio in der Mailänder Innenstadt lebt und arbeitet er seit 50 Jahren

Er studierte Betriebswirtschaft, Maschinenbau, Grafik und Philosophie und besitzt eine Vielseitigkeit, die sich in der Komplexität seiner Entwürfe und dem Anspruch als Designer spiegelt. Der gebürtige Münchner Richard Sapper arbeitete für Firmen wie Alessi, Artemide, IBM, Daimler-Benz, Knoll, Fiat und Siemens; zu seinen bekanntesten Designs zählen die Halogen-Leuchte "Tizio" für Artemide, der Wasserkessel "Project 90901" für Alessi und die "Think Pad"-Laptops - funktionelle Objekte, die weder auf schnelle Effekte setzen noch mit Kommerz kokettieren. Sapper unterrichtete viele Jahre als Professor an internationalen Hochschulen, er thematisierte die Verantwortung des Designers gegenüber seiner Umwelt, für Sapper nicht Trend, sondern Selbstverständnis.

DER STANDARD: Geben Sie gerne Interviews?

Richard Sapper: Das kommt auf das Gegenüber an. Wenn ein Journalist mit einer fertigen Liste von Fragen und Antworten kommt und ich das einfach nur abnicken soll, ist das fragwürdig. An Selbstdarstellung bin ich nicht so interessiert. Ich drücke mich lieber durch meine Arbeit aus.

DER STANDARD: Herr Sapper, haben Sie mit Ihrer Arbeit die Welt verbessert?

Richard Sapper: In ganz minimaler Weise vielleicht, ja. Wenn Sie persönlich Spaß an etwas haben, das ich gemacht habe, dann habe ich ein Stück weit die Welt verbessert - jedenfalls, was Sie betrifft.

DER STANDARD: Sie feierten am 30. Mai Ihren 75. Geburtstag. Anlass genug, um zurückzuschauen auf eine Designerlaufbahn voller Höhepunkte.

Richard Sapper: Ein Designer schaut überhaupt nicht zurück, er schaut voraus. Meine ganze Arbeit hat sich ja immer um die Zukunft gedreht, um Dinge, die es noch nicht gibt und die erst in ein, zwei Jahren oder später in Erscheinung treten. In dem Moment, in dem wir "design freeze" haben, man an einem Entwurf also nichts mehr ändern kann, verliere ich das Interesse und schaue auf das nächste Projekt. Und in diesem Sinne blicke ich eigentlich nicht zurück auf meine Laufbahn - ich schaue natürlich auf mein Leben zurück, aber das hat dann eher mit familiären Dingen zu tun.

DER STANDARD: Welches sind demnach Ihre nächsten Projekte, an welchen Entwürfen arbeiten Sie aktuell?

Richard Sapper: Auf einem sitzen Sie gerade. Diesen Armlehnstuhl - das Modell heißt "Tosca" - habe ich für das italienische Label Magis entworfen, es wurde dieses Jahr auf der IMM in Köln und beim "Salone del Mobile" in Mailand vorgestellt. Und nach wie vor bin ich als Designberater für IBM tätig und seit Neuestem auch für Lenovo, den größten Computerhersteller Chinas. Und daneben arbeite ich für eine ganze Reihe weiterer Firmen wie für Knoll oder für Alessi, für die ich eine neue Kochtopfserie und eine Kollektion für Küchenmesser entwerfe. Und hier auf dem Tisch sehen Sie die LED-Leuchte "Halley" für Lucesco, an der ich aktuell feile ....

DER STANDARD: Was kann "Halley" besser als "Tizio" von 1972, die als Meisterstück gilt und zugleich Ihre bekannteste Leuchte ist?

Richard Sapper: Die "Halley" ist eine Verbesserung, ein Enkelkind der "Tizio" - mit ihr verwandt, aber dann auch wieder nicht. Sie gibt ungefähr das gleiche Licht, braucht aber nur ein Fünftel des Stroms. Und der Leuchtkörper der Lampe besitzt, ähnlich wie ein Komet, einen Schweif und eine Erde, um die er kreist. Das ist jedoch nicht Dekoration, sondern hat seinen Sinn und Zweck, denn die ganze Lampe ist asymmetrisch angelegt und perfekt ausbalanciert, ein Gegengewicht gleicht das Gewicht der versetzten Arme aus. In Amerika ist "Halley" bereits auf dem Markt, die europäische Version aber noch in Arbeit.

DER STANDARD: Wann ist ein Produkt für Sie endgültig fertig?

Richard Sapper: Wenn ich es nicht mehr verbessern kann. Da bin ich Perfektionist. Wobei man unterscheiden muss: Wenn man heute einen Holzstuhl im Sinne des Wortes fertigt, dann gilt das für 20 oder vielleicht 100 Jahre. Wenn man eine Lampe entwirft, dann ist die technisch nach sechs Monaten überholt, weil der technische Fortschritt so irrsinnig schnell ist. Und eine solche Entwicklung zieht immer auch formelle Konsequenzen nach sich.

DER STANDARD: Gibt es denn - so gesehen - wirkliche Neuerungen im Design? Oder gleichen diese Entwicklungen vielmehr Variationen zum immer selben Thema?

Richard Sapper: Reine Variationen sind das nicht, im Gegenteil. Wir leben in einer unglaublich aufregenden Zeit, in der sich die Dinge wahrscheinlich in den nächsten zehn bis 20 Jahren mindestens so schnell ändern wie in den letzten 20 Jahren. Denken Sie 20 Jahre zurück, da gab es noch nicht einmal Laptops. Vor 25 Jahren gab es noch kein Fax. Als ich 1980 bei IBM anfing, fragte man mich: "Besitzen Sie ein Fax?" Ich antwortete: "Was ist denn das?" Ich war dann kurz darauf der Erste weit und breit, der eines hatte. Zu dieser Zeit ging man noch mit dem Brief zur Post.

DER STANDARD: Was bedeutet das für unsere Lebensform in den nächsten 20 Jahren, gestaltet die Beschleunigung des technischen Fortschritts unseren Alltag eher noch hektischer, oder können wir, nicht zuletzt durch Qualitäts-Design, Alltag und Arbeitsleben optimieren?

Richard Sapper: Ich glaube, dass jede Medaille eine Kehrseite hat. Und wir können das, wenn wir zurückschauen, ganz genau verfolgen. Es gibt jetzt viele technische Möglichkeiten. Schauen Sie sich das Fernsehen an, früher gab es einen Kanal in Schwarz-Weiß, dann gab es drei davon, dann farbig, und jetzt gibt es 300 Kanäle, und wenn Sie schauen, was im TV geboten wird, haben sich die Kanäle ständig verschlechtert. Ich sehe heute auf 300 Kanälen schlechteres Fernsehen als vor 25 Jahren auf drei. Damals gab es noch keine Reklame im Fernsehen, muss man dazu sagen.

DER STANDARD: Sie haben an internationalen Design- und Kunsthochschulen unterrichtet. Kann man Studenten beibringen, gute Ideen zu haben?

Richard Sapper: Dazu ein Beispiel: Mein Vater war Maler. Ich fragte ihn einst, was man denn auf der Kunstakademie lernen könne. Und er sagte: "Pinsel waschen und Bleistift spitzen." Ein Student sollte zeichnen können und damit sein Handwerkszeug beherrschen, wenn er sein Studium beginnt. Wie will er sich sonst ausdrücken? Dieses Handwerkszeug kann ich im Studium verfeinern, was nicht zu unterschätzen ist. Das gilt für Kunst ebenso wie für Design. Ich hab meinen Studenten nie gesagt, was sie machen sollen. Ich hab sie gefragt, warum sie das jetzt so machen und nicht anders. Ich habe sie hinterfragt. Und etwas provoziert. Die Idee muss man selbst haben. Und wie kriegt man eine Idee? Dazu braucht man den Kuss der Muse. Also muss man sich mit der Muse gut stellen.

DER STANDARD: Haben Sie denn Einfluss auf die Muse?

Richard Sapper: Ja, ein wenig konnte ich vielleicht schon hilfreich sein. Die Muse kommt gerne in eine interessante Gemeinschaft. Also haben wir Professoren Studenten aus verschiedenen Gegenden, mit individuellem Hintergrund, Charakter und diversen Interessen ausgesucht, die trotzdem gut harmonieren.

DER STANDARD: Sie halten viel von der Zusammenarbeit mit chinesischen Designern, Unternehmen und ihrer Effizienz.Viele aber fürchten sich vor China.

Richard Sapper: Das kommt auf den Standpunkt an. Ich betrachte jeden Designer als Bundesgenossen, er ist kein Konkurrent. Ich habe keine Angst vor Konkurrenz. Wer tüchtig ist, braucht keine Angst zu haben. Wir verblassen zur Bedeutungslosigkeit, wenn wir uns nicht anstrengen. Genehmigungen und Bürokratie bremsen zu sehr aus. Das Sicherheitsbedürfnis gerade in Deutschland steigert alles ins Bodenlose. Und verzögert alles. Die Angst vor Risiko ist groß. Ich halte es da mit einem Ausspruch von Vincent van Gogh: "What would life be if we had no courage to attempt anything?"

DER STANDARD: Welche Nation tut sich in Sachen Design derzeit besonders hervor?

Richard Sapper: Skandinavien. Nach wie vor. Dort gibt es die besten Designschulen. Was Nationen angeht, beobachte ich große Unterschiede in Sachen Kreativität. Skandinavische Länder sind nicht nur in der Kreativität voraus, sondern bieten ein völlig anderes Umfeld. Für jemanden, der ästhetische Sensibilität besitzt, ist diese Umgebung sehr bereichernd. Das gilt für Reklame, Architektur, die Kleidung der Leute, auch für die Farben. Man kann sich nur freuen, wenn man in den Norden kommt. Und findet dort eine Atmosphäre, die auch der Muse gefällt.

DER STANDARD: Würden Sie, vor die Entscheidung gestellt, heute etwas anders machen?

Richard Sapper: Nein. Als ich über diesen Beruf nachdachte, gab es in Deutschland gerade einmal acht Designer. Der Begriff war nahezu unbekannt und ich mir entsprechend unsicher. Also fragte ich meinen Philosophieprofessor, den Theologen Romano Guardini, ob das eine Beschäftigung sei, die es wert ist, getan zu werden. Er lud mich zu sich nach Hause ein, wo er mir eine Venini-Vase zeigte. Die nahm er und sagte: "Sehen Sie, sie gibt mir jedes Mal Freude, wenn ich sie anschaue. Natürlich ist das ein Beruf, der es wert ist, getan zu werden. Ob Sie dem Ihr ganzes Leben widmen wollen, das müssen Sie selber wissen." Das war eine sehr präzise Auskunft. Und ich habe dem Beruf mein ganzes Leben gewidmet.

DER STANDARD: Sie haben von der Zahnbürste bis zum Dampfer alles entworfen. Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Portfolio vermissen?

Richard Sapper: Ja. Eine landwirtschaftliche Maschine wollte noch keiner von mir, etwa eine Mähmaschine. Da könnte man eine tolle Form draus machen. Ein Riesenungetüm, das staubt, spuckt und übers Feld marschiert! (Franziska Horn/Der Standard/rondo/01/06/2007)

  • Kessel "Bollitore"
    foto: hersteller

    Kessel "Bollitore"

  • Leuchte "Halley"
    foto: hersteller

    Leuchte "Halley"

  • Sessel "Tosca"
    foto: hersteller

    Sessel "Tosca"

  • Besteck "RS01"
    foto: hersteller

    Besteck "RS01"

  • Espresso-Maschine "9090"
    foto: hersteller

    Espresso-Maschine "9090"

  • Espresso-Machine "RS06 B Cobán"
    foto: hersteller

    Espresso-Machine "RS06 B Cobán"

  • Meister Sapper
    foto: hersteller

    Meister Sapper

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