Die Strickeria

5. Juli 2007, 18:52
1 Posting

Seit sogar Hollywoodstars brav Socken stricken, droht Handarbeiterinnen wieder das Klischee des Muttchens - Doch ein paar Wollaktivistinnen halten dagegen

Die alte Masche wird fleißig weitergestrickt. Kein Frauenmagazin, das in letzter Zeit übers Stricken berichtete, versäumte den Hinweis: Auch Hollywood-Stars wie Julia Roberts tun es! Und als wäre die Verschwesterung mit den Reichen und Schönen via Wollknäuel nicht schon billig genug, setzen die Magazine noch eins drauf. Sie verbinden Handarbeit mit traditioneller Weiblichkeit und freuen sich darüber, dass Madonna vom sündigen Popflittchen zur strickenden Übermutter mutierte.

So schreibt man die prominenten Vorstrickerinnen zurück ins Haus, dahin, wo Stricken als vorindustrielle Frauenarbeit herkommt: weil es sich bestens vereinbaren ließ mit Haushaltspflichten und Kinderbetreuung und anschließend als weibliche Eigenschaft verbrämt wurde.

Strickgraffiti

Höchste Zeit, mit dem wollenen Gemütlichkeitsfaktor aufzuräumen. Eine ganze Reihe von Gegenbewegungen zerrt das Wollkörbchen raus aus dem Haus und rein in die Öffentlichkeit. Im amerikanischen Montrose, Texas, etwa schmiegen sich bunte Wollhüllen um Fenstergriffe, tragen Autoantennen fingerdicke Tüllen aus Strick, wärmen geringelte Leibchen Baumstämme: Strickgraffiti! Hinter dem Projekt stecken zwei Mütter in den Dreißigern, die sich irgendwann zu Hause langweilten mit ihren halbfertigen Babypullovern und Socken und fortan lieber im Freien ihre wolligen Tags setzen. "Es gibt keine wirkliche Botschaft", zitiert die Houston Press die beiden, "es ist und macht bloß Spaß. Wir wollen nicht nur im Café sitzen und Maschen zählen."

Tatsächlich verstehen besonders in den USA viele junge Frauen Stricken als politischen oder künstlerischen Akt. Seien es Crafting Groups wie "stich\n\bitch", die sich zu Diskussionen treffen, während sie zugleich ihre Nadeln klappern lassen. Seien es Organisatoren wie Microrevolt und deren auf der Linzer Ars Electronica 2005 ausgezeichnetes Projekt knitPro: eine Web-Applikation, mit der sich Strickmuster von Sweatshop-Logos erzeugen lassen. Hier wird Handarbeit zu einem Medium, um gegen die Arbeitsbedingungen in den globalen Großkonzernen zu demonstrieren.

Subversives Stricken

Am sichersten hält wahrscheinlich Sabrina Gschwandtner den Faden in der Hand, wenn es darum geht, Stricken in einen neuen Kontext zu bringen: Die New Yorkerin mit österreichischen Wurzeln – der Vater ist Österreicher, Teile der Familie leben in Salzburg und Wien – hat sich ganz der Kunst mit der Stricknadel verschrieben. Die Dreißigjährige organisiert öffentliche Strick-Events oder Ausstellungen, ihre derzeitige, über subversives Stricken, wird bis Mitte Juni im New York Museum of Arts & Design zu sehen sein. Seit fünf Jahren erscheint ihr Magazin knitknit, ein Kunstjournal mit dem Schwerpunkt Stricken und Häkeln – in den USA kein Widerspruch. "Wenn man Stricken in einen extremen Kontext stellt, wie etwa David Cole, der zwei Bagger mit Riesennadeln die amerikanische Flagge hat stricken lassen, entwirft man ein völlig neues Bild vom Stricken. Eines, das dem biederen Image der Handarbeit entgegengesetzt ist, eines, das Leute nachdenken lässt", erklärt Gschwandtner das Faszinosum Strickkunst. Im September diesen Jahres wird ihr Buch erscheinen, "Profiles and Projects from Knitting\s New Wave", mit 25 Porträts über interessante Menschen aus der Strickerszene, Essays über die Strickkultur und, ja, auch mit Strickmustern.

So viel Ernst, so viel Theorie ist der strickenden Spaßguerilla, die in Großbritannien durch den öffentlichen Raum tourt, eher fremd: Aber rebellieren will "Cast off" auch. In U-Bahnen, Nachtclubs oderMuseen tauchen Mitglieder des Clubs auf, Zwanzig- bis Dreißigjährige, die aus Strick Nichtfunktionales wie Lippenstifte und Sandwiches erstellen – oder auch einmal eine ganze Hochzeit mit Wollzeugs ausstaffieren. Immer im Blick behalten die Draußenstricker die Zuschauer – sie werden dazu animiert, selbst zur Nadel zu greifen. Schließlich will "Cast off" bekehren: Handarbeit? "It's fun!".

Rockmusik und Strickkulisse

Während die Frauenzeitschriften nicht müde werden, ihre Superpromis einen Socken nach der anderen erstellen zu lassen, stricken junge Berliner Labels längst an einem neuen Wollimage. Nur mit ironischer Distanz funktioniere das, meint Maike Dietrich von Maiami: "Einen gestrickten Angora-Bikini zum Beispiel braucht kein Mensch, aber genau damit spiele ich." Leyla Piedayesh, Gründerin von Lala Berlin, probierte es im vergangenen Jahr mit Accessoires in Form von Strickhunden. Die wurden mit Kettchen und Swarovski-Steinen verziert um den Arm getragen und wirken so, als seien sie eine augenzwinkernde Antwort auf die Hundehauptstadt Berlin. Oder den Schoßhundtick von Paris Hilton und Co. Piedayeshs neueste Masche fürs Jahr 2007 ist das längst tot geglaubte Palästinensertuch in einer Edelversion aus 100 Prozent Kaschmir. Claudia Schiffer hat Lala Berlin zu einiger Berühmtheit verholfen, als ein Paparazzo-Bild sie in einem Oversized-Pullover des Labels zeigte.

Die humorvollsten Beweise, wie man Stricken umcodieren kann, stammen jedoch von Björk auf ihrem neuen Albumcover "Volta" und von Michel Gondry. Für ein Video der australischen Band Steriogram platzierte der Topregisseur die Musiker in einer imaginären wollenen Welt. Krachende Rockmusik in zarter Strickkulisse: Das ist wirklich groß. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/01/06/2007)

  • Artikelbild
    foto: maiami
Share if you care.