Tabakabhängig im Nikotinentzug

28. April 2008, 13:44
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Übellaunig, reizbar und nervös – Im Nikotinent­zug leiden Betroffene nur wenige Tage, denn Nikotin besitzt eine kurze Halbwertszeit

Martina Pötschke-Langer, Leiterin des WHO-Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle in Deutschland, im Gespräch mit Regina Philipp über den körperlichen Entzug der Ex-Raucher.

derStandard.at: Was ist die Ursache der niedrigen Erfolgsquoten beim Entzug?

Pötschke-Langer: Der Grund ist das hohe Suchtpotenzial von Zigaretten.

derStandard.at: Lässt sich denn eine eindeutige Trennung zwischen einen körperlichen Abhängigkeit und einer seelischen machen?

Pötschke-Langer: Meist nicht, die Übergänge sind häufig fließend.

derStandard.at: Was sind die typischen Symptome eines Nikotinentzugssyndroms?

Pötschke-Langer: Das sind die sogenannten Verlangensattacken. Das heißt der Hunger nach Nikotin, das Bedürfnis unbedingt eine Zigarette zu rauchen. Damit verbunden ist eine gewisse Hektik und Unruhe. Aggressives Verhalten und Kopfschmerzen sind ebenfalls häufig.

derStandard.at: Was passiert im Organismus beim Entzug?

Pötschke-Langer: Sobald er Raucher nicht mehr raucht, schreien die Nikotinrezeptoren natürlich nach mehr Stoff. Bekommen sie ihn nicht, dann werden sie entsprechend nervös.

derStandard.at: Was passiert, wenn der Raucher zum Exraucher wird?

Pötschke-Langer: Es ist phantastisch was passiert, wenn der Raucher zum Exraucher wird. Besonders schnell normalisiert sich die Durchblutung des gesamten Gefäßsystems. Der Kohlenmonoxydspiegel im Blut sinkt schon nach acht Stunden auf normale Werte. Innerhalb eines Tages nach dem Rauchen der letzten Zigarette kommt es zu einer deutlichen Verbesserung der Fließeigenschaft des Blutes mit einer deutlichen Verringerung des Risikos von Herzanfällen. Wenige Tage später bereits verbessert sich die gesamte Kreislaufsituation.

derStandard.at: Was ist mit der Lunge?

Pötschke-Langer: Die Verbesserung der Lungenfunktion dauert etwas länger. Einige Wochen sind dazu notwendig. Das Bronchialsystem setzt seinen eigenen Reinigungsmechanismus in Gang. Das ist der Grund warum Ex-Raucher in den ersten Wochen nach Absetzen der Zigaretten zu Husten und Verschleimung neigen. Das ist ein sehr gesunder Mechanismus. Die mit Schadstoffen beladenen Zellen werden langsam abgegeben. Die Hustenanfälle werden immer seltener und die Kurzatmigkeit geht zurück. Nach zehn Jahren reduziert sich das Lungenkrebsrisiko auf die Hälfte.

derStandard.at: Ist jeder Raucher nikotinabhängig?

Pötschke-Langer: Nein, aber die meisten sind es. Es gibt auch viele Gelegenheitsraucher, die beispielsweise nur an Wochenenden rauchen. Dann aber so stark, dass sie darunter auch sehr stark zu leiden haben.

derStandard.at: Unterscheiden sich Männer und Frauen im Entzug?

Pötschke-Langer: Nur spekulativ. Ich bin da sehr zurückhaltend, denn es existieren keine soliden klinischen Studien, die das beweisen.

Nikotin- bzw. tabakabhängig ist, wer mehr als drei der folgenden sechs Kriterien in den letzten 12 Monaten erfüllt hat:

- Zwanghafter Tabakkonsum
- Körperliche Entzugssymptome bei Abstinenz
- Toleranzentwicklung (um eine Wirkung zu erzielen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich)
- Fortgesetzter Tabakkonsum trotz Folgeschäden
- Veränderungen der Lebensgewohnheiten, um den Tabakkonsum aufrecht zu erhalten
- Eingeschränkte Kontrolle über das Rauchverhalten

Die Bezeichnung Tabakabhängigkeit ist treffender, da die Beschränkung auf den Inhaltsstoff Nikotin, dem komplexen Zusammenspiel mit anderen Inhaltsstoffen beim abhängigen Raucher nicht gerecht wird.

An einem Nikotinentzugssyndrom leidet, wer folgende Kriterien nach Beendigung seiner Raucherkarriere erfüllt:

- depressive/dysphorische Stimmung
- Schlafstörungen
- Reizbarkeit, Nervosität, Aggressivität
- Unruhe oder Besorgnis
- Verminderte Konzentrationsfähigkeit
- Verlangsamter Puls
- Gesteigerter Appetit und Gewichtszunahme
  • Zur Person
Martina Pötschke-Langer (56) ist Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum und des WHO Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle. Schwerpunktmäßig beschäftigt sie sich seit Jahren mit den Themen Tabakzusatzstoffe, Tabakentwöhnung und Abhängigkeit.
    foto: pötschke-langer

    Zur Person
    Martina Pötschke-Langer (56) ist Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum und des WHO Kollaborationszentrums für Tabakkontrolle. Schwerpunktmäßig beschäftigt sie sich seit Jahren mit den Themen Tabakzusatzstoffe, Tabakentwöhnung und Abhängigkeit.

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