Wer spart, verliert

26. September 2007, 10:59
posten

Alle zwei Jahre findet an der TU Wien das so genannte Industriebau­seminar statt. Investiti­onen in Planung sind wohlfeil, weiß Architekt Christoph Achammer im Gespräch

Das Institut für Industriebau der TU Wien veranstaltet traditionell im Zwei-Jahres-Rhythmus ein groß angelegtes Symposium, zu dem Fachleute der unterschiedlichsten Richtungen geladen sind. Das letzte so genannte Industrie-bauseminar, das vorvergangene Woche in Wien stattfand, fasst Christoph Achammer als veranstaltender Professor im Gespräch mit Ute Woltron zusammen.

***

STANDARD: Sie haben die heurige Veranstaltung unter das Thema Corporate Architecture gestellt und dazu nicht nur Architektinnen und Architekten, sondern auch Unternehmerpersönlichkeiten zu Vorträgen gebeten. Konnte zwischen Planern und Bauherren ein gemeinsamer Nenner festgestellt werden?

Christoph Achammer: Auf jeden Fall. Wenn es um Corporate Architecture für Unternehmen geht, hat sich vor allem eine Erkenntnis wie ein roter Faden durch das gesamte Programm gezogen. Die Frage lautet: Wie schaffen es die Planer, in einen Dialog mit dem Bauherren zu treten, um den Kernprozess und die Unternehmensphilosophie zu verstehen und ein entsprechendes Gebäude planen zu können? Dabei hat sich gezeigt, dass Architekten durchaus noch lernen müssen, besser und genauer zuzuhören. Nur so können sie ihr Wissen wirklich einbringen. Auf diese dialogische Notwendigkeit wurde immer wieder von allen Beteiligten hingewiesen.

STANDARD: Dass gute Architektur nur durch den Dialog zwischen Auftraggeber und Planerteam zustande kommen kann, wissen gute Architekten. Doch wissen das auch die Bauherren? Warum funktioniert das Spiel nicht so reibungslos, wie man das gerne hätte?

Achammer: Auch dafür konnten wir ein paar Gründe herausdestillieren. Einer davon ist, dass der Einfluss der Planung auf das Gesamtgebäude von den Auftraggebern immer noch maßgeblich unterschätzt wird - interessanterweise vor allem der finanzielle. Die Planung eines Gebäudes macht gerade einmal ein Prozent seiner Lebenszykluskosten aus, die sich in weiterer Folge aus 20 Prozent Baukosten und 79 Prozent Betriebskosten zusammensetzen. Mit diesem einen Prozent Planungskosten beeinflusst man allerdings bis zu 30 Prozent der Baukosten und bis zu 50 Prozent der Betriebskosten.

STANDARD: Sprich, wer an der Planung spart, wird in der Folge weit mehr Geld verlieren, als ihm - auch betriebswirtschaftlich - lieb sein kann?

Achammer: Der Einfluss einer umfassenden Planung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hier geht es nicht um einen isolierten Fachingenieur der Gestaltung, sondern um gesamtheitlich denkende Planer, die mit der Flagge der Architektur in der Hand ein interdisziplinäres Team führen.

STANDARD: Unternehmer sind selten Architekturfachleute. Dementsprechend schwierig ist es für Architektinnen und Architekten, dieses Know-how in den Gehirnen der Entscheidungsträger zu verankern.

Achammer: Es gibt tatsächlich Auftraggeberstrukturen, die nicht dazu in der Lage sind, wertorientierte Entscheidungen zu treffen. Im Falle der öffentlichen Hand ist das fast systemimmanent. Bei großen Unternehmen, die in Quartalssprüngen denken, kann das ebenfalls beobachtet werden. Es gibt oft niemanden, der diesen Dialog im Vorfeld zu führen imstande ist, wenn es "nur" um ein Haus geht.

STANDARD: Wie funktioniert das Spiel unternehmensintern im Idealfall?

Achammer: Als Beispiele können hier BMW und Bosch angeführt werden. In beiden Konzernen gibt es Manager, die für die Immobilien weltweit zuständig sind. Sie referieren fast wöchentlich einem zuständigen Vorstand oder dem Gesamtvorstand. Jeder Vorstand, der die Wichtigkeit dieses Themas erkannt hat, bindet seine Immobilienleute möglichst nah an sich und fördert diesen Dialog.

STANDARD: Architektur kann also auch Ausdruck einer Unkultur sein, die vom Unternehmen selbst verantwortet wird?

Achammer: Man kann eine Regel ableiten: Je weiter die Immobilienbereiche von den Entscheidungsträgern entfernt sind, desto schlechter ist die Qualität der Häuser. Damit wird eine strategische Funktion von Immobilien verunmöglicht. Es gibt eine weitere Analogie: Solche Unternehmen performen auch in ihrem Kerngeschäft schlechter. Das kann ich aus meiner eigenen Praxis bestätigen. Der Verdacht, dass diese Unternehmen schlicht keine Wertestruktur haben, an der man sich orientieren kann, liegt nahe. Und dass ein wertegeführter Betrieb nachhaltiger und erfolgreicher agiert, ist in der Zwischenzeit zu einer Binsenweisheit geworden.

STANDARD: Haben Sie den Eindruck, dass der kommerzielle Druck, der ein solches Wertegefüge in Unternehmen zusehends unabdingbar macht, auch auf die Architektur wirkt - im positiven Sinn?

Achammer: Ja, denn die Bauherrenseite erkennt immer mehr, dass das gebaute Umfeld, also die Architektur, zu diesem Kanon einfach dazugehört und zu einem wesentlichen Bestandteil einer erfolgreichen Corporate Strategy geworden ist.

STANDARD: Zu diesem Zweck werden dann gern die großen Architektennamen verpflichtet, die ohnehin bereits Weltruhm erlangt haben.

Achammer: Das eigentliche Problem sind eher die Epigonen, doch das löst sich ohnehin mehr und mehr auf. Architekten müssen in interdisziplinären Strukturen agieren. Die derzeitige neue Architektengeneration orientiert sich gerade daran.

STANDARD: Sie scheinen große Zuversicht zu haben, wenn es um die Verbesserung der Unternehmensbaukultur geht.

Achammer: Absolut! Doch wir müssen alle noch weiterdenken und zum Beispiel die derzeit noch kaum wahrgenommenen psychologischen Aspekte von Architektur aufgreifen. Eine Harvard-Studie etwa besagt, dass sich die Wahrnehmung zur Hälfte aus optischen und zu 33 Prozent aus akustischen Eindrücken zusammensetzt - und nur zu rund sieben Prozent aus intellektuellem Input. Und so wird auch Architektur zum größten Teil unterbewusst wahrgenommen: über Klänge und Haptik. Der Einfluss des Intellektuellen, zu dem gerade wir Architekten doch immer wieder neigen, ist also mickrig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27./28.5.2007)

  • Christoph Achammer: "Die Bauherrenseite erkennt immer mehr, dass Architektur zu einem wesentlichen Bestandteil einer erfolgreichen Corporate Strategy geworden ist."
    foto: privat

    Christoph Achammer: "Die Bauherrenseite erkennt immer mehr, dass Architektur zu einem wesentlichen Bestandteil einer erfolgreichen Corporate Strategy geworden ist."

Share if you care.