"Frauen brauchen eine niedrigere Dosis"

5. Oktober 2007, 16:28
posten

Medikamenten-Entwicklung nur für Männer? Gender-Medizin will Ausgewogenheit schaffen. Eine STANDARD-Diskussion

Die wenigsten Medikamente werden für Frauen entwickelt, Gender-Medizin nimmt sich dieses Problems an. Die Kardiologin Jeanette Strametz-Juranek und die Pharmaexpertin Barbara Valenta sprachen mit Sabina Auckenthaler über einen Trend in der Medizin.

STANDARD: Was versteht man unter Gender-Medizin?

Strametz-Juranek: Gender-Medizin wird häufig mit reiner Frauenmedizin oder gar mit Hormonersatztherapie für Frauen jenseits der Menopause assoziiert. Das ist vollkommen falsch. Gender-Medizin berücksichtigt die unterschiedlichen medizinischen Bedürfnisse von Frauen und Männern und bezieht somit beide Geschlechter mit ein. Die Themen gehen dabei quer durch die Medizin, umfassen sowohl biologische Faktoren wie z. B. die geschlechterspezifische Wirkung von Medikamenten als auch soziale Aspekte wie die unterschiedliche Wahrnehmung des eigenen Körpers.

STANDARD: Wie kam es zur Erkenntnis, dass geschlechtsspezifische Unterschiede eine Rolle in der Medizin spielen?

Valenta: Dass Medikamente auf Frauen andere Auswirkungen haben können als auf Männer, wurde erstmals durch die Contergan-Affäre Anfang der 60er-Jahre in der ganzen Tragweite deutlich. Die schlimmen Folgen für die Ungeborenen nach der Verabreichung dieses Beruhigungsmittels an Schwangere brachte für die Pharmazeutische Industrie ein Dilemma mit sich. Um jedes Risiko zu vermeiden, wurden Frauen im gebärfähigen Alter fortan von Medikamententests besonders in frühen Entwicklungsphasen weit gehend ausgeklammert. Natürlich müssen Frauen im reproduktionsfähigen Alter geschützt werden, andererseits fehlen dann aber die Daten.

Strametz-Juranek: In den 90er- Jahren zeigten sich dann wiederum die Folgen davon, dass Medikamente nur mehr an Männern getestet wurden: Durch die antivirale Therapie bei HIV-Patienten verbesserte sich die Gesundheit der Männer signifikant, während bei den Frauen das Gegenteil der Fall war. Man fand schließlich heraus, dass die verabreichte Medikamentendosis für den weiblichen Körper einfach zu hoch war.

STANDARD: Und heute werden wieder Frauen in die Studien einbezogen?

Valenta: Ein Großteil der Studien berücksichtigt Frauen. Allerdings wird in der frühen Phase der klinischen Prüfung auch heute kaum an Frauen getestet, da man noch nicht genau weiß, welche Auswirkungen die am Tier erfolgreich getesteten Medikamente auf die Probanden und möglicherweise auf die Keimbahn und auf Ungeborene haben. In Japan zum Beispiel liegt die Frauenquote in dieser Testphase nahezu bei null, in Europa ist sie sehr niedrig. Das Problem dabei ist aber, dass genau in dieser Phase der Abbau des Medikaments im Körper untersucht und somit die Dosierung bestimmt wird.

STANDARD: Gibt es für klinische Studien denn keine Vorschriften bezüglich der Geschlechterverteilung der Probanden?

Valenta: In Europa gibt es - im Gegenteil zu den USA - keine genaue Vorgabe, wie hoch der Prozentsatz an Frauen bei der Testphase sein muss. Als Probanden werden jene genommen, die sich melden und den Anforderungen entsprechen. Und das sind oft zu einem großen Teil Männer. Die Zulassungsbehörde für Medikamente könnte zwar einen zu geringen Frauenanteil beanstanden, mir ist allerdings kein Fall bekannt, wo dies geschehen ist.

STANDARD: Und bei Medikamenten, die speziell für Frauen sind, wie die Pille?

Valenta: Dort kann die Wirkung und auch die Verträglichkeit natürlich nur an Frauen geprüft werden, auch in Testphase eins.

STANDARD: Bewerten Sie das Ausklammern der Frauen von frühen kritischen Testphasen als Schutz oder Gefahr?

Strametz-Juranek: Ich glaube, wir müssen in Zukunft in alle Phasen der klinischen Studien mehr Frauen integrieren, um unbekannte Wirkungen von Medikamenten auf den weiblichen Körper zu vermeiden.

STANDARD: Verstoffwechselt eigentlich nicht jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, Medikamente unterschiedlich?

Valenta: Bis zu einem gewissen Grad ist der Medikamentenstoffwechsel bei jedem Menschen individuell. Es handelt sich hier aber um Abweichungen und nicht um essenzielle Unterschiede wie bei der geschlechtsspezifischen Wirkung mancher Medikamente. Bestimmte Medikamente - zum Beispiel manche Beta-Blocker - werden bei Frauen langsamer abgebaut als bei Männern. Das bedeutet, Frauen brauchen eine niedrigere Dosis. Bei anderen Medikamentengruppen ist es umgekehrt.

Strametz-Juranek: Frauen haben prinzipiell eine höhere Herzfrequenz als Männer. Manche Medikamente können bei ihnen sogar zu Herzrhythmusstörungen führen. Genauso gibt es Unterschiede im Gehirnstoffwechsel oder im Schmerzempfinden der Geschlechter.

STANDARD: Gibt es umgekehrt auch klinische Bereiche, in denen die Datenlage für die Frauen besser ist als für die Männer?

Strametz-Juranek: Wir wissen zum Beispiel, dass Frauen, die an Migräne mit Aura leiden, also Kopfschmerzattacken, denen auch neurologische Ausfallerscheinungen wie visuelle Störungen vorausgehen, ein 2,8-mal höheres Schlaganfall- und ein 2,4-mal höheres Herzinfarktrisiko haben. Für die Männer gibt es hier keine Untersuchungen, wir kennen ihr Risiko also schlichtweg nicht. Ein weiteres Beispiel: Männer, die an Schmerzen im Wirbelsäulenbereich leiden, werden selten auf Osteoporose gescreent, weil viele glauben, es handle sich dabei um eine reine Frauenkrankheit, aber das stimmt nicht.

STANDARD: Spielen eigentlich auch soziale Faktoren eine Rolle?

Strametz-Juranek: Ja, sogar eine große Rolle. Eine aktuelle Studie an Patienten mit einem akuten Herzinfarkt in Bezug auf Kriterien wie Erholphase, Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag, Lebensqualität und Sterblichkeit zeigt, dass die schlechtesten Chancen schwarze Frauen haben, die alt sind. Die Problematik kennen wir auch in Österreich: Allein erziehende Frauen - und Migrantinnen ganz besonders - haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Sie stehen häufig unter enormem Stress. Frauen reagieren auf Stress aber auch anders als Männer. Wir stehen in der Berücksichtigung all dieser Faktoren in der Medizin noch relativ am Anfang.

Valenta: Wir wissen heute aus klinischen Studien, dass Frauen ihre Symptomatik anders bewerten und auch anders beschreiben als Männer. Auch das ist für die Diagnose und die Medikation zu berücksichtigen.

Strametz-Juranek: Anderseits gehen Frauen deutlich häufiger zu Vorsorgeuntersuchungen als Männer. Die Konsequenz ist, dass manche Karzinomarten bei Männern viel später entdeckt werden. Männer finden sich auch selten zu dick, selbst wenn ihr Übergewicht bereits ein erhebliches gesundheitliches Risiko darstellt. Sie würden an Gesundheit gewinnen, wenn sie Beschwerden früher ernst nähmen.

Valenta: Auch bei psychischen Krankheiten wie Depressionen spielt das soziale Geschlecht eine große Rolle. So nehmen zum Beispiel deutlich mehr Frauen als Männer Antidepressiva ein. Ein Grund dafür liegt sicher in den sozialen Geschlechterrollen. Einen Arzt aufzusuchen, weil man sein Leben nicht mehr im Griff hat, gilt bei vielen Männern als Schwäche.

STANDARD: Die Gender-Problematik ist vermutlich noch nicht in alle Arztpraxen vorgedrungen. Müssen sich Patienten - und vor allem Frauen - Sorgen machen, ob die Dosis angemessen ist, wenn sie Medikamente verschrieben bekommen?

Valenta: Ein erster Schritt von Patientenseite ist es, den Beipackzettel genau zu studieren: Manche Medikamente - wenn auch noch zu wenige - beinhalten geschlechtsspezifische Informationen. Wenn ein Medikament nicht anspricht, oder man Nebenwirkungen bemerkt, sollte man den Arzt ruhig fragen, ob dies mit dem Geschlecht zusammenhängen könnte. Man geht zwar das Risiko ein, dass er es als Unsinn abtut, aber man fördert damit auch das Bewusstsein für diese Thematik.

Strametz-Juranek: Ein Anliegen des Medizin-Genderkongresses im Juni ist neben dem internationalen Austausch daher auch, die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte einzubeziehen: Wir bieten mehrere (deutschsprachige) Workshops zu genderrelevanten Themen.

STANDARD: Wird der Genderaspekt in der medizinischen Ausbildung heute bereits thematisiert?

Strametz-Juranek: Alle öffentlichen Medizin-Universitäten in Österreich haben seit einigen Jahren den eindeutigen Auftrag, geschlechtsspezifische Lehre in das Curriculum einzubeziehen. 2008 wird an der Medizinischen Universität Wien zudem ein Hochschullehrgang "Gender-based Healthcare" starten. Unser genderspezifisches Angebot wird von den Studierenden sehr gern angenommen. Viele Ärzte und Ärztinnen haben während ihrer Ausbildungszeit freilich nichts von einer geschlechterspezifischen Medizin gehört. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir diese Kluft überwinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.05.2007)

Vom 2. bis 3. Juni 2007 findet an der Medizinischen Universität Wien der "2nd International Congress of Gender Medicine" statt.
  • Jeannette Strametz-Juranek (43) ist Universitätsprofessorin und Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie. Sie ist Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin, Leiterin der Taskforce "Gender Kardiologie" sowie der Arbeitsgruppe "Gender-Lehre" an der Med-Uni Wien. Sie war Organisatorin des ersten Gender-Symposiums an der MUW 2006 und ist Kongresspräsidentin des 2nd International Congress of Gender Medicine.
    foto: standard/andy urban

    Jeannette Strametz-Juranek (43) ist Universitätsprofessorin und Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie. Sie ist Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin, Leiterin der Taskforce "Gender Kardiologie" sowie der Arbeitsgruppe "Gender-Lehre" an der Med-Uni Wien. Sie war Organisatorin des ersten Gender-Symposiums an der MUW 2006 und ist Kongresspräsidentin des 2nd International Congress of Gender Medicine.

  • Barbara Valenta (47) gehört seit 2007 dem Global Clinical Research und Development Team der Baxter AG an. Die Fachärztin für Pharmakologie hat jahrelange Erfahrung in der Industrie und Medikamentenzulassung. Valenta ist stellvertretende Leiterin des Arbeitskreises Pharmakovigilanz des Branchenverbandes Pharmig sowie Stellvertreterin der Wirtschaftskammer in der Heilmittelevaluierungskomission des Hauptverbandes der Sozialversicherungen.
    foto: standard/andy urban

    Barbara Valenta (47) gehört seit 2007 dem Global Clinical Research und Development Team der Baxter AG an. Die Fachärztin für Pharmakologie hat jahrelange Erfahrung in der Industrie und Medikamentenzulassung. Valenta ist stellvertretende Leiterin des Arbeitskreises Pharmakovigilanz des Branchenverbandes Pharmig sowie Stellvertreterin der Wirtschaftskammer in der Heilmittelevaluierungskomission des Hauptverbandes der Sozialversicherungen.

Share if you care.