Plötzlicher Stillstand

5. Oktober 2007, 16:38
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Herzinfarkt: für ein Drittel kommt jede Hilfe zu spät. Mediziner arbeiten an einer Verbesserung der Akutversorgung, denn der Zeitfaktor ist bei Infarkten entscheidend.

Frauen sterben häufiger daran, und trotzdem halten viele den Herzinfarkt nach wie vor für eine reine Männersache. "Frauen zeigen nicht immer die typischen Symptome des Herzinfarktes. Es dauert daher länger, bis sie Hilfe rufen", berichtet Otmar Pachinger, Leiter der Klinischen Abteilung für Kardiologie an der Universitätsklinik in Innsbruck. Während sich bei Männern ein Herzinfarkt meist mit heftigen Schmerzen hinter dem Brustbein äußert, zeigen Frauen auch unspezifische Beschwerden im Bauch oder Nacken.

Nicht ernst genommen

Akut lebensgefährlich ist der Herzinfarkt in jedem Fall. Ernst genommen werden erste Warnsignale trotzdem nur von zehn bis 15 Prozent aller Betroffenen. "Dabei kommt der Infarkt in den meisten Fällen nicht überraschend", weiß Kurt Huber, der neu gewählte Präsident der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft: "Viele Patienten hatten auch vor dem Infarkt immer wieder Brustschmerzen, ausgelöst durch körperliche oder seelische Belastungen". Da die Beschwerden wieder verschwinden, werden sie oft ignoriert.

Unterbrochene Blutzufuhr

Verantwortlich für diese so genannte Angina pectoris (Herzenge) sind laut Huber arteriosklerotische Veränderungen in den Herzkranzgefäßen. Ist die Blutzufuhr in diesen auch als Koronararterien bezeichneten Arterien länger als 15 Minuten unterbrochen, so geht Herzmuskelgewebe unwiderruflich zugrunde. Mediziner sprechen dann vom Myokard- oder Herzinfarkt. Huber, der auch die Abteilung für Kardiologie am Wilhelminenspital in Wien leitet, geht davon aus, dass 15.000 Menschen jährlich in Österreich einen Herzinfarkt erleiden. Ein Drittel davon stirbt, noch bevor sie von einem Arzt untersucht, geschweige denn behandelt wurden.

Schnell zum Arzt

"Ziel ist es, die Versorgungskette zu optimieren. Das heißt: Die Zeit zwischen dem Schmerzbeginn bis zur Therapie muss kurz sein", erklärt der Innsbrucker Kardiologe Pachinger. In Tirol ist das eine besonders große Herausforderung, denn Herzinfarkte ereignen sich auch im Gebirge. Im Februar 2007 wurde daher das von Pachinger initiierte Tiroler Herzinfarkt-Netzwerk gebildet. "26 Hubschrauber machen es heute möglich, dass Herzpatienten innerhalb von 60 Minuten entsprechend versorgt werden können", berichtet Pachiner.

In Wien bemüht sich Gerald Maurer, Leiter der Abteilung für Kardiologie am AKH Wien, bereits seit 1994 um eine Akutversorgung der Herzinfarktpatienten. Seit 2003 sind außer dem AKH noch fünf weitere Wiener Spitäler an einer Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Herzpatienten beteiligt. "Zeit ist Herzmuskel", ergänzt Pachinger und hofft, dass die Versorgung österreichweit bald flächendeckend wird.

Therapie

Therapeutisch hält sich der Tiroler Experte an das Motto: "Rasch perfundieren. Entscheidend ist nicht wie, sondern dass reperfundiert wird." Er beantwortet damit vorweg die Frage, ob die Wiedereröffnung des verschlossenen Gefäßes durch Lyse (Auflösung des Blutgerinnsels) oder mit- hilfe eines Ballonkatheters erfolgen sollte. "Leider fehlen nach wie vor die Ressourcen, um die Herzkathetermethode immer anzuwenden", erklärt Maurer den Grund, warum man sich nicht immer für diese erfolgversprechendere Methode entscheidet. Nur wenn das versorgende Spital auch über ein Katheterlabor verfügt, ist die Entscheidung klar.

Aufdehnen und Stents

Innerhalb von 90 Minuten ab dem ersten Kontakt mit dem Arzt bemüht man sich, dort verschlossene Gefäße über einen Herzkatheter mit einem Ballon aufzudehnen. "Damit sich das Gefäß nicht erneut verengt, implantiert man in der Regel außerdem so genannte Stents, also Gefäß-stützen", erklärt Huber. Damit soll ein erneuter Infarkt verhindert werden. Seit 2002 gibt es auch Stents mit Medikamentenbeschichtung, die in den letzten Monaten allerdings in Verruf geraten sind. Angeblich erhöhen sie das Risiko später Stent-Thrombosen bei den Patienten. "Ein Preis, den man zahlt, für den Vorteil, dass sich die beschichteten Stents wesentlich seltener wieder verengen", weiß Maurer.

Huber ergänzt, dass die Auswahl an Patienten, die von diesen Stents besonders profitieren, in Hinkunft genauer als bisher überprüft werden wird. Er ist sicher, dass sich die Qualität dieser Gefäßstützen in den nächsten Jahren noch verbessern wird. (DER STANDARD, Printausgabe, Regina Philipp, 29.05.2007)

Wissen: Ums Herz

Koronararterien liegen kranzförmig ums Herz und versorgen den Herzmuskel mit Blut. Wie viel Muskelgewebe beim Infarkt zugrunde geht, ist von der Zahl der sich verschließenden Herzkranzgefäße abhängig, ein EKG bringt hier Klarheit.

Eine schlechte Prognose hat der Vorderwand- infarkt, bei akutem Gefäßverschluss ist Herzstillstand die Folge. 20 Prozent aller Herzinfarkte sind "stumm", gehen also beschwerdefrei aber nicht spurlos vorüber.

Die Verkalkung (Arteriosklerose) mehrerer Herzkranzarterien ist eine typische Indikation für die Bypass-Operation. Um die kranken Gefäße zu überbrücken, wird den Patienten meist ein Teil einer Beinvene entnommen.
  • Verkalkte Herzkranzgefäße beeinträchtigen die Pump- leistungen. Oft bleiben Störungen auch unbemerkt.
    grafik: medstandard

    Verkalkte Herzkranzgefäße beeinträchtigen die Pump- leistungen. Oft bleiben Störungen auch unbemerkt.

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