Handelsketten schwingen den Kochlöffel

1. Juli 2007, 17:15
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Einkaufen geht durch den Magen: Österreichs Handelsketten fetten ihr Geschäft immer öfter mit warmen Mittagsmenüs und Restaurants auf. Den Wirten schmeckt das wenig

Wien - Rund um die Mittagszeit zieht der Duft von warmen Essen durch die Spar-Filiale. Der Kärntner Kaufmann Reinhard Rogl kocht in Treffen für seine Kunden auf. Das Menü kostet ein paar Euro, wer es sofort essen will, für den stehen im Geschäft Tische bereit.

Der Wettbewerb sei hart, er könne sich mit diesem Service von den Konkurrenten abkoppeln, sagt Rogl. Auch wenn die Menüs kaum Gewinne abwerfen - "ich erschließe mir damit neue Kundenschichten".

Essen und Einkaufen

Die Österreicher essen zunehmend außer Haus. Und der Handel nutzt den Trend, den Einkauf mit einer warmen Mahlzeit zu verbinden. In einem Aufwasch werden dazu oft auch gleich Catering, Partyräume und Kindergeburtstagsfeste geboten. "Die Erträge sind dabei nicht entscheidend", sagt Handelsexperte Peter Schnedlitz. Ziel sei, Einkaufen zur Freizeitbeschäftigung zu machen.

Billa startete vor zwei Jahren in 14 Filialen mit heißen Gerichten zum Mitnehmen. Mittlerweile wird an 250 Standorten aufgekocht. 2000 bis 2500 Portionen gehen täglich über die Theken. Besonders beliebt sei Hausmannskost, allen voran das Schnitzel. Billa will das Angebot auf weitere Outlets ausdehnen.

Spar überlässt frische Mittagsmenüs lieber den selbstständigen Kaufleuten, baut jedoch im Duell mit Merkur das Restaurantgeschäft aus. Merkur betreibt 52, Interspar 56 Restaurants. "Sie sind wichtige Frequenzbringer", sagt Nicole Berkmann, Spar-Sprecherin. Wie viel Umsatz sie bringen, das verraten weder Rewe noch Spar. Dass es sich rechne, darüber sind sich beide einig. Den Kochlöffel schwingen daher auch die Möbelhändler.

"Gut für Image und Umsatz"

Ikea zählt bereits zu Österreichs größten Systemgastronomen und bezifferte das Geschäft mit Speis und Trank zuletzt mit mehr als fünf Prozent des Gesamtumsatzes. 75 Prozent der Kunden würden sich im Zuge des Möbeleinkaufs im Restaurant stärken. Und sie verdrücken dort jährlich rund 55 Tonnen Fleischbällchen.

Lutz und Kika stehen den Schweden beim Brutzeln und Braten um nichts nach: Gegrillte Hendln vor den Möbelhäusern, billige XXX-Schnitzeln in den eigenen Restaurants. Lutz führt davon 38 mit jeweils bis zu 300 Sitzplätzen. Zwei weitere kommen heuer dazu. Sie seien gut für Image und Umsatz, sagt Lutz-Sprecher Thomas Saliger. "Wir hegen und pflegen sie." Gewinne erzielen müssten sie nicht. Dass der Möbelhandel bei seinem Leisten bleiben soll, sieht er so nicht. "Unsere Köche sind ja keine ehemaligen Möbelverkäufer." Viele kämen aus der Haubengastrono-mie. "Nach 15 Jahren Saisonarbeit sind für sie die Öffnungszeiten des Handels ein Segen."

Auch Schnedlitz sieht den Handel als guten Koch - "solange nicht in einer schmuddeligen Ecke ein Paar Bierdosen gekippt werden". Die traditionelle Gastronomie müsse auf jeden Fall aufpassen, dass sie sich nicht mit zu hohen Preisen aus dem Markt katapultiere. Dass den Wirten die Kochkünste des Handels wenig schmecken, liegt in der Natur der Sache. "Das bringt uns zusätzliche Konkurrenz", sagt Thomas Wolf, Chef des Gastronomie-Fachverbands. Aber auch viele Wirte seien auf das Geschäft mit dem schnellen Essen aufgesprungen. Und ein Fünftel engagiere sich dank neuer Gewerbeordnung auch als Händler. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2007)

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    Die Österreicher essen zunehmend außer Haus. Favorit bleibt das Schnitzel.

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