"Mikrokredite sind kein Wundermittel"

18. Juni 2007, 18:25
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Mikrokredite sollen in Entwicklungsgebieten aus der Armut helfen. Das System hat aber Grenzen, sagte Finanz-Experte Guillermo Salcedo im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Warum werden die meisten Mikrofinanzierungen an Frauen vergeben?

Salcedo: Das hat zwei Ursachen: Viele Mikrofinanz-Institute sprechen nur Frauen an. Das hat sich dadurch entwickelt, dass in den Märkten der urbanen Gebiete meist Frauen die Waren verkaufen. Außerdem managen in armen Ländern viele Frauen das Haushaltsbudget und die Familie. Frauen sind es gewohnt, mit den limitierten Ressourcen zu haushalten.

STANDARD: Wie kann man sicherstellen, dass die kleinen Finanzierungen auch nachhaltig Hilfe bringen?

Salcedo: Bei der ganzen Diskussion um Mikrofinanzierungen darf man nicht vergessen, dass dieses Geld sehr selektiv vergeben wird. Leute, die einen Mikrokredit beantragen, werden von Mitarbeitern besucht, die genau prüfen, ob sich eine Anschaffung rentiert, eine Idee auch vermarktet werden kann und ob diese Person das geborgte Geld auch zurückzahlen kann.

STANDARD: Aber wie lässt sich beurteilen, ob das Brot, das eine Familie bäckt, auch verkauft werden kann?

Salcedo: In den meisten Fällen ist es so, dass Leute, die bereits etwas herstellen und verkaufen, durch Mikrofinanzierungen ihr Geschäft vergrößern oder etwa einen alten gegen einen neuen Ofen ersetzen wollen. Nur in den seltensten Fällen wird mit einer Mikrofinanzierung ein neues Geschäft gestartet. Das Geld wird ja nur vergeben, wenn für die Gegenleistung auch ein Bedarf da ist ...

STANDARD: ... und die Rückzahlung auch garantiert ist.

Salcedo: Genau. Das ist auch der Punkt, in dem sich Mikrofinanz von herkömmlichen Spenden unterscheidet. Spenden werden oft verteilt, ohne zusätzliche Hilfestellung oder Konzept dahinter. Mit Mikrokrediten wird etwas auf- bzw. ausgebaut. Die Leute fühlen sich respektiert und strengen sich an, damit ihre Geschäfte gut laufen.

STANDARD: Wie hoch sind die Ausfälle bei Rückzahlungen?

Salcedo: Überraschenderweise sehr gering. Das liegt auch daran, dass arme Leute gelernt haben, wie man überlebt. Der Erfolgsfaktor ist hier sehr wichtig: Mikrokredite werden vergeben, wenn der Bedarf da ist, wenn jemand eine Idee hat, und nicht, weil Geld gespendet wurde, das verteilt werden muss.

STANDARD: Wo sind die Grenzen der Mikrofinanzierung?

Salcedo: Mikrokredite erreichen nicht jeden. Die Geldgeber müssen sehr selektiv vorgehen, damit sichergestellt ist, dass das Geld zurückgezahlt werden kann und das System nachhaltig funktioniert. Mikrokredite sind kein Wundermittel, sie geben aber neue Chancen. Durch die kleinen Kredite schaffen viele Familien ein besseres Leben, ein stabiles Einkommen, Bildung für ihre Kinder. Man stoppt damit aber nicht den Hunger in der Welt, denn die Ärmsten der Armen bekommen auch keine Mikrofinanzierungen.

STANDARD: Seit Mohammed Yunus den Friedensnobelpreis für die Idee der Mikrokredite bekommen hat, ist das Thema verstärkt in den Medien. Schlägt die erhöhte Aufmerksamkeit auf Ihre Arbeit durch?

Salcedo: Je mehr Aufmerksamkeit das Thema bekommt, umso besser ist es. Auch von Regierungen und Behörden wird das Thema jetzt viel stärker wahrgenommen. Man könnte sagen, die Bewusstseinsbildung hat begonnen.

STANDARD: Sie waren früher Banker. Was hat Sie zum Wechsel in die Mikrofinanz bewogen?

Salcedo: Nachdem ich das Bankgeschäft erlernt hatte, wurde es langweilig und zur Routine. Durch die Arbeit mit Mikrofinanzierungen habe ich mehr persönlichen Kontakt zu den Menschen. Sie sind stolz, wenn man sie unterstützt und ihnen das Gefühl gibt, sie und ihre Pläne ernst zu nehmen und zu respektieren. Es ist eine dankbarere Tätigkeit. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.5.2007)

Zur Person
Guillermo Salcedo ist Mikrofinanz-Manager und seit 2004 für die Zentrale des Mikrokredit-Vermittlers Oikocredit in den Niederlanden tätig.
  • Der ehemalige Banker Guillermo Salcedo stellt jetzt Mikrokredite zur Verfügung.
    foto: standard/urban

    Der ehemalige Banker Guillermo Salcedo stellt jetzt Mikrokredite zur Verfügung.

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