Welche Rolle spielt der Glaube bei Integration, kann Religion Integration auch erschweren?
Welchen Stellenwert nimmt Integration und der Umgang mit Fremden für die einzelnen Glaubens-Gemeinschaften ein, wann kann Religion den Integrationsprozess gefährden: Im derStandard.at-Interview mit Thomas Bergmayr erklären Vertreter der wichtigsten Kirchen in Österreich, wie die religiösen Auffassungen ihres Glaubens und Integration zusammen passen, welche Maßstäbe sie anlegen und unter welchen Umständen Religion ein Hindernis für den Integrationsprozess sein kann.
Römisch-Katholische Kirche
Michael Landau
Caritasdirektor der Erzdiözese Wien
Welche Rolle sehen Sie für Ihre Kirche im Zusammenhang mit Integration?
Österreich – und auch die katholische Kirche in diesem Land – hat eine lange und positive Tradition im Umgang mit anderen Religionen, das gilt auch für den Islam. Die Grundhaltung des Miteinanders, der gleichen Würde des und jedes Menschen ist hier spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil für die Katholische Kirche bestimmend: Es gibt nur ein Maß, die Maßeinheit Mensch. Da geht es um den Respekt vor den kulturellen Unterschieden, aber auch den Schutz der gemeinsamen unverzichtbaren Werte, die auf der gleichen Würde und den universalen Menschenrechten gründen.
Der Angst vor fremden Religionen muss Information und Aufklärung gegenüber gestellt werden. Es geht um einen Dialog, der Respekt vor und Kenntnis der eigenen Identität hat, aber ebenso Respekt vor der Identität der anderen. Ich bin überzeugt: Es geht darum zu verstehen, was dem anderen heilig ist! Dazu müssen wir einander zuhören, miteinander ins Gespräch kommen, den Verstand, aber auch die Herzen bilden.
Als Caritasverantwortlicher weiß ich: Integration ist möglich, und gelungene Integration ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Es würde Österreich große Vorteile bringen, wenn auch gesehen würde, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die eine Fülle an Talenten und Kompetenzen einbringen. Das zu unterschätzen heißt, diese Fähigkeiten und damit Chancen ungenützt zu lassen.
Hier appelliere ich an den Innenminister, die im Regierungsprogramm vorgesehene Integrationsplattform möglichst rasch einzurichten. Da geht es um deutlich mehr als um den Sicherheitsaspekt, der heute dominiert. Gelungene Integration braucht ein Gesamtkonzept, das auf sechs Säulen beruht: Recht auf Familie, Zugang zum Arbeitsmarkt, soziale Absicherung, Bildung, vertretbare Wohnverhältnisse, politische Partizipation.
Kann Religion und Glauben auch die Integration erschweren?
Glaube ersetzt nicht das Denken, er gibt zu denken. Integration wird oft missverstanden als "Anpassung", bis hin zur Assimilation. Aber Integration ist ein Prozess auf Gegenseitigkeit, der beide Seiten verändert und bereichert. Es geht um das Einhalten einer "gemeinsamen Hausordnung", nicht um eine Monokultur, die allen gleichsam übergestülpt wird. Wo das anders gesehen und vielleicht sogar religiös behauptet wird – im Widerspruch zur Religionsfreiheit, die notwendig und wechselseitig gefordert ist – dort kann Religion Integration erschweren.
Glaube kann sich als Hindernis erweisen, wo er zur Ideologie verkommt. In kirchlichen Begriffen: wenn also nicht mehr die umfassende und befreiende Liebe Gottes, die allen Menschen unterschiedslos gilt, Maß ist, sondern nachgeordnete und menschenbedingte Ausformungen religiöser Einstellungen Dominanz gewinnen.
Hier ist auch an Kardinal Christoph Schönborn zu erinnern, der bei der internationalen Konferenz "Islam in einer pluralistischen Welt" 2005 in Wien gesagt hat: „Als Religionen mit Missionsauftrag sind wir … vor Gott und der Welt verantwortlich dafür, dass wir die Gemeinsamkeiten unserer Missionsaufträge suchen und sie auch gemeinsam praktizieren (…) Und wir werden darüber Rechenschaft geben müssen, ob wir den vielen Menschen, die nicht an Gott glauben können, ein glaubwürdiges Zeugnis über den Glauben an Gott gegeben haben oder ob wir durch unsere Konflikte den Atheismus verstärkt haben." Daran ist immer wieder zu erinnern – nach innen und außen.
=> Weiterlesen: Evangelische Kirche
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | weiter |