
Zur Person
Simon Inou leitete mehrere Jahre die Afrika-Beilage der „Wiener Zeitung“ und ist Chefredakteur von Afrikanet.info, dem ersten Informationsportal im deutschsprachigen Raum über Afrika und seine Diaspora. Vor kurzem ging er als Gewinner des JournalistInnen-Wettbewerbs „Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung“ der Europäischen Kommission hervor.
MigrantInnen sollten eigene Medien machen, um ihre eigenen Perspektiven der Wirklichkeit zu entwickeln und zu vermitteln. Die Entstehung dieser Medien ist sehr oft eine Reaktion gegenüber dem Establishment der Mainstream-Medien, die MigrantInnen immer als Problem (Kriminalität) betrachten und nicht als Bereicherung für Österreich. Fast jeden Tag ist es für Mainstream-Medien normaler, über internationale Ereignisse zu berichten als über die internationale Bevölkerung, die innerhalb ihrer eigenen Grenzen wohnt, arbeitet und Steuern bezahlt.
Afrikanet richtet sich an das deutschsprachige Publikum, das Interesse an Afrika und seiner Diaspora hat. Diese Teilöffentlichkeit soll von den gängigen Klischees über Afrika befreit werden und ermutigt werden, selbst etwas zu bewegen.
Unsere These: Medienarbeit ist Teil von migrantischer Kulturarbeit. Sehen Sie das auch so? Und was ist für Sie migrantische Kulturarbeit?
MigrantInnen, die in Österreich leben, pflegen ihre eigenen Kulturen v.a. durch verschiedene Veranstaltungen. Gleichzeitig adoptieren sie Teile der Kultur dieses Landes und schaffen dabei auch neue Bewegungen. Ich sehe die Medienarbeit der MigrantInnen als mehr als nur eine Kulturarbeit. Natürlich lernen Medienschaffende aus migrantischen Kulturkreisen in Österreich mehrere Kulturen des Medienmachens. Die Produktion sowie der Vertrieb von Medienprodukten in Österreich stellen eine andere Realität dar als zuhause.
Gleichzeitig versuchen diese MigrantInnen, Österreich auch sozial, politisch und wirtschaftlich aus ihren Perspektiven widerzuspiegeln. Kulturarbeit bedeutet für mich, mitzumischen und starre Horizonte sowie Strukturen aus der Wahrnehmung der MigrantInnen reflektieren.
Antirassistische Strategien in der Medienarbeit: Wie können migrantische Medien gegen Rassismus intervenieren?
Migrantische Medien können gegen Rassismus intervenieren in dem sie:
Unter welchen Bedingungen wird Afrikanet.info produziert und welche Forderungen haben Sie an die Politik, damit sich diese Bedingungen verbessern? Wie sollten migrantische Medien gefördert werden? Könnten hier sogar Arbeitsplätze entstehen?
Afrikanet ist ein Projekt von M-media – Verein für Interkulturelle Medienarbeit und derzeit in einer Pilotphase. Das Projekt ist stark online-orientiert und wir versuchen delokalisierend zu arbeiten. Die Arbeit findet im Internet sowie live am Feld statt. Die Finanzen kommen von Menschen afrikanischer Herkunft, die in Österreich leben und arbeiten. Diese Gruppe von Menschen will derzeit mit Forderungen nichts zu tun haben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass migrantische Medien finanzielle Mittel brauchen. Viele migrantische Medien (mehr als 90% in Wien) funktionieren nach dem Selbstausbeutungsprinzip. Ein Redaktionsteam recherchiert, sammelt und vertreibt die Zeitung bzw. die Zeitschrift. Das geschieht unentgeltlich.
Migrantische Medien sollen gefördert werden. Wie?
Aber auch aus dem Presseförderungstopf... Tageszeitungen die schon solid strukturiert sind, erhalten die Presseförderung. Schwache Strukturen, wie die migrantischen Medien werden nicht gefördert. Warum? Manche österreichische Entscheidungsträger vermuten, es sei nicht nötig, migrantische Medien zu unterstützen. Na ja, die sind keine ÖsterreicherInnen und sprechen kaum Deutsch, wird dann gesagt. Es wird vermutet, dass sehr wenige ÖsterreicherInnen diese migrantischen Zeitungen lesen. Wir werden als Medienschaffende und MedienmacherInnen nicht wahrgenommen. Weil wir politisch betrachtet einfach nichts repräsentieren. Das ist einfach falsch, weil wir Teil der österreichischen Realität sind... Aber es ist immer einfacher, Beispiele aus Kanada, Großbritannien, USA zu erwähnen.
Wenn sie gefördert werden, könnten auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Aus eigener Erfahrung mit anderen Medien bemerke ich, dass die Politik stumm bleibt, wenn es um die Förderung dieser Medien geht. JournalistInnen, die in diesen Medien arbeiten, werden nicht als JournalistInnen wahrgenommen. Es ist einfach schade, dass die Medienabteilungen mehrerer Bundesländer in Österreich nicht geplant haben, migrantische Medien zu unterstützen.
Wären Vernetzungen und Allianzen zwischen migrantischen und nicht-migrantischen Medien und ein Informationsaustausch und Wissenstransfer wichtig, um sich gegenseitig zu stärken? Und: Wie ist das Verhältnis von migrantischen zu nicht-migrantischen Medien?
Ein migrantisches Medium berichtet nicht nur über die MigrantInnen, die hier leben, sondern berichtet über die Region, in der es entsteht, aus der Perspektive der migrantischen Gruppe. Nicht nur Informationsaustausch und Wissenstransfer sind wichtig, sondern auch die direkte Konfrontation mit MigrantInnen in den verschiedenen Redaktionen dieses Landes.
Wir haben die Initiative M-media ins Leben gerufen, um genau diese Punkte zu behandeln. Warum sehen wir in keiner Redaktion dieses Landes migrantische Gesichter? Warum werden wir immer gettoisiert, indem wir nur über bestimmte Themen reden, schreiben und berichten sollen? Warum werden wir von Mainstream-JournalistInnen immer nur kontaktiert, wenn es um die Community geht und nicht, wenn es auch um Österreich geht? Beide Seiten sollen bereit sein, sich konstruktiv zu treffen, um Austausch zu ermöglichen.
Das Verhältnis migrantische und nicht-migrantische Medien hat sich in den letzten Jahren stark verbessert. Zum Beispiel werden Berichte von Afrikanet.info oft von Mainstream-JournalistInnen aufgegriffen oder wiedergegeben. Und auch wir suchen Kontakte zu den nicht-migrantischen JournalistInnen, weil wir keine isolierten Inseln darstellen wollen, sondern Teil des österreichischen Puzzles sind. (Interview: Sylvia Köchl, Fields of TRANSFER)
Das größte Migrantenmagazin Österreichs KOSMO trotzt der Krise - auch vom Trend zum Deutschsprachigen grenzt sich das Blatt ab
Türkisches Staatsfernsehen führt Gespräche mit ORF: Sendung soll per Satellit ausgestrahlt werden
In Salzburg machen Migrantinnen Radio für neu Zugewanderte - Tipps zu Niederlassung, Sprachkurs und Jobsuche inklusive
Hutchison 3G bringt AustrotürkInnen via TV und Radio "die Heimat" aufs Handy - Türkei bald Platz eins bei Auslandstelefonaten
Minderheitensendungen dürften nicht "in Seitengängen des ORF vor sich hinvegetieren", sagt Gualtiero Zambonini vom WDR
Simon Kravagna, Chefredakteur von Biber, erklärt warum JournalistInnen mit Migrationshintergrund ihre "eigenen" Leute besser kritisieren können
Jede/r Neue in einer Gruppe bringt sich ein.
Wir müssen alle Sprachen dieser Welt lernen, oder uns auf eine einzige einigen.
Wir müssen alle Fähigkeiten erwerben, oder nachgefragte Spezialisten werden.
Wir müssen uns allen Regionalherrschaften unterwerfen, oder eine einzige Rechtordnung schaffen.
Alles andere ist zweitrangiges Blabla - es ist also viel zu tun. Jeder beginne bei sich selbst.
Ich fand dieses Interview - wie die anderen Poster - auch sehr gut und interessant.
Aber wer weiss, warum wird immer von "Migranten" gesprochen, wenn doch "Immigranten" gemeint wird ? Mich als "Emigranten" betrifft die lobenswerte Arbeit dieses Herrn eigentlich nicht.
Was fuer mich in diesem Interview auch nicht klar ist, inwieweit hier auch Fluechtlinge und Asylanten integriert sind, die per def. keine (I-)Migranten sind.
"Antirassistische Strategien in der Medienarbeit: Wie können migrantische Medien gegen Rassismus intervenieren?"
http://www.kanak-attak.de
"Kanak TV – Migrantische Selbstermächtigung
oder Warum Kanak TV politisch ist
Kanak TV agiert dort, wo rassistische Hierarchien zur Norm erklärt werden. Wir weisen jeden Versuch entschieden zurück, Migranten anzuglotzen, zu vermessen und in Kategorien zu pressen. Statt dessen richten wir den Blick auf Alemannen, die es für selbstverständlich halten, andere zu prüfen, zu fragen, und in ihrem Blick zu verkleinern.
Als wachsamer Begleiter des Alltags verstört Kanak TV gewohnte Sichtweisen und liebgewonnene Rezeptionsmuster. Kanak TV verbreitet Unbehagen unter den Selbstgerechten. Bei Kanak TV gibt es
Und je deutscher und selbstgefälliger das Publikum,desto tiefer bleibt ihnen das Lachen im Halse stecken.
Wir, Kanaken, produzieren die längst überfälligen Gegenbilder zu den ewig gleichbleibenden Bildern von Migranten. Wir konterkarieren die Bilder von den kriminellen Ghetto-Kanaken, schwitzenden Döner-Kanaken oder stummen Kanakinnen mit Kopftuch, die symbolisch für Rückständigkeit und Unterdrückung stehen.
Wir zitieren und entblößen den Rassismus als soziales Verhältnis, als ein Konstrukt, das bestimmte gesellschaftliche Hierarchien herstellt und perpetuiert und dabei bestimmte Gruppen von Menschen marginalisiert und sie in dieser Position hält. Hier ist unser Interventionsfeld."
konstruktive Ansätze, kein Pauschalieren weder bezüglich Zuwanderern noch bezüglich der Alteingesessenen ("Rassismus kein Monopol von Weißen")... Dieser Mann bringt viele Ideen mit und ist ein echter Brückenbauer. Was er fordert, ist absolut förderungswürdig. Wir brauchen mehr wie ihn, um Spannungen abzubauen.
Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.