Im Juni werden jährlich die besten Beiträge des Troia International Film Festival in Portugal mit dem "Goldenen Delfin" prämiert
"Dieser Ort ist ein Juwel, und niemand kennt ihn", schwärmt
Fredi M. Murer, ehe ich ihn zu seinem Kino-Märchen "Vitus"
befrage, das kurz zuvor über die Leinwand des Forums Luisa Todi
flimmerte. Wir befinden uns in einem Café in der Nähe jenes Kinos,
in dem ein Gutteil des Programms des alljährlich im Juni hier stattfindenden
internationalen Filmfestivals "Festroia" zu sehen ist. Setúbal
heißt dieser an der portugiesischen Atlantikküste gelegene Edelstein.
Es scheint so, als ob der Ort wie ein noch unvollständig geschliffener
Diamant nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit erregen kann. Vielleicht
liegt es daran, dass die Kleinstadt am Mündungsgebiet des Sado-Flusses
über ein nicht zu übersehendes Industrieviertel verfügt.
Setúbal liegt nur etwa eine halbe Autostunde südlich von der
portugiesischen Metropole Lissabon entfernt. Auf dem Weg dorthin
überquert man die spektakuläre, mehrere Kilometer lange
"Ponte 25 de Abril", die das Mündungsgebiet des Tejo
durchquert und auf den halbinselähnlichen Norden der Tourismusregion
"Costa Azul" führt. Die Autobahn gibt den Blick auf die
umliegende Landschaft noch zögerlich frei, doch man ahnt schon den
Zauber, der abseits der Asphaltbänder wartet.
Setúbal, am Südende der Halbinsel gelegen, begrüßt
zunächst durch ein gehörig Maß an Urbanität, doch der
erste Schritt in das historische Innere genügt, um zu wissen, was Regisseur
Murer mit dem "Juwel" meint. Ein sympathisches Häuser- und
Gässchenwirrwarr mit eigentümlicher portugiesischer Architektur
erschließt sich. Jedes zweite Haus - kaum eines hat mehr als zwei
Stockwerke - ist mit den für Portugal typischen, blau gemusterten Azulejo-
Fliesen gekachelt. Kein Auto zwängt sich durch die über Jahrzehnte
von allerlei Schuhwerk glatt geschliffenen Kopfsteinpflaster-Gässchen. Die
Menschen bewegen sich gemächlich, Hektik würde so gar nicht
hierherpassen. Nichts wirkt "geschleckt" oder durchkommerzialisiert,
wie man es von anderen für Touristen renovierten Altstädten kennt.
An manchem Häuschen nagt der Zahn der Zeit, doch man hat keine Eile,
etwas wegzuretuschieren. Das Leben darf sich in all seinen Facetten, auch in
jenen des Verfalls, zeigen.
Kolonien am Sado
Die Qualitäten dieses Ortes und seiner umliegenden Landschaft wussten
schon die Römer zu schätzen - zahlreiche Ausgrabungsorte zeugen
von der langen Besiedlungszeit. Neben der Salzgewinnung hatte vor allem der
Fischfang stets große Bedeutung. Der Zusammenfluss von Ozean und Fluss
(Sado) ermöglicht ungewöhnlichen Fisch- und
Meeresfrüchtereichtum. Das wissen auch Delfine zu schätzen.
"Es gibt nur zwei permanente Kolonien" dieser Delfinart (Roaz-
Corvineiro) in Europa. "Eine lebt vor Schottland und die zweite hier im
Mündungsgebiet das Sado", erläutert Ana Isabel Correia,
engagierte Tourismusmanagerin der Costa Azul.
"Wir können zum Beispiel das Rebarca empfehlen", erklärt
man mir im Festroia-Büro auf die Frage nach einem guten Fischlokal. Dort
angekommen, wähle ich in Unkenntnis der portugiesischen Fischnamen das
erste Gericht auf der Karte und kehre danach jeden Tag zielstrebig an diesen Ort
des kulinarischen Hochgenusses zurück, um ohne zu zögern das
nächste Gericht in der Liste zu kosten. Als das Rebarca schließlich den
unvermeidlichen Ruhetag einlegt, nehme ich kurz entschlossen ein anderes an
der Hafenpromenade und werde wieder nicht enttäuscht. Das
Kunststück, an sechs von acht Tagen jeweils ein neues Fischgericht in
absoluter Spitzenqualität und in unterschiedlichen Lokalen serviert zu
bekommen, dürfte für andere Küstenorte nicht leicht
nachzuahmen sein. Kein Wunder, dass Frau Correia Beispiele von
Fischbekehrungserlebnissen zu berichten weiß.
Ein Glück für Troia
Ein Vergleich mit der viel bekannteren Südprovinz Algarve zeigt die Costa
Azul als ruhiges, auf sanften Tourismus angelegtes Ferienparadies, in dem noch
lange nicht alles touristisch erschlossen ist. Das ist gar nicht paradox, gibt es
doch Touristen, die genau das zu schätzen wissen. Sympathisch klingen da
die Worte Frau Correias, die auf die touristische Zukunft angesprochen,
versichert: "Wir wollen aus der Costa Azul keine zweite Algarve machen!
"
Freilich blieb auch Setúbal nicht ganz von Bausünden verschont, als
man in den 1970er-Jahren auf der nahe gelegenen Halbinsel Troia
"Dubai" vorwegnehmen wollte. Das Projekt blieb in den
Kinderschuhen stecken, weshalb es dort heute kilometerlangen,
unberührten Sandstrand gibt. Die Natur - repräsentiert durch den
Nationalpark Arrabida, durch die Delfinkolonie, den Fischreichtum, seltene
Vogelarten, feine Sandstrände und Abschnitte bizarrer Steilküste - ist
die eine Facette der Costa Azul und Setúbals.
Die andere ist die Kultur mit ihren zahlreichen Festivals. Das Filmfestival Festroia
ist davon nur ein - wenn auch ein wichtiges - Event. Doch Kinoliebhaber kommen
nicht nur während der neun Festivaltage auf ihre Rechnung. "Die
beiden Kinos der Stadt werden das ganze Jahr vom Festivalteam
programmiert", erklärt Fernanda Silva - Programmkino 365 Tage also.
Und wer den Kinogeschmack der Festroia-Intendantin kennt, der braucht um
cineastische Erlebnisse nicht zu bangen.
Schließlich sollte man auch die Nähe zu Lissabon nicht vergessen. Von
Setúbal aus ist es möglich, den Bade- und Kultururlaub mit einem
Städtetrip zu verbinden, denn die Metropole ist nur einen
"Steinwurf" weit entfernt. Als ich mich am Heimreisetag
frühmorgens wieder auf der "Ponte 25 de Abril" über den
Tejo auf die Hauptstadt zubewege, wundere ich mich, wieso ich die von der noch
jungen Morgensonne glitzernde Skyline von Alcântara noch in keinem Film
gesehen habe. Wurde da neben Setúbal noch etwas übersehen?
(Joachim Schauer/Der Standard/Printausgabe/26./27./28.5.2007)
Joachim Schauer war Mitglied der Festroia-Jury 2006.
Info: Visit Portugal