Krimischiene: Auf der Insel und am Ball

1. Juni 2007, 16:05
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Viktor Arnar Ingolfsson: "Haus ohne Spuren" - Felicitas Mayall: "Wolfstod" - Claudio Paglieri: "Kein Espresso für Commissario Luciani" - Gillian Flynn: "Cry Baby"

Auf der Insel

Sture Sonderlinge von unglücklicher Gemütslage, die sich an unrealisierbaren Projekten versuchen und daran scheitern, bevölkern den Roman von Viktor Arnar Ingolfsson. Zugleich transportiert der Autor in Haus ohne Spuren (Deutsch: Coletta Bürling, € 9,20, BLT) wohl eher unbekannte Teile der Geschichte seiner Heimatinsel Island. Die dänische Herrschaft, der Zweite Weltkrieg, Kollaborateure, die Erlangung der Unabhängigkeit, die Auswanderer und die Zurückkommenden, all das spielt eine Rolle in der Familiensaga. Als der letzte Nachkomme mit einem Loch in der Brust aus dem fanatisch konservierten Vaterhaus hinausgetragen wird, kann sich niemand erklären, warum der Bankangestellte ermordet wurde. Der Autor scheint, wie seine Figuren auch, besessen von der Vergangenheit, das museale Haus wird zur Metapher für insulare Isolation.

Auf Dienstreise

Ein deutscher Dichter stirbt unter mysteriösen Umständen auf seinem Landsitz in der Toskana. Eine ungute Geschichte, die Commissario Guerrini trotzdem nicht unfroh stimmt, gibt ihm das doch Gelegenheit, seine Freundin Laura Gottberg von der Münchner Kripo anzufordern. Das Wiedersehen des Liebespaares wird jedoch von Anschlägen und vielen Lügen der Beteiligten getrübt. Man hat die Liebhaber des toten Dichters im Visier, Guerrini hat außerdem noch eine Abrechnung mit einem Schulkollegen offen. Der, einst ein linker Student, hat sich zum protzigen Fabriksbesitzer gewandelt und den Toten anscheinend allzu gut gekannt. Felicitas Mayall, die mit Wolfstod (€ 20,50, Kindler) ihre Kommissarin Laura zum vierten Mal nach Italien schickt, gewinnt überzeugend an Profil – und in der schönen Landschaft werfen Byron und Shelley lange Schatten.

Am Ball

Vermutlich wird die Fußball-EM noch zu etlichen Krimis im einschlägigen Milieu anregen. Einer, der früh dran ist, stammt von Claudio Paglieri. Kein Espresso für Commissario Luciani (Deutsch: Christian Försch, € 9,20, Aufbau) beginnt mit einem Schiedsrichter, der sich in der Halbzeit eines Top-Spiels erhängt, und setzt mit der Korruption im italienischen Fußball fort. Der Commissario glaubt nicht so recht an einen Selbstmord. Er bricht mit seiner Freundin, trifft die Versicherungsdetektivin Sofia, die ihn seines Verstandes beraubt und auch ein Interesse an der Frage Selbstmord oder Mord hat, denn der Schiedsrichter hatte eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen. Merkwürdig, dass die Witwe das Geld nicht haben will. Paglieri verzichtet auf italienische Kochrezepte und geht dafür beim Sex ins Detail. Ein spannendes Buch, auch für Leser, denen Fußball egal ist.

Auf Messers Schneide

Wer als Jugendlicher glücklich seinem Geburtskaff entronnen ist, sollte als Erwachsener nicht dorthin zurückkehren. Das will auch die Journalistin Camille nicht, muss aber im gottverlassenen Wind Gap in Missouri eine Story über ein ermordetes und ein verschwundenes kleines Mädchen schreiben. Camille begegnet den Schrecknissen ihrer Jugend wieder. Dazu gehören ihre eiskalte Mutter und die Erinnerungen an eine tote Schwester, die an rätselhaften Krankheiten litt. Gillian Flynns Thriller Cry Baby (Deutsch: Susanne Goga-Klinkenberg, € 17,40, Scherz) mag zwar etwas überzogen daherkommen, doch ist er eine wirklich bösartige Studie über das sogenannte Münchhausen-Syndrom: Man fügt anderen Schmerzen zu, damit man sich anschließend aufopfernd um sie kümmern kann. Camilles gruselige Mutter ist eindeutig von der Rolle, wer noch?

(Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.05.2007)

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    buchcover: scherz
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