Ruhe vor dem Sturm: "Mauer wieder da"

1. Juni 2007, 10:09
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In und um das Ostseebad Heiligendamm bereitet man sich auf den G8-Gipfel vor - Ein zwölf Kilometer langer Zaun schützt den Tagungsort vor den erwarteten 100.000 Demonstranten

Joachim Zander wird sich rüsten. Jede Menge Bauzaun hat er bestellt, auch einen Feuerwehrschlauch. "Ich verbarrikadiere mein gesamtes Grundstück und zur Not, wenn ein Brand ausbricht, kann ich selber löschen." Ein Hydrant steht gleich neben seinem idyllischen Töpferladen in Hinter Bollhagen, wo Zander mit seiner Familie in friedlichen Zeiten Steingut glasiert und an Touristen verkauft.

Aber in Hinter Bollhagen, das man auch auf Detailkarten von Mecklenburg-Vorpommern lange suchen muss, könnte es Anfang Juni alles andere als dörflich und idyllisch zugehen. Denn hinter dem Ort verläuft ein Zaun – der Zaun. Zwölf Kilometer lang, 2,5 Meter hoch, gekrönt mit rasiermesserscharfem Stacheldraht. "Komplexes technisches Sperrwerk" heißt Mecklenburg-Vorpommerns neue Touristenattraktion im Polizeijargon.

Und dieses Sperrwerk hat nur einen Zweck: Heiligendamm zu schützen – jenen mondänen Kurort an der Ostsee, in dessen Kempinski-Resort von 6. bis 8. Juni unter Führung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel der G8-Gipfel, das Treffen der Staats- und Regierungschefs der sieben größten westlichen Industriestaaten plus Russland, stattfindet.

Ein mulmiges Gefühl

Und G8-Gipfel, das bedeutet automatisch Randale. Globalisierungsgegner aus ganz Europa werden anreisen und auf den mecklenburgischen Feldern herumtrampeln. "Ich habe ein mulmiges Gefühl", sagt Töpferer Zander. Trotz seines vergleichsweise bescheidenen Bauzaunes, trotz seines Feuerwehrschlauches, trotz der 15.000 Polizisten, die im Einsatz sein werden.

Drei Kilometer weiter, in Heiligendamm selbst, herrscht die professionelle Ruhe vor dem Sturm. Das Personal huscht diskret durch die weißen Flure des Hotels und durch die penibel manikürte Parkanlage. Einer, der dem Gipfel in "freudiger Erwartung" entgegensieht, ist Bürgermeister Hartmut Polzin (SPD): "Heiligendamm wird bekannt wie ein bunter Hund." Werbung kann Mecklenburg-Vorpommern gut gebrauchen. In Deutschlands "Armenhaus" liegt die Arbeitslosenquote trotz guter Konjunktur immer noch bei nahezu 18 Prozent.

"Werbung ja, aber nicht diese"

"Werbung ist ja gut und schön, aber doch nicht so eine", schimpft Thomas Lebenhart. Er steht im Örtchen Laage im Info-Mobil der Polizei und will wissen, mit welchen Verzögerungen er Anfang Juni auf seinem Weg zur Arbeit rechnen muss. Seit Wochen informieren die Beamten geduldig die Bevölkerung , wann es wo zu Straßensperrungen kommen wird. "Rostock war schon einmal weltweit in den Medien, als ein Ausländerheim brannte. Und jetzt wird es mit Stacheldraht und Polizei verbunden", sagt er und greift nach einem Informationsblatt der Polizei für Gewerbetreibende. "Verzichten Sie auf die Präsentation hochwertiger Waren im Schaufensterbereich", heißt es darauf.

Auch in der katholischen Kirche in Rostock ist man auf den Gipfel nicht gut zu sprechen. Pfarrer Horst Eberlein hat eine Diskussionsrunde zum Thema "Glaube und Globalisierung" zusammengerufen. Was assoziieren die Gemeindemitglieder spontan mit dem G8-gipfel? "Polizei, Unruhe, Zaun, Randalierer, die Mauer ist wieder da", lauten die wenig freundlichen Antworten. Pfarrer Eberlein betet daher nicht nur darum, dass Politiker ihre Verantwortung wahrnehmen, er hilft auch praktisch und bietet anreisenden Demonstranten Obdach – selbstverständlich nur den friedlichen.

13 Prozent der Weltbevölkerung

Auf deren viele hofft Adolf Rickenberg von der Antiglobalisierungsorganisation Attac. Bis zu 100.000 Globalisierungsgegner sollen am 2. Juni nach Rostock zur großen Demonstration kommen, rund 15.000 werden dann zum Gipfel bleiben und versuchen, diesen lahm zu legen, wo es nur geht. 60 Demonstrationen sind angemeldet.

Rickenberg weiß, dass seine Leute bei der Bevölkerung nicht gerade beliebt sind, weil diese den Aufruhr fürchtet. Er aber findet, dass der Protest laut sein muss: "Dieser Gipfel ist illegitim, weil acht Personen, die von 13 Prozent der Weltbevölkerung gewählt wurden, sich anmaßen, die Probleme der ganzen Welt lösen zu wollen." (Birgit Baumann aus Hinter Bollhagen/DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.5.2007)

  • Das "komplexe technische Sperrwerk" mit dem Kempinski-Resort im Hintergrund.

    Das "komplexe technische Sperrwerk" mit dem Kempinski-Resort im Hintergrund.

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    Die Globalisierungsgegner probten bereits mit Vor-Demos in Bremen.

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