"Einige Familien werden durchhalten"

31. Juli 2007, 23:28
posten

Der US-Wirtschaftskolumnist Justin Fox im Interview über US-Medien, Murdoch und Monopolstellungen

DER STANDARD: Warum will Rupert Murdoch eigentlich Dow Jones kaufen? Sieht er darin ein Geschäft, oder ist es bloß Eitelkeit?

Justin Fox: Ich glaube schon, dass da eine rationale Strategie dahintersteckt, auch wenn der Preis einen Schuss Eitelkeit verrät. Aber Murdoch möchte einen Wirtschaftsnachrichtensender gründen, und er braucht ein Aushängeschild für seine Zeitungskette. Er wollte ja schon einmal die "Financial Times" übernehmen, da passt das "Wall Street Journal" gut hinein. Und der Preis, den er bietet, ist jener, zu dem einige Mitglieder der Bancroft-Familie schon einmal zum Verkauf bereit waren.

DER STANDARD: Dow Jones gilt als schlecht gemanagt, weshalb auch der Aktienkurs so niedrig ist. Kann Murdoch das besser machen?

Fox: Dow Jones hat sicherlich Managementschwächen, aber das Hauptproblem des Konzerns ist eine Entscheidung, die in den 1940er- Jahren der großartige Vorstandschef Barney Kilgore traf. Damals war Dow Jones nur an der kleinen Gruppe von Börsenprofis interessiert. Kilgore hat das Journal zur Tageszeitung mit der größten Auflage in den USA gemacht – für alle Menschen, die sich für Wirtschaft interessieren. Das war damals ungemein profitabel, doch seit den 1980er-Jahren ist dieser Markt nicht mehr gewachsen, der Profimarkt hingegen schon. Deshalb ist Reuters heute 17 Milliarden Dollar wert und Dow Jones nur fünf. Auch Murdoch ist am Massenmarkt interessiert, daher weiß ich nicht, was er wirklich anders machen würde. Aber er würde sicher neuen Schwung in die Zeitung hineinbringen.

DER STANDARD: Und das "Wall Street Journal" so weit nach rechts rücken wie Fox News?

Fox: Die Kommentarseite des Journal steht noch weiter rechts als Murdoch, also die Angst betrifft nur die Nachrichtenseiten. Dort fragt man sich vor allem, ob Murdoch seine Anbiederung an China, wo er starke kommerzielle Interessen hat, auf das Journal übertragen würde, das traditionell eine sehr kritische Berichterstattung verfolgt hat. Werfen wir einen Blick auf die Londoner "Times", die auch Murdoch gehört: Auch dort wird kritisch über China geschrieben, aber das stört die chinesische Führung kaum, denn die Londoner "Times" ist dort nicht erhältlich, das Journal aber schon.

DER STANDARD: Warum soll sich ein Eigentümer eigentlich nicht in die Linie seiner Zeitung einmischen?

Fox: Bei der Kommentarseite wird das akzeptiert, aber der Nachrichtenteil wird in der US-Tradition von unabhängigen Redakteuren gestaltet. In vielen Fällen ist das eine Ausrede dafür, langweilig zu sein – beim "Wall Street Journal" aber nicht. Das ist sehr spannend gemacht.

DER STANDARD: Was könnte Murdoch dann verbessern?

Fox: Er ist der letzte Mogul in der weltweiten Medienbranche, der langfristig denkt. So viele Zeitungen werden von Managern geführt, die nur an den nächsten Quartalszahlen interessiert sind. Murdoch mischt sich mehr ein als andere Eigentümer, aber er ist auch eher bereit zu investieren. Die meisten US-Zeitungen genießen eine Monopolstellung – auch das "Journal" als einziges nationales Wirtschaftsblatt. Murdoch aber hat ein gutes Gespür für den Wettbewerb, er hat das in Australien gelernt. Und ihm geht es um mehr als bloß seine Beteiligungen, um hohe Dividenden zu melken.

DER STANDARD: Sind seine Versprechen, den redaktionellen Kurs des "Journal" nicht zu ändern, ernst zu nehmen?

Fox: Bei der Londoner "Times" hat er alle Versprechen gebrochen, die Zeitung aber gleichzeitig finanziell erfolgreicher gemacht. Und sie ist eine seriöse Zeitung geblieben. Früher war sie noch seriöser, aber finanziell gefährdet.

DER STANDARD: Hat das Geschäftsmodell der von Familien geführten Zeitungen – wie die "New York Times", die "Washington Post" oder noch das "Wall Street Journal" – eine Zukunft?

Fox: Es funktioniert nicht sehr gut. Diese Zeitungen leben alle noch von Monopolgewinnen: Die "New York Times" kontrolliert den Markt für teure Immobilienanzeigen in der Region, die "Washington Post" ist gesund, weil die Wirtschaft rund um Washington so schnell wächst und sie sehr erfolgreiche Beteiligungen haben. Außerdem hat die Graham-Familie Warren Buffett an ihrer Seite. Das "Wall Street Journal" macht angeblich gar keine Gewinne, sondern schreibt gerade eine schwarze Null. All diese Blätter leiden an zu viel Personal, sie haben viel mehr Leute als jede europäische Zeitung. Einige Familien werden durchhalten, die Sulzbergers, die Grahams, die meisten anderen aber nicht.

DER STANDARD: Und wer wird die Zeitungen kaufen?

Fox: Der Trend ging zuletzt in Richtung großer Konzerne, aber auch das ist unsicher. Wenn das Geschäftsmodell einmal kollabiert, dann werden wir Verkäufe an alle möglichen Leute sehen.

DER STANDARD: Etwa Milliardäre, die sich eine Zeitung als Hobby halten?

Fox: Vielleicht, aber bisher war das kaum der Fall. Der Investor Sam Zell hat die "Chicago Tribune" eher aus Geschäftsinteresse gekauft. Der spektakulärste Fall ist die "Santa Barbara News Press", die von Wendy McCaw, der Ex-Frau des Mobilfunk-Unternehmers Craig McCaw (Ehemann der US-Botschafterin in Österreich, Susan McCaw, Anm.), gekauft wurde. Vor einem Jahr feuerte sie ihren Chedredakteur, danach sprang fast die Hälfte der Mannschaft ab. Die lokale Berichterstattung ist seither seltsam geworden und dient vor allem dazu, ihre eigenen persönlichen Querelen auszutragen.

DER STANDARD: Was wird mit Amerikas Qualitätszeitungen geschehen?

Fox: Das Geschäftsmodell der lokalen Zeitungen ist kaputt, die nationalen Zeitungen wie "New York Times", "Wall Street Journal" und "USA Today" werden etwas länger durchhalten, aber auch dort wird die Tradition der Nichteinmischung in die Berichterstattung schwächer werden. Das hat nicht nur Nachteile: US-Zeitungen sind sehr sorgfältig, aber gleichzeitig auch langweilig, etwa im Vergleich zu den britischen. Und nur ganz wenige interessieren sich für die Welt. Der amerikanische Journalismus ist lange nicht so überlegen, wie es oft behauptet wird.

DER STANDARD: Die größte Bedrohung traditioneller Medien ist das Internet. Hat jemand eine Antwort darauf gefunden?

Fox: Nein. Es gibt einige kleine Antworten wie etwa die Webseite des "Wall Street Journal", die voll gezahlt werden muss, oder die der "New York Times", die eine gute Mischung aus kostenfreien und kostenpflichtigen Inhalten bietet. Die heutigen Nachrichtenorganisationen sind in einer Zeit groß geworden, als die Vertriebskanäle das knappe Gut waren. Heute ist nur noch die Aufmerksamkeit der Menschen knapp.

DER STANDARD: Und Murdoch?

Fox: Na ja, er hat MySpace gekauft. Er hat Experimente gewagt und scheut – anders als andere Medieneigentümer – nicht vor Wettbewerb zurück. Fox News zu gründen und gleich CNN zu überholen war schon eine beeindruckende Leistung. Aber er ist 76 Jahre alt und hat zwei seiner Kinder bereits aus dem Unternehmen vertrieben – und keinen Nachfolger. Es wird spannend sein zu beobachten, ob die Familie nach ihm die Kontrolle über die News Corporation bewahren kann. (Eric Frey/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 26.5.2007)

Zur Person
Justin Fox (43) schrieb zehn Jahre lang die Kolumne "The Curious Capitalist" für das Wirtschaftsmagazin "Fortune" und wechselte Anfang 2007 mit Kolumne und Blog (time-blog.com/curious_capitalist) zu "Time Magazine". Er wuchs in der Nähe von San Francisco auf, studierte in Princeton, lebte zeitweise in den Niederlanden und wohnt heute mit Frau und Sohn in Manhattan.
  • Justin Fox, "Time Magazine"-Kolumnist.

    Justin Fox, "Time Magazine"-Kolumnist.

Share if you care.