Schweizer "Rütli-Feier" abgesagt

30. Juli 2007, 10:02
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Furcht vor Rechtsextremen - Bundespräsidentin Calmy-Rey will trotzdem zur "Wiege der Eidgenossenschaft"

Bern - Nach langem Hin und Her fällt die traditionelle Schweizer Bundesfeier am 1. August auf dem Rütli heuer endgültig ins Wasser, wie die zuständige Rütli-Kommission am Donnerstag beschlossen hat. Die diesjährige Feier am geschichtsträchtigen Ort am Vierwaldstättersee fiel laut Medienberichten einem Disput über die Beteiligung an den steigenden Kosten zum Opfer, um Rechtsextreme von der Rütli-Wiese fern zu halten.

Wie der Zürcher "Tagesanzeiger" in seiner Online-Ausgabe berichtete, scheitert die Abhaltung der Feier daran, dass die Anrainerkantone keine Häfen am See zur Verfügung stellen wollten, um Besucher zur schwer erreichbaren Wiese zu bringen. Sie hätten einen großen Aufwand gefürchtet, um die Rechtsextremen vom Rütli fern zu halten und baten den Bund um Hilfe. Die Regierung (Bundesrat) lehnte es aber ab, sich an diesen Kosten zu beteiligen, die für 2006 auf rund zwei Mio. Schweizer Franken (1,212 Mio. Euro) geschätzt wurden.

"Begrüßenswerter Schritt"

Für die einen sei der Entscheid der Rütli-Kommission eine Kapitulation vor den Rechtsextremen, für die andern ein begrüßenswerter Schritt, berichtete die Nachrichtensendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens SF. So würden Bundesgelder nicht unnötig verschleudert.

Geplant war 2007 eine traditionelle patriotische Feier mit den beiden höchsten Schweizerinnen, Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey (Sozialdemokraten/SP) und Nationalratspräsidentin Christine Egerszegi (Freisinnige/FDP). Die Feier wäre zusammen mit der Frauenorganisation Alliance F organisiert worden. Calmy-Rey hält nach Angaben verschiedener Medien an ihrem Plan fest, am 1. August das Rütli zu besuchen, auch wenn dort keine offizielle Bundesfeier stattfindet.

Später am Donnerstagabend habe sie alle Schweizer aufgefordert, auch auf das Rütli zu gehen, berichtete "10 vor 10". "Ich will niemanden provozieren, aber diese Wiese ist etwas Besonderes für uns", erklärte die Bundespräsidentin. Sie fordere auch Frauen und Kinder auf, zu kommen

"Nur eine Wiese mit Kuhdreck drauf"

In die "nationale Dauerposse" um die Rütli-Feier hat sich bereits am Mittwochabend Justiz- und Polizeiminister (Bundesrat) Christoph Blocher von der rechtskonservativen Volkspartei (SVP) mit gezielten Provokationen eingeschaltet. Angesprochen auf Calmy-Reys Festhalten an einer Rütlifeier sagte Blocher: "Soll sie doch dort eine Rede halten, aber sie muss beim Bund dafür nicht Geld holen."

Er äußerte sich auch zu einer Aussage seines Parteipräsidenten und Nationalrats Ueli Maurer (SVP). Dieser irritierte am Wochenende viele SVP-Sympathisanten mit der Aussage, das Rütli sei "nur eine Wiese mit Kuhdreck drauf". Nach Angaben der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) blieb Blocher in dieser Angelegenheit ausweichend: "Ich freue mich, dass es auf dem Rütli noch Kuhdreck gibt".

Geschichtsmythos

Für viele ist die Rütli-Wiese die" fast sakrale Wiege der Eidgenossenschaft". Dass hingegen die Schweiz am 1. August 1291 dort gegründet wurde, hat die Geschichtsschreibung laut "Tagesanzeiger" mittlerweile widerlegt. Während Jahrhunderten habe die Wiese auch nicht die Bedeutung gehabt, die ihr heute zukommt. Zum nationalen Symbol sei sie erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgestiegen.

Erstmals begangen wurde der 1. August als Nationalfeiertag 1891. Damit habe auch das Rütli ein "Upgrading" erlebt und sei an die Spitze der nationalen Mythologie gerückt, berichtete der "Tagesanzeiger".

Zunehmend rechtsextreme Besucher

Für Aufsehen sorgte der 1. August 1996, als über Nacht die Schweizer- durch eine Europafahne ersetzt wurde. Nach Angaben des Blatts ist es offen, ob die Rechte diese Aktion zum Anlass nahm, auf dem Rütli Präsenz zu zeigen. Jedenfalls seien in den darauf folgenden Jahren zunehmend Rechtsextreme aufgetaucht.

Zum Eklat kam es 2000 als mit dem ehemaligen Finanzminister Kaspar Villiger (FDP) erstmals in jüngster Zeit ein Bundesrat bei der Rütli-Feier sprach. Rund 150 Rechtsradikale pfiffen den Politiker aus. 2005 bekam der damalige Bundespräsident Samuel Schmid (SVP) den Zorn der Rechten zu spüren. Er wurde niedergeschrien und beleidigt als "Judas" und "Sau", meldete die Zeitung "Blick". (APA)

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