Walter Mondale, US-Vizepräsident unter Jimmy Carter, im
STANDARD-Interview über Iran, Russland und die USA
nach George W. Bush
Walter Mondale war als US-Vizepräsident unter Jimmy Carter ein Fürsprecher
einer gemäßigten Außenpolitik. Eric Frey sprach mit ihm in Wien über Iran,
Russland und die USA nach George W. Bush.
* * * Standard: Was ist die Lage der Nation im siebten Jahr der Bush-
Präsidentschaft?
Mondale: Es herrscht großer Stress: Der Krieg im Irak läuft
katastrophal, die meisten Amerikaner halten ihn für einen Fehler, und der neue
Kongress will die Irakpolitik ändern. All das erzeugt viele Spannungen und
Schmerzen.
Standard: Soll man Ihrer Meinung nach aus dem Irak rasch oder
schrittweise abziehen?
Mondale: Keiner weiß die richtige Antwort. Ich halte mich an die
Empfehlungen des Baker-Hamilton-Bericht: Abzug aus den direkten
Bürgerkriegszonen, aber eine weitere Truppenpräsenz auf Zeit, um die Grenzen
zu kontrollieren und al-Kaida im Schach zu halten. Außerdem müssen wir direkte
Verhandlungen mit Syrien und Iran aufnehmen.
Standard: Ihr ehemaliger Chef Jimmy Carter spricht von der
schlimmsten Außenpolitik der US-Geschichte. Sie auch?
Mondale: Wir stecken in einer tiefen Krise. Der Glaube der
Neokonservativen, man könne mit Krieg alle Probleme lösen, hat das Vertrauen
in diesen Präsidenten und in die Ehrlichkeit der Regierung erschüttert.
Standard: Wie unterscheiden sich George W. Bush von ihrem früheren
Gegner Ronald Reagan?
Mondale: Das sind zwei ganz verschiedene Menschen. Reagan war eine
Art Großvater, der über allem stand und das Land einigte. Bush hat das im
Wahlkampf ebenfalls versprochen, aber dann hat er das Land tief gespalten. Er
hat eine bescheidene Außenpolitik versprochen und dann die USA_zu einer sehr
arrogante Nation gemacht.
Standard: Wird sich die US-Außenpolitik unter einem Demokratischen
Präsidenten wirklich entscheidend ändern?
Mondale: Kein Demokrat hat einen Zauberstab, um all den Schaden zu
beheben, den Bush angerichtet hat. Früher wurden die USA_in aller Welt als
starke, verantwortungsvolle Nation respektiert, doch das ist vorbei. Es wird lange
dauern, um das Vertrauen der Welt wieder herzustellen. Das benötigt eine guten
Präsidenten und einen guten Kongress.
Standard: Aber wird nicht doch etwas vom Unilateralismus
zurückbleiben?
Mondale: Der Unilateralismus der Neokons ist bereits tot. Die meisten
von ihnen wie Paul Wolfowitz haben die Regierung verlassen. Egal, ob der nächste
Präsident Demokrat oder Republikaner ist, die USA_werden zu einer traditionellen
multilateralen Diplomatie zurückkehren. Und das hat das schon begonnen.
Standard: Muss der Iran also keine US-Bomben fürchten?
Mondale: Ich hoffe, dass wir gemeinsam mit der IAEO_und den
Europäern eine diplomatische Lösung finden und den Iran davon abhalten
können, zur Atommacht zu werden. Wir müssen die iranische Paranoia
verringern, indem wie einen Dialog ohne jede Vorbedingungen starten. Es ist ein
Fehler, Verhandlungen an sich schon als Schwäche darzustellen. Wir haben
nichts dadurch gewonnen, dass wir Iran isolieren. Aber wir müssen nicht nur
reden, sondern auch die Kosten der der Nicht-Kooperation erhöhen.
Standard: Das bedeutet härtere Sanktionen?.
Mondale: Wir haben bereits welche, aber was bisher gefehlt hat, war
der Dialog. Wenn wir in dessen Zuge die Sanktionen verschärfen müssen, dann
sollen wir das tun. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass Iran nicht nur von
Präsident Ahmadi-Nejad vertreten wird. Um die gemäßigten Kräfte zu stärken,
dürfen wir nicht nur mit der Sprache des Krieges sprechen. Das hilft nur den
Hardlinern.
Standard: Sollten die USA_Iran eine Sicherheitsgarantie geben?
Mondale: Das Gerede von Regimewechsel und der ?Achse des Bösen?
muss endlich aufhören. Dann können wir als Teil einer größeren Lösung dem Iran
versichern, das es vor solchen Drohungen sicher ist.
Standard: Braucht der Westen ein Raketenschild als Schutz vor
iranischen Atomwaffen?
Mondale: Das Prinzip ist nicht schlecht, aber es funktioniert noch nicht.
Wir hätten uns daher mehr Zeit lassen können. Das hätten wir nützen können, um
uns mit den Russen zu einigen ? und einen Ort zu suchen, der die Russen
weniger irritiert.
Standard: Sehen Sie bereits einen neuen Kalten Krieg mit Russland?
Mondale: Es ist nicht wie einst mit Josef Stalin, aber ich bin sehr
besorgt. Es ist nicht überraschend, dass die Russen mit mehr Selbstbewusstsein
auftreten, aber wenn wir mir den Nazis verglichen werden, dann ist das nicht
akzeptabel. Allerdings brauchen wir eine engere Kooperation mit Russland, auch
gegenüber dem Iran. Wir sollten die Russen nicht unnötig irritieren, aber wir
können auch nicht unsere gesamte Politik über Bord werfen, bloß weil sie einen
schlechten Tag haben.
Standard: Soll der Westen die Demokratiedefizit klar ansprechen,
selbst wenn das die Beziehungen trübt?
Mondale: Menschenrechte müssen ein wichtiger Faktor in allen
Beziehungen sein. Wir sollten andere Länder zwar nicht bombardieren, bloß weil
wir nicht übereinstimmen, aber wir haben ein Recht darüber zu reden. Wir haben
einst mit der alten Sowjetführung über Menschenrechtsverletzungen gesprochen.
Das hat die Russen sehr geärgert, aber den Opfern ihrer Politik wurde sehr
geholfen.
Standard: Was kann der nächste US-Präsident im Nahost-Konflikt tun?
Mondale: Die USA waren in den Carter-Jahren sehr um eine
Friedenslösung bemüht, ebenso unter Bill Clinton. Unsere Erfahrung hat gezeigt,
dass es Fortschritte in dieser Region nur geben kann, wenn der amerikanische
Präsident direkt involviert ist. Doch in den vergangenen Jahren war das nicht der
Fall. Dieses Nicht-Kümmern hat es radikaleren Kräften erlaubt, in das Vakuum
vorzustoßen und die Lage zu verschärfen. Auch wenn die Lage kompliziert ist,
muss der nächste Präsident alles dafür tun, um den Dialog wieder zu beleben. Die
ganze Welt würde das begrüßen.
Standard: Und soll der ?Krieg gegen den Terror bloß besser geführt
oder überhaupt beendet werden?
Mondale: Das Risiko von Terrorangriffen bleibt, und die USA_müssen
weiterhin damit fertig werden. Aber Bush hat den Krieg gegen den Terror falsch
geführt, der Wechsel von Afghanistan zum Irak war ein katastrophaler Fehler. Wir
müssen die Terroristen weiterhin verfolgen, aber gleichzeitig von simplistischen
militärischen Antworten wegkommen. Wir Diplomatie einsetzen und dafür sorgen,
dass die USA_in der islamischen Welt wieder positiver gesehen werden.
Standard: Was ist von der Carter-Präsidentschaft geblieben, was wirkt
bis heute nach?
Mondale: Vor allem das Camp-David-Abkommen, denn es hat gezeigt,
was durch Diplomatie möglich ist. Ebenso unsere Menschenrechtspolitik: All
diese Unrechtregimes, gegen die wir vorgegangen sind, von den Philippinen bis
zum Apartheid-Regime in Südafrika, sind verschwunden. Dafür mussten wir
keinen Krieg führen. Es hat gereicht, über Menschenrechte zu sprechen. Und auch
die Normalisierung mit China hat gehalten.
Standard: Macht Ihnen die aufstrebende Supermacht China Sorgen?
Mondale: Wenn Staaten stärker werden, dann möchten sie respektiert werden und
bei allen Fragen mit am Tisch sitzen. Das ist nur natürlich. Es läuft mit China gut,
aber es lässt sich noch verbessern. China muss sich stärker am Kampf gegen
Klimawandel und der Verbreitung von Atomwaffen beteiligen.
Standard: Wie wird nach ihrer Einschätzung die Vorwahlen der
Demokraten gewinnen?
Mondale: Ich weiß es nicht. Die Favoriten sind Hillary und Obama.
Hillary führt in den Umfragen, aber Obama ist ein Phänomen. Er ist brillant und
anmutig wie einst John F. Kennedy. Jeder will ein Stück seines Zaubers haben. Die
große Frage ist, ob Al Gore noch einsteigt. Wenn er es tut, könnte sich viel im
Rennen ändern.
Standard: Kann dabei auch die Polarisierung der US-Politik gemildert
werden?
Mondale: Ich hoffe ja. Die Öffentlichkeit mag diese scharfe Rhetorik
nicht, wie die vom rechten Flügel, die Religion als Axt verwenden. Es ändert sich
auch die Einstellung zum Staat. Lange Zeit hat es geheißen, der Staat ist das
Problem, alles was man tun muss, ist Steuern zu senken. Das hat dazu geführt,
dass ganz wenige reich geworden sind und die Mittelschicht unter immer mehr
Druck gerät.
Die Themen, die Menschen beschäftigt: Krankenversicherung, Energie,
Klimawandel ? all das kann nur mit Hilfe der Regierung gelöst werden. Die
Menschen suchen nun konkrete Lösungen und rücken von der Laissez-faire-
Haltung ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.5.2007)