Alte Männer, ihre UMTS-Datenkarten und das Ende von ADSL und Co.

29. Februar 2008, 11:48
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Leitungsgebundenes Internet kann "mehr" als mobiler Datenfunk - vorausgesetzt, Sie haben den richtigen Anschluss

Einer meiner Lieblingswerbungen dieser Tage ist der Spot, in dem drei Senioren auf einer Parkbank sitzen und sich die beiden alten Männer und eine alte Frau über ihre Internetanschlüsse unterhalten, während ein weiterer an seinem Laptop über seinen langsamen Anschluss eingeschlafen ist. Ihr angebliches Problem: Sie haben sich für "langsames" mobiles Breitband entschieden, wo es doch "echt schnelles" Internet nur aus der Leitung gibt.

Wunderbar

Die Paradoxie ist wunderbar: Ausgerechnet die alten Männer mit ihren Elektrogeräten haben auf die 3G-Zukunft gesetzt - was im Umkehrschluss nahe legen würde, dass "fortschrittliche Junge" an die Leitung gefesselt bleiben. Aber wie sieht es mit der Realität aus?

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Tatsächlich kann leitungsgebundenes Internet weiterhin "mehr" als mobiler Datenfunk - vorausgesetzt, Sie haben den richtigen Anschluss. Denn Aon, die mit ihrem Werbespot gegen die Angebote ihrer Schwester Mobilkom und der anderen Mobilfunker ausrückt, bietet bei ihrem Einsteigerpaket deutlich weniger als die Mobilfunker: eine Bandbreite (Übertragungstempo), die wesentlich langsamer als im 3G-Mobilfunk ist (0,5 Gigabit/Sekunde - im mit "bis zu 7,2 Mbit" beworbenen UMTS-Netz werden real ein bis zwei Mbit erreicht), und ein Datenlimit von 0,5 Gigabyte (Mobilfunk-Grundpakete: ein bis 1,5 Gigabyte). Dafür sind 19,90 Euro im Monat abzulegen - zum Vergleich: "3" verlangt 19 Euro (1,5 Gigabyte Datenvolumen im Monat), Aon-Schwester Mobilkom bietet dieses Volumen um 25 Euro. Bei Aon fällt obendrein die Telefon-Grundgebühr an.

Kleingedrucktes

Das ist jetzt relativ viel Kleingedrucktes, einfach gesagt: Die günstigen Mobilfunkangebote haben im vergangenen halben Jahr einen Breitbandboom in Österreich ausgelöst. Das hat einen wesentlichen Grund, der sich mit technischen Vergleichen über Tempo und Datenvolumen nicht fassen lässt: Bequemlichkeit zu einem annehmbaren Preis. Denn mobiles Breitband wird buchstäblich als Schachtel im Laden gekauft: anmelden, USB-Modem anstecken, lossurfen - abgesehen von immer denkbaren Pannen funktioniert es wie in der Werbung.

Installationstermin

Gegen diesen Vorteil tun sich Festnetz- und Kabelanbieter schwer: Es braucht einen Installationstermin, also Wartezeit und Anwesenheit, kein gutes Geschäftsmodell in unserer Instantwelt. Beim Tempo haben die Mobilfunker zugelegt, sodass ihr Nachteil für die jetzigen Einsteiger nicht spürbar ist, und die Technologie wächst mit der Nachfrage mit: Auch Mobilfunk wird weiterhin schneller, die Datenpakete billiger. Auch die Verteilung eines mobilen Anschlusses im Haushalt auf mehrere Computer durch ein drahtloses Netz ist inzwischen dank entsprechender Router möglich. Und bei Bedarf kann man mit der Mobilfunkkarte auf Wanderschaft gehen.

Guter Empfang

Wer also daheim guten 3G-Empfang (am besten mit einem 3G-Handy kontrollieren) und noch keinen Breitbandanschluss hat, kann es getrost wie die Senioren in der Werbung machen. Es sind vor allem die "fortgeschrittenen" User, die schon länger bei Musik- und Filmdownloads oder auf Flickr und YouTube aktiv sind, die von Leitungen noch immer besser bedient werden, aber die wissen das ohnehin.

Die Weisheit von alten Männern

Man sollte eben die Weisheit von alten Männern mit Elektrogeräten auch in einer von Jugend besessenen Onlinekultur nicht unterschätzen. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 24. Mai 2007)

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