Wermut und Wehmut

6. Juni 2007, 17:00
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Britische Noch-Junggesellen kommen hierher vor allem zum Kampftrinken. Sie versäumen einiges - zum Beispiel das reiche architektonische Erbe von Riga

Versteh einer die Letten. Da lauschen wir einem Tresengeplauder im "Salt'n'Pepper", einem Studentenlokal mit herbem Charme, in dem ein blasser Mittzwanziger namens Franks die lettische Hauptstadt als "shit" bezeichnet. Und das, obwohl es in dem Baltenstaat außer Riga mit seinen 750.000 Einwohnern, einem ordentlichen Kulturleben, Europas höchster Dichte an Jugendstilbauten und einem nahezu westeuropäischen Flair keine Alternative für junge Leute gibt.

Auch auf Nachfrage mag der Möbeltischler nicht sagen, woran er seine Wertung festmacht. Was an der fortgeschrittenen Zeit liegen könnte, die hier im "Salt'n'Pepper" auf einer Bahnhofsuhr rückwärts gezählt wird. Oder daran, dass vor Franks stärkere Getränke als Bier stehen, kein Wunder in Lettland, das beim Alkoholkonsum einen Spitzenplatz in Europa einnimmt. Beim Bier jedenfalls kann Lettland mit einem beeindruckenden Angebot aufwarten: Vier Hauptmarken produzieren jeweils dutzende Sorten, daneben existieren etliche Minibrauereien und sogar ein Inselbier.

Eine gewisse Grundskepsis gegenüber dem eigenen Land aber scheint dem jungen Mann am Tresen eingeschrieben zu sein. "Riga Black Balsam", sagen er und der Barkeeper übereinstimmend, schmecke ja nun überhaupt nicht. Das hochprozentige Kräutergebräu aus mindestens 14 Zutaten, deren genaue Herstellung seit 1752 geheim gehalten wird, soll schon Katharina der Großen gemundet haben, enthält ziemlich sicher Orangenschalen, Eichenrinde und Wermut und ist ein beliebter Exportartikel.

Glaubt man den Gerüchten, hat mit der Vermarktung des lettischen Urgetränks durch eine russische Firma jedoch nun der Abstieg begonnen: Lettische Frauen sollen dadurch ihre Einkünfte verloren haben, die sie sich bislang mit dem Sammeln von Kräutern verdienten. Ach, die Russen. Während der Sowjetherrschaft schickte Moskau regimetreue Genossen nach Riga, bis heute sind dort 43 Prozent der Bewohner Russen, die Letten machen 41 Prozent aus. Russisch und Lettisch wird zwar überall gesprochen, doch nur selten spricht man miteinander. Gut 25 Prozent der Bevölkerung sind im Land als "Nichtstaatsbürger" klassifiziert, weil sie den zur Einbürgerung obligatorischen Sprach- und Geschichtstest verweigert oder nicht bestanden haben.

Nimmt man Alkohol und die Klassifizierung "nicht lettisch" zusammen, schlägt sich Riga mit einem ganz neuen Problem herum, seitdem es in der EU ist: Britische Touristen kommen gern für Junggesellenabschiede - weil das Bier so billig ist und der Preis für den Billigflieger kaum ins Gewicht fällt. Schon warnt das Bordmagazin der Air Baltic vor den Kampftrinkern von der Insel. Denen, so viel steht fest, entgeht etwas: eine Stadt, deren Altstadt eine unglaubliche Stilanhäufung vom 13. bis zum 18. Jahrhundert ist, fast überall saniert und von der Unesco mit der Auszeichnung Welterbe geadelt. Auch wenn sie drohte, dieses Prädikat wieder zu entziehen, denn am Fluss Daugava wird gebaut, und gerne auch in die Höhe. Ein Bankhaus passte den Kulturschützern nicht in den Raster. Die Höhe ging zwar in Ordnung, nicht aber die Anzahl der Stockwerke. Mit viel Überredungskunst aus Riga ließ sich der drohende Entzug vermeiden.

Tatsächlich baggert und schaufelt es hier an vielen Ecken. Vor dreizehn Jahren, erinnerte sich jüngst der Geschäftsführer von Air Baltic, Bertolt Flick, als das Land gerade drei Jahre unabhängig war, existierte quasi keine kulturelle Infrastruktur, kein Supermarkt, kein Restaurant. Heute aber bemühe sich die Regierung um "kulturelle Leuchtturmprojekte": Die Nationaloper soll restauriert werden, mit dem Bau der Nationalbibliothek, für die man am Flughafen noch spenden kann, wird 2008 begonnen, und ein Konzerthaus plant man am Fluss mit Blick auf die Altstadt. Diese wiederum präsentiert an ihrem südwestlichsten Rand ein offenes Geheimnis, einen bald neuen Stadtteil im alten, der wie eine Wunde in der sonst herausgeputzten Altstadt wirkt. "Wir raten den Touristen, dort jetzt nicht hinzugehen", sagt Dolmetscherin Ingrida Rubule. Weil es dort gefährlich ist? "Nein, weil alle Häuser leer stehen und dort massiv gebaut wird." Nichts los also, und es täuscht sich, wer erwartet hätte, in den bröckelnden Bauten hielten junge Menschen die leeren Häuser besetzt: auch als Protest dagegen, dass alle Bewohner einfach umgesiedelt wurden, solange ihre Wohnungen saniert oder abgerissen werden. Und unklar ist, ob sie sich anschließend die Mieten noch werden leisten können.

Unaufgeregt ist man hier, ohne Exzesse, und vor diesem Hintergrund wirken die Kampftrinker aus Großbritannien natürlich doppelt verstörend auf die lettische Seele - die schon geschunden genug ist - zum Beispiel wenn man den kleinen Hafen der Stadt betrachtet. "Im Vergleich mit Tallinn müssen wir weinen", sagt Ingrida. Riga ist für Touristen von der Seeseite her quasi nicht zu erreichen, nur von Stockholm aus. Von Deutschland aus fahren Schiffe von Rostock nach Ventspils, doch das liegt drei Autostunden von Riga entfernt.

Dabei ist diese 26-stündige Anreise per Schiff genau die richtige Geschwindigkeit, um sich dem gemächlichen Riga zu nähern. (Mareike Müller/Der Standard/RONDO/25.5.2007)

Anreise: Ab Wien mit Austrian Airlines, Air Baltic und Estonian Air, ab München mit Air Baltic. Per Schiff ab Rostock nach Ventspils, Weiterfahrt nach Riga mit eigenem Auto oder per Bus

Unterkunft: Hotel Metropole, ältestes Hotel Rigas, zentral gelegen, mit gutem Frühstücksbuffet.

Allgemeine Infos: baltikuminfo.de
Riga Tourism

  • Das Schwarzhäupterhaus (Melngalvju nams) ist eine perfekte Kopie des originalen Renaissance-Baus aus dem 14. Jhd.
    foto: rigatourism.com

    Das Schwarzhäupterhaus (Melngalvju nams) ist eine perfekte Kopie des originalen Renaissance-Baus aus dem 14. Jhd.

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