Zeit der Zärtlichkeit: "Sky Blue Sky" von Wilco

1. Juni 2007, 16:44
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Die US-Band veröffentlicht ihr bislang introvertiertestes Album: gleichermaßen verschlafen wie ausgeschlafen

Wilco-Alben ist immer etwas Verlorenes eigen. Möglicherweise liegt es daran, dass Jeff Tweedy, der Sänger der Band, schon sehr früh mit den Schattenseiten des Rock'n'Roll in Berührung gekommen ist. Schon die von ihm noch als pausbäckige Kaulquappe gemeinsam mit Jay Farrar geführte Vorgängerformation Uncle Tupelo litt am Ende ihres Bestehens unter den Abhängigkeiten Tweedys, die oftmals nicht aus falsch kanalisiertem Hedonismus, sondern tatsächlich krankheitsbedingt entstanden sind. Wobei oft eine Abhängigkeit die nächste bedingt hatte. Ein wenig ist Tweedy heute so etwas wie der Hansi Orsolic des Country-Rock. Ziemlich mitgenommen, aber immer noch ein Mann mit übergroßem Herzen.

Wobei die Festlegung auf Country-Rock eine zu einseitige Wahrnehmung der seit 1994 aktiven Band wäre. Immerhin waren die beiden Vorgänger- alben Yankee Hotel Foxtrot und das exzellente A Ghost Is Born nachgerade experimentell. Yankee Hotel Foxtrot war die Involviertheit des eher experimentell ausgerichteten Jim O'Rourke (Sonic Youth, Fennesz, Stereolab ...) in den Produktionsprozessen deutlich anzumerken. A Ghost Is Born wiederum verdeutlichte die Auseinandersetzung von Wilco mit dem Kraut-Rock der 1970er-Jahre. Beide waren auf ihre Art großartige Alben, Yankee Hotel Foxtrot gilt sogar als das bisher erfolgreichste der Band, die in den USA mindestens kultisch verehrt, von heimischen Konzertveranstaltern bislang aber konsequent ignoriert wird.

Das verlorene Moment in Wilcos Musik ist unabhängig von der gerade aktuellen musikalischen Ausrichtung omnipräsent. Der auch in den lautesten Momenten immer noch zärtliche Tonfall Tweedys prägt diese Stimmung. Sky Blue Sky (Warner) räumt dieser Zärtlichkeit nun viel Platz ein. Das bislang siebente Album der Band aus Chicago orientiert sich lose an dem hermetischen Meisterwerk On The Beach von Neil Young. Wie dem große Kanadier vor über 30 Jahren gelingt es Wilco, ihren grundsätzlich in den erwähnten Country-Rock-Acker gepflanzten Sound auf neue Ebenen zu transformieren, bei denen sich die Grundcharakteristika zwar zart und zärtlich verschieben. Ein blues-getränkter Song bleibt aber blau - siehe Albumtitel. Die Wahrnehmung des blauen Himmels scheint Tweedy hier vor allem aus dem Bett heraus zu machen. Noch kein Wilco-Album klang so verschlafen, verströmte so sehr die Aura des Langschläfertums. Die Orgel wabert behäbig, das Schlagzeuger spielt behutsam klicke-di-klack, und lediglich die da und dort gesetzten kurzen Ausbrüche oder (auch eher faulen) Soli lassen vermuten, dass sich der Chef dann doch irgendwann den Sand aus den Äuglein gewischt hat und ins Studio geschlurft ist, wo schon honigbrotsüße Streicher den Himmel umrahmen. Fehlt eigentlich nur noch, dass dem Album Kaffeegeruch entweicht. Man merkt schon, Sky Blue Sky ist eine sanfte Frühlingsplatte. Kein großer Aufreger, aber ein brillanter Soundtrack zum langen Frühstücken mit anderen, ebenfalls noch die Polsterfrisur nicht gerichtet habenden Mitbewohnern.

Dass ein Song wie You Are My Face bis zum Ausbruch Tweedys Gitarre dann auch noch entfernt wie ein Simon-&-Garfunkel-Song klingt, erscheint da nur konsequent. Der Rest: Beserlwischen, Slide und eben Tweedys Tonfall. Gleichermaßen verschlafen und ausgeschlafen, dieses Album. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.5.2007)

  • Jeff Tweedy  und 
 
seine Americana-Band 
 
Wilco  aus Chicago liefern mit "Sky Blue Sky" ein 

verschlafenes, gut abgehangenes Album.
    foto: warner

    Jeff Tweedy und seine Americana-Band Wilco aus Chicago liefern mit "Sky Blue Sky" ein verschlafenes, gut abgehangenes Album.

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