Du musst jetzt boarden: "Puddle City Racing Lights" von Windmill

1. Juni 2007, 16:44
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Das britische Einmann- und Einsamkeitsunternehmen komponiert traurige, erbauende und herzerweiternde Klavier-Pophymnen für eine Generation der Unbehausten

Mit 26 Jahren kann man solche Sätze noch aus dem Brustton der von übermächtigen Lebensplagen und -mühen gekennzeichneten Überzeugung mit herrlich kippender Neil-Young-Stimme greinen: "I do not fit!"

Matthew Thomas Dillon, ein britischer Egozentriker wie er im Buche steht, lebt und arbeitet abseits der Metropole London im beschaulichen und, wie es heißt, idyllischen Provinzstädtchen Newport-Pagnell in Buckinghamshire. Von dort aus sichtet der melancholische junge Mann an seinem Wohnzimmerklavier nicht nur seinen im Minderwertigkeitsgefühl des hochbegabten, aber missverstandenen und darüber resignierenden Kindes verankerten Lebensunmut.

Das zähneknirschende Eingeständnis, zwar besser/wacher/sensibler als der Rest des unmittelbaren Lebensumfeldes zu sein, gerade deshalb aber in der sozialen Hackordnung eher auf einer unteren Sprosse der Leiter zu stehen, führt unter dem Künstlernamen Windmill tatsächlich zu schönschaurigen Teenage- und Früherwachsenen-Angst-Hymnen, die gerade aus ihrer Verzweiflung heraus Mut für das Weitermachen im Sturm der Gleichform machen. Auf Selbstbeladung folgt in dieser Kunst immer auch die Selbstreinigung.

Das große Leitthema der zwölf Songs von "Puddle City Racing Lights" (Grönland/Hoanzl), dieses ersten Albums des jungen Poptragöden Matthew Thomas Dillon, liegt oberflächlich nicht nur im traurigen Motiv der Reise und der Einsamkeit, der Verzweiflung und des Überdrusses an Mobilität ohne Sinn und Zweck, sprich ohne Spaß und Freude begründet. Die erfasst ja längst nicht nur mehr Handlungsreisende auf ihrem Weg zum nächsten biografischen Stillstand in Flughäfen und Bahnhöfen: "Replace me!"

Deshalb inszeniert Dillon seinen Kampf gegen die Windmühlen der Moderne ja auch schon rein von den Songtiteln her in Boarding Lounges auf Plastic Pre-Flight Seats unter Fluorescent Lights. Windmill entwickeln von diesen in kaltem Licht erstrahlenden Kathedralen der Unbehaustheit heraus, auch trotz aller illusionslosen Beschreibung eines existenziellen Mangels, Hymnen der Überwindung und Hoffnung.

Mit wackeren Du-musst-jetzt-springen-Klavierakkorden und flächigen Streichersounds, mit Gastmusikern von den großen unbekannten und verkannten elektronischen Popmelancholikern The Earlies - und vor allem immer wieder auch mit herzhaft wuchtigen Drums und das Schicksal endlich selbst in die Hand nehmen wollenden Chorsätzen werden so entfernt auch an große Kollegen wie die Flaming Lips, an Arcade Fire, Mercury Rev oder Patrick Wolf erinnernde Hymnen für eine zwischen versäumten Anschlussflügen und uneingelösten Versprechungen verlorene Generation geschaffen, die bitte jetzt gefälligst kurz am Gate stehen bleibt und zuhört: "I do not fit!" (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.5.2007)

  • Verloren zwischen versäumten Anschlussflügen und uneingelösten Versprechen:  
Der britische Popmelancholiker und -tragöde Matthew Thomas Dillon alias Windmill ergründet ewige Daseinsfragen zwischen Bahnhöfen und Flughäfen.
    foto: melodic

    Verloren zwischen versäumten Anschlussflügen und uneingelösten Versprechen: Der britische Popmelancholiker und -tragöde Matthew Thomas Dillon alias Windmill ergründet ewige Daseinsfragen zwischen Bahnhöfen und Flughäfen.

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