Zu sanfte Ausnüchterung im Krankenhaus

24. Juli 2007, 16:13
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Linzer Suchtexperte: Jugendlichen sollen die Nachwirkungen eines Rausches spüren - Mediziner: Klassische Magenspülung wird nicht mehr gemacht

Die aktuelle Debatte über junge Komatrinker ist jetzt um eine Facette reicher: Ein Linzer Suchtexperte ortet eine zu "sanfte" Ausnüchterung der Alko-Kids in den heimischen Krankenhäusern und plädiert für einen heilsamen Kater am Tag nach dem Saufgelage - von Markus Rohrhofer

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Linz - Das Match Alkohol versus Kreislauf gewinnt nach entsprechendem Konsum gerade bei Jugendlichen meist die Flasche. Dem letzten Schluck folgt oft die Notaufnahme und ein kontrolliertes Ausnüchtern im Krankenhaus. Für den Geschäftsführer des Linzer Sozialvereins "B37", Ernst Achleitner, eine zu hinterfragende Maßnahme: "Natürlich gehören die schwer betrunkenen Kids entsprechend medizinisch versorgt. Es hat aber keinen Sinn, sie allzu sanft zu behandeln", ist Achleitner überzeugt.

Kater statt Schmerzmittel

Heute würden die Jugendlichen "noch während der Ohnmacht mit Elektrolyten vollgepumpt, um den Wasserhaushalt zu stabilisieren. "Wenn sie am nächsten Tag aufwachen gibt es weder Kater noch Brand. Und wenn das Kopferl dennoch zieht, kommt die Schwester gleich mit einem Schmerzmittel", kritisiert der Suchtexperte. Jugendlichen würden so die Nachwirkungen eines Rausches nicht mehr spüren, das Fazit seien Wiederholungsräusche.

Papas Gin und die ...

"Früher war dir nach einem ordentlichen Ziegel drei Tage so schlecht, dass du lange nichts mehr getrunken hast", weiß Achleitner. Einen Lösungsvorschlag hat der B37-Geschäftsführer gleich bei der Hand: "Ich bin zwar kein Mediziner, aber vielleicht kann man die Behandlungen so dosieren, dass den Alko-Kids auch am nächsten Tag noch schlecht ist".

Positives Image

Die aktuelle Diskussion um das Komatrinken gehe am eigentlichen Kernproblem vorbei. "Mir haben Krankenhäuser bestätigt, dass die Komatrinker-Fälle nicht eklatant gestiegen sind". Ändern müsse sich das "viel zu positive Image" des Alkohols. Strafen, Verbote und bunte Ausweise würden nichts bringen. "Wenn junge Menschen Alkohol trinken wollen, dann besorgen die sich den auch. Ich habe mir auch als Jugendlicher den Gin aus Papas Hausbar gefladert und die leere Flasche mit Wasser wieder aufgefüllt", so Achleitner im Gespräch mit dem Standard.

... berauschende Kirche

Hart ins Gericht geht der soziale Geschäftsführer mit der Kirche. "Sie ist eine Institution des Alkohols und lebt es der Gesellschaft vor. Da wird bereits am Vormittag aus dem Messbecher Wein gepiperlt, Jesus verwandelte Wasser zu Wein - die Kirche propagiert schlichtweg Alkohol."

Wenig Verständnis

Wenig Verständnis für die Ansichten des Linzer Suchtexperten zeigt erwartungsgemäß die medizinische Seite. "Der Mann hat absolut keine Ahnung. Die Jugendlichen befinden sich in einer akut lebensbedrohlichen Situation. Mein jüngster Alkoholtoter war erst 13 Jahre", erzählt der leitende Notarzt am Linzer AKH, Walter Mitterndorfer. Die klassische Magenspülung gehört übrigens mittlerweile der medizinischen Vergangenheit an. "Jugendliche schlafen sich heute bei uns kontrolliert aus. Die spüren am Morgen die Nacht sicher noch gewaltig", so der Notarzt.

SPÖ-Gesundheitssprecherin Sabine Oberhauser sieht vor allem den (Medien-)Hype rund um das "Komatrinken" als problematisch. "Das Thema wird tagtäglich hochgespielt und lädt dadurch zur Nachahmung ein". Vielmehr müsste der "Alkohol in der Gesellschaft" thematisiert und die Verantwortung von Erziehungsberechtigten entsprechend eingemahnt werden. (Markus Rohrhofer\DER STANDARD Printausgabe 24.5.2007)

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    Suchtexperte Ernst Achleitner: "Früher war dir nach einem ordentlichen Ziegel drei Tage so schlecht, dass du lange nichts mehr getrunken hast"

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