Langhaus der Freude

1. Juni 2007, 13:38
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Eröffnung mit einem großen Einblick in das Universum des Hermann Nitsch - Vieles wird auf Dauer bleiben. Jedenfalls hat Mistelbach von nun an ein Museum samt einer Sammlung internationalen Großformats

Mistelbach - Gleich vorweg: Schön ist es geworden, wunderschön! Und: völlig Nitsch-gerecht. Das Museumszentrum in Mistelbachs Waldstraße könnte ebenso gut in einer Metropole stehen. Aber vielleicht ist das ja der Beginn von Mistelbachs Bekenntnis zum erweiterten Urbanitätsbegriff. Umgekehrt wär' das jetzt auch wieder sehr schade: Weil der Hermann Nitsch und das Weinviertel, der rastlose Lebensbejaher und die gerade ob ihres Mangels an heldenhaften Naturschauspielen so erdige Landschaft, sind untrennbar miteinander verbunden. Ebenso wie der Nitsch ja auch seit eh und je predigt, dass die Philosophie und die Kunst einen Bund für gute wie auch schlechte Zeiten geschlossen haben.

Und also ist es gut so, dass die museale Aufbereitung des Strebens nach und des Vermittelns des Exzesses der Sinne dort stattfindet, wo alles Denken, Schreiben, Komponieren und Schütten, das Grübeln, die Freude, der Schmerz und die Liebe des Hermann Nitsch zu ihrer Klimax gefunden haben, zum Sechs-Tage-Spiel im August des Jahres 1989.

Jetzt zeigt sich alles vereint: Ein ehemaliger Industriebau - Pflüge wurden hier gefertigt - samt uralter Schmiede ist zum Kloster mutiert. Sein Innenhof mit Wasserbecken, vereinzelter Linde, Glockenspiel und Sitztreppe ist zum Aktionsort geworden, eine massive Wand mit eingelassenen Holzbalken zur Projektionsfläche, Kreuzigungs- und Auswaidstation. Vom erhabenen Café aus lässt sich Kommendes auch aus der Distanz betrachten. Von dort aus überblickt man auch gut die Struktur, sieht die verkürzte Schmiede, die dereinst das Internationale Messweinarchiv beherbergen wird, und sieht das Dach und somit die Dimension der 70 Meter langen Langhalle, die, zumindest für die 40 Jahre der Nitsch'schen-Leihgaben, einen höchst komplexen Querschnitt durch das Oeuvre des Orgien-Mysterien-Dramaturgen fassen wird.

Hier wird deutlich, welche Entwicklungschritte zwischen Partitur und Relikt, zwischen Schüttbild und Schrift liegen, hier ergänzen einander Originale und zeitgemäß aufbereitete Dokumente, hier finden schließlich die Werkzeuge und Ingredienzien, die Zutaten und das unabdingliche Ritualbesteck ihre entsprechenden Regale. Und hier ergänzen einander zur Eröffnung die zusehends hoffnungsfrohere, unbeschwertere Palette (die Kübel) des Hermann Nitsch und der Rausch, welchen Pfingstrosen kraft Farbe und Geruch hervorzurufen imstande sind. Es ist ein großes Museum in einer kleinen Welt geworden, ein Bayreuth für den Meister und seine Jünger, für die Kunstreisenden, für Suchende und Neugierige.

Den Ort, der Fleischeslust, schlicht grauen Beton, geschliffenen Asphalt, eine Krypta und den Sinnestaumel Dionysos zu Ehren eint, hat Wolfgang Denk erdacht, erstritten, ins Leben gerufen. Ihm zur Seite haben neben Hermann Nitsch als oberster, wenn schon nicht Urheber, dann wenigstens Aufseher, die Architekten Johannes Kraus und Michael Lawugger ein kunstgerechtes Ensemble geschaffen, das im besten Sinne "tauglich" ist, nicht Handschrift vor Zweckdienlichkeit stellt. Und: Politik und Klerus hatten nach Jahrzehnten endlich ein Einsehen, haben den Nitsch nun doch als Verwandten erkannt. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.5.2007)

  • Einblick in die museale Aufbereitung von Hermann Nitschs organisiertem Exzess.
    foto: mzm

    Einblick in die museale Aufbereitung von Hermann Nitschs organisiertem Exzess.

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