Der Luxus einer kleinen Klasse

19. Juni 2007, 10:50
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Kleingruppenunterricht ohne Leistungsgruppen: Das ist in einer Wiener Informatikhauptschule seit vielen Jahren Schulalltag

Das Modell, das im Rahmen der Schulautonomie entwickelt wurde, ist für die Grünen beispielhaft für eine gerechte Gesamtschule.

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Wien – Die Definition von "Luxus" im Österreichischen Wörterbuch fällt für die Schüler der 4d zu knapp aus: "(übermäßigen) Aufwand treiben", liest ein Bursch mit einem blond gefärbten Haarschopf aus seinem Exemplar vor. Da haben sich die meisten schon mehr erwartet. In dem Zeitungsartikel, den sie abwechselnd Absatz für Absatz vorlesen, hat das Wort Luxus eine andere Bedeutung: Es geht um Pendlerinnen, für die es Luxus ist, im Bus die Beine auszustrecken und zu dösen. Der Lehrer erklärt, dass Luxus für jeden etwas anderes bedeuten kann. In der letzten Reihe gähnt einer, ein anderer grinst, während ein paar frei heraus ihre Gedanken zum Thema kundtun und sich ein lockerer Dialog zwischen dem Lehrer und den 15 Schülern, darunter drei Mädchen, entwickelt.

Es ist eine ganz normale GW (Geographie- und Wirtschaftskunde)-Stunde in der Informatikhauptschule am Kinkplatz in Wien-Penzing, einem architektonisch gewagten Beton-Glas-Bau. Überall dringt Licht durch die großflächigen Fenster, neongelbe Spinde am Gang kontrastieren den nackten Beton. Der Blick aus der 4d geht direkt auf die Grabsteine eines Steinmetzes gegenüber des Baumgartner Friedhofs. Was die Schule von anderen Hauptschulen unterscheidet: In keiner Klasse sitzen mehr als 20 Schüler und es gibt keine Leistungsgruppen. Während in ganz Österreich über eine Weiterentwicklung des Schulsystems in Richtung Gesamtschule diskutiert wird, gehört hier die individuelle Förderung der Schüler in so genannten stabilen Lerngruppen seit über 13 Jahren zum Schulalltag.

"Weil die Leistungsgruppen ständig geteilt wurden, gab es keine Klassengemeinschaft. Durch die hohe Fluktuation und die vielen Seiteneinsteiger musste die Hackordnung immer wieder neu gefunden werden", erklärt Direktor Wilhelm Scheiber die Idee hinter dem Modell. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Stadtschulrat werden nun die Ressourcen im Rahmen der Schulautonomie einfach anders aufgeteilt: So werden aus zwei „Normalklassen“ drei "Kleinklassen" – dafür wird die Klasse in den Pflichtgegenständen nicht geteilt und auf Begleitlehrer verzichtet.

Weniger Aggressionen

Derzeit gibt es für rund 250 Schüler 14 „Kleingruppen“. „Durch die kleineren Klassen gibt es einen intensiven Kontakt zu jedem einzelnen Schüler. Es gibt viel weniger Reibungen und Aggressionen. Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache können viel besser in die Klasse integriert werden“, schildert Scheiber die Vorteile.

Der Preis dafür: Aufgrund der fehlenden Ressourcen können immer weniger Freifächer angeboten werden. "Wir laufen am Limit", klagt der Direktor, der sich – wie auch der Stadtschulrat – mehr Lehrer wünscht. Das gelte auch für ein Gesamtschulmodell: "Nur alle Schüler zusammenzulegen bringt nichts."

"Jeder Schüler mehr macht den Unterricht unsinniger", bekräftigt Wolfgang Krisch, der die 4d neben GW auch in Deutsch, Geschichte und Musik unterrichtet. Zirka 65 Prozent der Schüler haben eine andere Sprache als Deutsch als Muttersprache, einige haben zuhause vehemente Probleme oder werden vom Jugendamt betreut. „Die Inhalte sind zweitrangig“, sagt Scheiber in Hinblick auf die Leistungsstandards für Hauptschulen, die ab kommenden Schuljahr eingeführt werden sollen. "Es geht um Kompetenzen, die Fähigkeit, Selbstständigkeit zu erlernen."

Inzwischen hat die 4d den Artikel zu den Pendlerinnen fast ganz durch. Kurz vor dem Läuten der Pausenglocke fragt Krisch, wer sich vorstellen kann, für einen Job in eine andere Stadt zu ziehen. Nur ein einziger Bub meldet sich. "Für einen guten Job würd’ ich es machen", meint Karim aus der letzten Reihe. Was ein guter Job ist? „Gute Kollegen“, lautet die erste Antwort. "Und genug Geld." – Die Erfahrungen einer guten Klassengemeinschaft haben offenbar schon ihre Wirkung gezeigt.

Für Susanne Jerusalem, Bildungssprecherin der Wiener Grünen, ist das Modell der heterogenen Kleinklassen ohne Leistungsgruppen das "pädagogisch sinnvollste Modell" und beispielhaft dafür, wie ein gerechtes Schulsystem im Rahmen der Gesamtschule aussehen könnte. Bis dahin plädiert Jerusalem für mehr Schulautonomie, um derartige Projekt unbürokratisch verwirklichen zu können. (Karin Krichmayr/DER STANDARD Printausgabe, 24. Mai 2007)

  • Auffällig ist in der Hauptschule am Kinkplatz nicht nur die Architektur, sondern auch der Unterricht: Kleine Klassen halten die Gemeinschaft aufrecht.
    foto: standard/newald

    Auffällig ist in der Hauptschule am Kinkplatz nicht nur die Architektur, sondern auch der Unterricht: Kleine Klassen halten die Gemeinschaft aufrecht.

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