Ioan Holender: "Wir sind ja keine Halbkriminellen!" (24.5.)

8. Jänner 2008, 16:07
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Der Staatsoperndirektor im Interview mit über die schleppende Suche nach seinem Nachfolger

... und sein Engagement für eine bessere Dotierung der Philharmoniker.


STANDARD (Thomas Trenkler und Ljubiša Tošic): Auch heuer bleibt das Budget für die Bundestheater gedeckelt. Und nächstes Jahr gibt es nur fünf Millionen Euro mehr für alle Theater zusammen, also für die Burg, die Staats- und die Volksoper: Sie reagierten ziemlich erbost.

Holender: Wenn glaubhafte Menschen – wir sind ja keine Halbkriminellen! – einen Mehrbedarf von zehn Millionen ausgerechnet haben, dann ist es unseriös zu sagen: "Da habt's fünf Millionen und gebt's a Ruh!" So geht man nicht um mit Künstlern. Und nun sollen wir uns wie Wölfe um die Beute streiten. Zudem heißt es: Die Volksoper und das Burgtheater haben "ohne Zweifel" einen viel größeren Finanzbedarf als die Staatsoper. Aber "ohne Zweifel" prüft man nie Ursachen. Warum hat denn die Volksoper diesen Bedarf? Bei der seinerzeitigen Festlegung des Verteilungsschlüssels wurde der Bedarf auf zehn Jahre rückwirkend geprüft, und danach wurde das Budget aufgeteilt. Warum kommt man mit diesem Geld jetzt nicht aus?

STANDARD: Weil z. B. das Orchester unterbezahlt ist?

Holender: In erster Linie, weil die Einnahmen – das heißt die Besucherzahl – drastisch zurückgegangen ist. Ich habe damals, als ich auch Volksoperndirektor war, zum Orchester gesagt: "Was wollt ihr, meine Herren? Ihr könnt euch mit Graz, mit Mannheim" – damals noch – "vergleichen, aber nicht mit der Staatsoper!" Es ist daher klar, dass sie weniger verdienen. Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu befinden, aber: Wenn tendenziell Gäste und nicht Ensemblemitglieder eingesetzt werden, wird's halt teuer. Es wäre daher nicht falsch, auch die Ursachen des Mehrbedarfs zu prüfen.

STANDARD: Weil auch Sie einen Mehrbedarf haben?

Holender: Natürlich. Ich habe mit heutigem Stand eine Saisonauslastung von 97,61 Prozent. Jetzt kann man sagen, dass das nicht so wichtig ist. Ich sag ja nicht, dass die Auslastung der einzige Parameter für das künstlerische Niveau ist. Aber eine gute Auslastung ist auch kein Nachteil: Ich komme noch immer irgendwie mit dem Budget über die Runden. Aber jetzt geht es nicht mehr! Ich will schlecht dotierte Sänger endlich besser bezahlen. Und die Höchstgage von 13.000 Euro für die Hand voll Stars ist nicht mehr zu halten, wenn schon die Bayerische Staatsoper bis zu 16.000 zahlt. Noch singt man hier – aufgrund der Wichtigkeit des Hauses. Aber à la longue geht auch das nicht mehr. Schon jetzt sind die Sänger, wissend, dass ich 2010 gehe, nicht mehr bereit, Kompromisse für die Zukunft zu machen. Und, als Wichtigstes: Es braucht eine neue Vereinbarung mit dem Staatsopernorchester.

STANDARD: Vorstand Clemens Hellsberg hat bereits laut darüber nachgedacht, Abschied von der Staatsoper zu nehmen.

Holender: Ob der Verein der Wiener Philharmoniker ohne die garantierten Monatsbezüge und sozialen Leistungen der Staatsoper lebensfähig wäre, sei dahingestellt. Dass jedoch im Hinblick auf den Einsatz der Mitglieder für Proben und Vorstellungen zum künstlerischen Überleben der Staatsoper eine radikale Änderung notwendig ist, sei hier endlich auch gesagt.

STANDARD: Die Philharmoniker werden wohl auch bei der Fußball-EM 2008 eingesetzt.

Holender: Man hört, dass der Berliner Unternehmer Peter Schwenkow die Philharmoniker gekauft hat. Aber das ist nicht meine Angelegenheit. Ich stelle nur fest: Die Philharmoniker sind immer öfter anderweitig im Einsatz. Und darunter leidet die musikalische Qualität in der Staatsoper. Wir haben zwar bei einer Neuinszenierung zwölf Proben. Das ist viel. Aber da die eingesetzten Musiker oft wechseln, sind es eigentlich nur sechs Proben. So wie der Knappertsbusch ohne Probe dirigieren: Das geht heute nicht mehr! Denn die Dirigenten legen weit mehr wert auf Klang. Es ist kein Zufall, dass Simon Rattle in Amsterdam Oper dirigiert, wo das Orchester mit Sicherheit nicht besser ist.

Aber er hat immer die gleichen Musiker zur Verfügung! Das ist ein wirkliches Problem bei uns. Und das möchte ich lösen, weil ich nicht glaube, dass mein Nachfolger es lösen wird können. Denn der wird anfangs – so wie ich es war – froh sein, wenn er überlebt. Ich habe bereits mit dem Orchester eine höhere Anzahl der Proben pro Saison ausverhandelt. Zudem will ich, dass auch der Arbeitgeber etwas bei der Diensteinteilung zu sagen hat! Das müssen Sie sich einmal vorstellen: Aufgrund der autonomen Diensteinteilung weiß ich tatsächlich nicht, welche Musiker heute Abend spielen. Ich bin auf dem Wege, im Einvernehmen mit den Betriebsräten eine Lösung zu finden. Und die wird bis zu Saisonende ausformuliert. Diese Vereinbarung verpflichtet die Orchestermitglieder zu mehr Kontinuität und mehr Einsatz, und dafür sollen sie entsprechend mehr verdienen.

STANDARD: Wie viel mehr kostet diese neue Vereinbarung?

Holender: Zumindest zwei Millionen Euro pro Jahr. Es ist nur recht und billig, dass wir ungefähr das Gleiche zahlen, was auch an anderen großen Opernhäusern bezahlt wird. Ich hoffe und gehe davon aus, dass die Regierung diese Vereinbarung finanziert. Denn ansonsten ist die Zukunft der Staatsoper infrage gestellt. Aber man kann natürlich auch anders entscheiden – und ein eigenes Staatsopernorchester gründen. Dann sind immer die gleichen Musiker verfügbar, und man braucht viel weniger. Aber das schlage ich nicht vor. Denn die Attraktivität und Einmaligkeit des Hauses würde weg sein. Und auch die Existenz der Philharmoniker schiene mir nicht gewährleistet. Die reden dort, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Und ich halte fest: Ich verhandle das nicht für mich, sondern für die Zukunft des Hauses.

STANDARD: Wer wird es nun? Der Freund des Kanzlers?

Holender: Ich weiß es nicht. Den, den ich mir wünsche, werde ich nicht nennen. Von der Macht spricht niemand mit mir. Das ist auch gut so. Ich muss daher nicht die Verantwortung für die Entscheidung mittragen. Ich bin voll Zuversicht, dass Ministerin Claudia Schmied die Entscheidung in der Erkenntnis um deren Wichtigkeit für die Republik fällen wird. Auch in der Hinsicht, dass sie um den musikalischen Teil in der Führungsebene Bescheid weiß. Aber was ich nicht verstehe: Warum sie so lange bis zur Bekanntgabe zuwartet.

STANDARD: Schmied hat sie für Mitte Juni angekündigt ...

Holender: So wie ich die Usancen kenne, wird die Bekanntgabe Anfang Juli erfolgen – still und leise. Und dann ist der Sommer vorbei. Zuerst muss mein Nachfolger den Spielplan erstellen, damit man die Besetzungen engagieren kann. Nach meinen Erfahrungen braucht man dafür zumindest sieben Wochen. Man muss mit der Technik abstimmen, ob das überhaupt geht: Was können wir morgen aufführen, wenn wir heute dieses oder jenes spielen? Und dann muss man schauen, ob die Philharmoniker überhaupt komplett da sind. Denn Wagner oder Strauss kann man nicht spielen, wenn die Hälfte der Musiker auf Tournee ist. Also: Ich finde es fahrlässig, meinen Nachfolger derart spät zu ernennen! In München hat man es richtig gemacht: Martin Kušej wurde bereits jetzt als Direktor des Residenztheaters ab 2011 bestellt. In der Oper muss man aber weit länger im Voraus planen!

2013 jährt sich Richard Wagners 200. Geburtstag: Die ganze Musikwelt bereitet etwas vor. Aber es gibt nicht viele Dirigenten, die infrage kommen, sondern vielleicht drei. Und auch von den Besetzungen her: Glauben Sie, dass irgendwer seine Verträge bricht, nur weil die Kulturnation Österreich ruft? Ein Politiker sagte: "Die Welt geht nicht unter, wenn die Netrebko eine Saison nicht in Wien singt." Da hat er schon Recht – obwohl es schade ist. Aber es geht doch um das Ensemble, um die Festverträge von Baechle, Stojanova, Eröd, Kirchschlager, Merbeth, Anger, Krasteva und so weiter: Die haben jetzt schon Angebote für die Zeit nach 2010! Da muss man ganz schnell reagieren! Denn je später man engagiert, desto teurer wird es. Und wenn das Ensemble zerfällt, zerfällt alles. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.5.2007)

Zur Person:
Ioan Holender, geboren 1935 in Timisoara (Rumänien), war Sänger, Agent und ist seit 15 Jahren Staatsoperndirektor.
  • Unvorbereitet geht Ioan Holender in kein Interview. Und zur Sicherheit prüft der Staatsoperndirektor, ob er auch alles losgeworden ist, was er sich zuvor auf seinen winzigen Notizzetteln aufgeschrieben hat.
    foto: standard / matthias cremer

    Unvorbereitet geht Ioan Holender in kein Interview. Und zur Sicherheit prüft der Staatsoperndirektor, ob er auch alles losgeworden ist, was er sich zuvor auf seinen winzigen Notizzetteln aufgeschrieben hat.

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