Carl von Linnés Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen weisen den schwedischen Naturforscher als erstaunlichen Erotomanen aus
Vor 300 Jahren wurde Carl von Linné geboren, der dafür verantwortlich ist, dass Tiere und Pflanzen heute so heißen, wie sie heißen. Seine Bezeichnungen weisen den schwedischen Naturforscher aber auch als erstaunlichen Erotomanen aus.
Wien - Warum heißen die Säugetiere eigentlich Säugetiere? Eine müßige Frage, so scheint es, sind sie doch die einzige Tierklasse, bei der die Jungen von der Mutter gesäugt werden. Aber man hätte sie durchaus auch anders nennen können. Denn Säugetiere sind samt und sonders auch behaart, und nur sie haben eine Ohrenhöhle bzw. drei Ohrknöchelchen.
Verantwortlich für die Bezeichnung ist Carl von Linné, seines Zeichens Chefklassifikator des gesamten Tier- und Pflanzenreichs. Der schwedische Naturforscher, der heute vor 300 Jahren geboren wurde, hat sich im Jahr 1758 für diesen Terminus entschieden und damit den bis dahin gebräuchlichen Begriff Vierfüßler ersetzt. Wobei es bei Linné auf Lateinisch eigentlich "Mammalia" hieß, was streg genommen mit "Brusttiere" zu übersetzen wäre.
Wie die US-Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger zeigte, erwies sich Linné damit als Kind seiner Zeit: Er habe diese Bezeichnung auch deshalb so gewählt, weil damit eine Nähe der Frau zum Tierreich hergestellt würde. Zudem wurden Frauen in dieser Zeit verstärkt in ihre Mutterrolle zurückgedrängt, indem man zum Beispiel das Stillen durch Ammen verbat.
Vor allem als Klassifikator des Pflanzenreichs erwies sich Linné als Sexist mit pornografischen Anwandlungen: Als er 1753 die Pflanzen in ein System brachte, erkannte er im Blütenstempel eine weibliche Vagina. Die Pollen an den Staubfäden wiederum hielt er für das Pendant zu den männlichen Spermien.
Je nach Aufbau der Blüte zeichneten sich dadurch regelrechte Orgien ab, was ihm bei Kritikern den Ruf des Pornografen eintrug. Zusätzlich zur unhaltbaren Sexualisierung der Pflanzen brachte er deren Merkmale noch in eine Hierarchie: die männlichen standen "natürlich" höher als die weiblichen.
Abgesehen davon schuf Linné mehr Bleibendes als so gut wie alle seiner Kollegen. Selbst wenn heute Biologen eine neue Tier- oder Pflanzenart bestimmen - im Schnitt rund 50 täglich -, dann greifen sie bei der Namensgebung auf das von ihm entwickelte Verfahren zurück, der damit vor mehr als 250 Jahren Ordnung ins Chaos der Natur brachte.
Erst die Gattung, dann die Art
Vor Linné, der als Sohn eines Pastors im südschwedischen Örtchen Rashult aufwuchs, bezeichnete man Tiere und Pflanzen nicht mit eindeutigen Namen, sondern mit einer Aneinanderreihung der wichtigsten Merkmale à la "blaue Blüten, wächst im Halbschatten, blüht zweimal im Jahr". Linnés große Leistung war es nun, eine aus zwei lateinischen Worten zusammengefügte Bezeichnung einzuführen.
Dabei bezeichnete der erste Begriff die Gattung, der zweite die jeweilige Art. Diese Nomenklatur war aber gleichsam ein Nebenprodukt: Linné sah damit zunächst den großen Vorteil, in seinem berühmten Standardwerk Systema Naturae einen angenehm kurzen Index erstellen zu können. Die Kollegen waren begeistert.
Linné war sich seiner Bedeutung im Übrigen sehr wohl bewusst. Er war überzeugt, der größte Botaniker aller Zeiten zu sein - gemäß seinem Motto: "Deus creavit, Linnaeus disposuit", was auf Deutschnichts anderes heißt als: "Gott hat die Welt geschaffen, und Linné hat sie geordnet." (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.5. 2007)