Der Schriftsteller Gerhard Roth hat österreichische Flüchtlingslager besucht - Was er erlebte, hat er aufgeschrieben
Michael Chalupka, Direktor der Diakonie, hat für ein Gespräch in Graz Zeit. Er berichtet von den Folgen der Verschärfungen des Fremdengesetzes, kritisiert die lange Dauer der Asylverfahren und kennt auch die Ursache: Die Beamtenschaft sei auf 10.000 Anträge im Jahr eingerichtet. In den vergangenen zwei Jahren habe es aber 30.000 gegeben, ohne dass personell darauf reagiert worden sei. Erst seit eineinhalb Jahren gebe es einige Beamten mehr. Durch die schlechte Personalausstattung fälle die erste Instanz fehlerhafte Urteile. 2005 seien 40 Prozent aller erstinstanzlichen Urteile wegen Verfahrensmängeln aufgehoben worden. Er verlangt, dass schon während des ersten Asylverfahrens eine Arbeitserlaubnis erteilt werde. Auch Deutschkurse müssten intensiver durchgeführt werden. Damit ein Asylant eine Arbeitserlaubnis als Selbstständiger erlangen könne, müsse er einen behördlichen Spießrutenlauf über sich ergehen lassen, 40 Prozent der Immigranten arbeiteten unter ihrer Qualifikation. Es gebe rund 1000 13- bis 14-jährige Flüchtlinge, sie dürften aber nach der Hauptschule nicht als Lehrlinge einer Ausbildung nachgehen.
Der Verwaltungsgerichtshofpräsident Clemens Jabloner sage zum Dublinabkommen, zitiert Chalupka, es sei unrecht. Man könne nicht jemanden einsperren, um festzustellen, welcher Staat für ihn zuständig sei. Wenn man ein Asylverfahren nach sechs Jahren nicht abschließen könne, ergänzt Herr Chalupka, müsse man die Antragsteller automatisch legalisieren. Er betont auch die Vorzüge der NGOs wie Caritas und Diakonie gegenüber European Homecare in der Flüchtlingsbetreuung: Ihre Mitarbeiter müssten mit dem Gewissen vereinbaren können, wenn sie jemanden zurückschickten. Das könne nur in der Überzeugung geschehen, dass die Betreffenden keinen Schaden erlitten.
Im ehemaligen Gästehaus der Diakonie im steirischen Deutschfeistritz, das von der evangelischen Kirche 1956 als Landschulheim für Mädchen erbaut wurde, leben 69 Flüchtlinge: 60 Tschetschenen, sechs Georgier und drei Armenier in 36 Zimmern mit Fernsehapparaten. Die Anlage ist zwölf Gehminuten vom Ort entfernt. Die Eltern der untergebrachten Familien sind 20 bis 40 Jahre alt und haben zwei bis drei Kinder. Es gibt unter ihnen eine Lehrerin, Handwerker und Männer, die Bauern waren, aber keine berufliche Ausbildung genossen haben. Die jungen Frauen würden, sagt man mir, von den Familien verheiratet, es habe sogar schon eine Hochzeit im "Lager" gegeben. Zuerst würde ein Treffen "unter Beobachtung" vereinbart. Anschließend würde die 16- bis 17-jährige Braut gefragt, ob sie den Mann "möchte". Sei das nicht der Fall, würde sie so lange weinen, bis man ihre Entscheidung akzeptiere oder sie sich füge. Der junge Mann könne sich, wenn er die Frau nicht wolle, nur wie "ein Idiot" verhalten, um sie abzuschrecken.
Die wichtigsten Informationen erhalte ich gleich zu Beginn: Am Tag sind für die Flüchtlinge drei Mitarbeiter ansprechbar, in der Nacht, an Wochenenden und Feiertagen einer. Es gibt ärztliche Betreuung durch einen Doktor im Ort, bei Bedarf mache auch ein Psychiater eine Visite. In den letzten zwei Jahren kamen im Landeskrankenhaus Graz sieben Kinder von Flüchtlingen aus dem Lager zur Welt. Den Hausputz führe jeweils eine Frau für 15 Euro pro Woche durch, einmal, am Sonntag, erfolge ein Generalputz, der aber nur von Frauen durchgeführt werde. Alle Nahrungsmittel würden von den Familien selbst eingekauft, 110 Euro pro Monat und Person stünden dafür zur Verfügung. Den Weg in das Dorf hin mit leeren und zurück mit vollen Taschen machten allerdings nur die Frauen.
Lesen Sie weiter: Manche Flüchtlingsfamilien warten schon seit Öffnung des Quartiers vor drei Jahren, einzelne mehr als vier Jahre auf den Asylbescheid.