Eine Polizistin lesen

6. Juni 2007, 07:59
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Yüksel arbeitet seit 16 Jahren für die Wiener Polizei - Bei "Soho in Ottakring" kann man sie als lebendiges Buch "ausleihen"

Schon einmal einen Menschen "gelesen"? Im Projekt "Living Books" des Festivals "Soho in Ottakring" ist es möglich, sich beispielsweise eine Polizistin "auszuleihen" und sie auszufragen. "Am Anfang waren wir Lückenbüßerinnen", erzählt Yüksel, "aber Frauen können mit Konflikten besser umgehen als Männer." Ab Herbst wird das Landespolizeikommando gemeinsam mit der MA 17 in die Schulen gehen, um gezielt Migrantinnen und Migranten anzuwerben. Eine Reportage von Kerstin Kellermann.


Irgendwie strahlt der Brunnenmarkt so in der Sonne, als ob das Meer direkt hinter den Häusern liegen würde. Hier beginnt der sonnige Süden. In einer orangenen Lagerhalle mit Glasfenstern als Dach wird im Rahmen von Soho in Ottakring das Projekt "Living Books" gespielt. "Miteinander reden statt übereinander" ist das Motto und die "LeserInnen" können sich eine Person als lebendiges Buch ausleihen und endlich Fragen stellen, die sie mangels Gelegenheit noch nie formulieren durften. Eine Krimiautorin ist in der menschlichen Bibliothek dabei, eine Feministin, ein Wega-Beamter – um die zwanzig "Bücher" posieren freundlich in schwarzen T-Shirts und geben an Tischchen Auskunft über ihr Leben.

"Das Landespolizeikommando verschickte den Aufruf zur Teilnahme an Living Books über Outlook. Eine tolle Idee, denn man will ja nicht unverschämt sein und traut sich oft nicht zu fragen." Die 34-jährige Yüksel begann bereits mit 18 Jahren für die Wiener Polizei zu arbeiten. Über den Generalmajor bis zum Obersten Adjutanten ging die Erlaubnis, als lebendiges Buch Rede und Antwort zu stehen. "Ich bin seit '91 dabei und war einige Jahre als Streifendienst in der Josefstadt tätig. Es ist ein schwerer Beruf, als Frau und als Migrant, denn man hat eigentlich nur mit negativen Sachen zu tun. Seit '99 arbeite ich als hauptamtliche Lehrerin im Bildungszentrum der Sicherheitsexekutive Wien. Ich unterrichte das Waffengebrauchsgesetz und die Festnahmebestimmungen." Momentan erhält Yüksel die Ausbildung für "Gesellschaftslehre", "Berufsethik" und "Menschenrechte", sie bewarb sich dafür und wird nun geschult, denn "da will ich reinkommen. Im sozialen Bereich bin ich gut aufgehoben".

"Frauen sind im Konfliktbereich besser"

Bei der Polizei hat sich über die Jahrzehnte viel verändert. Der Frauenanteil liegt inzwischen bei zehn Prozent. "Der Laie nimmt an, dass Polizistinnen vorrangig im Gewaltbereich tätig sind. Gott sei Dank sind wir aber inzwischen gleichwertig mit den Männern, denn es geht nicht immer um körperliche Stärke. Frauen sind im Konfliktbereich besser. Es gibt wenig Wiener bei uns, die meisten kommen aus den Bundesländern und waren z.B. bei der freiwilligen Feuerwehr. Soziale Fragen sind ihnen wichtig. Wir wollen keine Machos oder Rambos, wo die Waffe im Vordergrund steht", erzählt Yüksel. "Wir Frauen sind grundsätzlich Lückenbüßerinnen gewesen, denn am Anfang gab es zu wenig Männer, deswegen wurden Frauen aufgenommen. Über Sanitäranlagen, Schlafmöglichkeiten machte man sich zu Beginn keine Gedanken." Als 19-Jährige wollte Yüksel mit Menschen arbeiten und jeden Tag etwas anderes erleben, auf der Straße verläuft das Leben anders als im Büro. "Als kleines Mädchen konnte ich nicht sagen, ich will zur Polizei, denn damals in den 70er Jahren gab es nur Politessen, die Strafzettel verteilten. Ich arbeitete als eine der ersten Frauen in der Josefstadt."

"Die Arbeit ist nicht leicht zu verkraften"

Hinter dem Tisch läuft ein "riesiger Riegel" vorbei. Das muss der Wega-Beamte sein, dem hat kein Buch-T-Shirt gepasst. Gebucht hat ihn anscheinend auch noch keiner. Yüksel lächelt: "Wann wird die Polizei benötigt? Wenn Tragödien auf dem Plan stehen." Sie arbeitete sechs Jahre im Außendienst, dann wollte sie sich beruflich verändern. "Ich hatte das Gefühl, ich rutsche runter und runter", beschreibt sie ihre Gefühle. "Die Arbeit ist nicht leicht zu verkraften. Man hat immer diese grauslichen Bilder vor den Augen. Es ist schwer, wenn man mit 18 Jahren in eine bestehende Gruppe dazu kommt. Trotzdem kann man Halt sagen und ich gehe jetzt diesen menschlichen Weg, denn man hat es ja mit Menschen zu tun."

Yüksel wechselte 1999 in den Ausbildungsbereich. "Wenn man den Druck nicht aushält, kann man sich bei diesem Arbeitsgeber einen anderen Bereich suchen. Für mich ist die Polizei ein riesengroßes Puzzle, in dem ich mir verschiedene Bereiche aufdecken kann. Es ist schade, wenn man vierzig Jahre am selben Platz bleibt." Ab Herbst wird das Landespolizeikommando gemeinsam mit der MA 17 in die Schulen gehen, um gezielt Migrantinnen und Migranten anzuwerben. "Man könnte das Potenzial gut nutzen", sagt Yüksel, die in ihrer Freizeit hauptsächlich Fachliteratur liest, um sich fortzubilden. Aber auch ein bisschen Orhan Pamuk jeden Abend und zwar das Buch "Der Blick aus meinem Fenster". Draußen in der Sonne gibt es T-Shirts um drei Euro und kein einziges Buch zu kaufen. Bei einem Stand rennt ein mechanischer Stoffhund im Kreis, um Kinder anzulocken. Für Wasserspritzpistolen ist es noch zu früh.

  • "Es ist ein schwerer Beruf, als Frau und als Migrant, denn man hat eigentlich nur mit negativen Sachen zu tun": Yüksel, 34, arbeitet seit 16 Jahren als Polizistin. Als "Living Book" kann man sie im Rahmen von SOHO eingehend "lesen", wie auch zwanzig weitere "lebendige Bücher".
    foto: heimo aga
    "Es ist ein schwerer Beruf, als Frau und als Migrant, denn man hat eigentlich nur mit negativen Sachen zu tun": Yüksel, 34, arbeitet seit 16 Jahren als Polizistin. Als "Living Book" kann man sie im Rahmen von SOHO eingehend "lesen", wie auch zwanzig weitere "lebendige Bücher".
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