Bedürfnis nach Exklusivität

13. Juli 2007, 13:18
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Kaum lässt man die Universität hinter sich wird man mit dem Anspruch "lebenslanges Lernen" konfrontiert

Kaum lässt man die Universität hinter sich und glaubt, man hat jetzt nach achtzehn bis zwanzig Jahren Schulbankdrücken endgültig genug Wissen erworben, um sich auch mal in der Praxis zu erproben, wird man mit dem Anspruch "lebenslanges Lernen" konfrontiert.

Postgraduale Ausbildungen liegen im Trend und sind sowohl bei Unternehmen als auch Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen sehr beliebt. Allein der Leitfaden zur Weiterbildung an Universitäten und Fachhochschulen des Bundesministeriums umfasst immerhin stattliche 528 Seiten.

Bis zu 25 Prozent aller Erwerbstätigen geben an, innerhalb eines Jahres berufliche Weiterbildungsmaßnahmen zu absolvieren, unter Akademikern liegt dieser Anteil bei bis zu 40 Prozent.

Woher kommt diese Beliebtheit der postgradualen Ausbildungen? - Hinter dem Schlagwort des "lebenslangen Lernens" steckt die Anpassung an das, was wir in den letzten beiden Jahrzehnten als "Bildungsexplosion" erlebt haben.

Immer mehr Personen schließen ein Universitätsstudium ab, gleichzeitig verliert das Studium dadurch seinen besonderen Status. Postgraduale Ausbildungen, mit beschränkten Teilnehmerzahlen und hohen Kostenbeiträgen kommen unserem Bedürfnis nach Exklusivität hingegen entgegen.

Von der Masse abheben

Darin liegt auch einer der Vorteile von postgradualen Ausbildungen für die Absolventen und Absolventinnen. Der MBA-Titel ist das Besondere und Einzigartige in der eigenen Biografie - das, was sie von der Masse der Universitätsabsolventen unterscheidet.

Ein weiterer Vorteil der postgradualen Ausbildung liegt auch im Eingehen auf die zunehmende Flexibilisierung von Berufsrollen. Studienrichtungen geben immer weniger die weitere berufliche Laufbahn vor. Umorientierungen sind notwendige und unumgängliche Bestandteile neuer Karrieren. Daraus ergibt sich aber auch die Notwendigkeit, die eigene Grundqualifikation flexibel weiter zu entwickeln.

Der Techniker, der im Betrieb in die Führungsebene aufsteigt, braucht das Rüstzeug, um seine neuen Aufgaben bewältigen zu können. Postgraduale Ausbildungen tragen hier im Übrigen auch für Unternehmen einen sehr wesentlichen Beitrag zur Qualitätssicherung bei. Wer seine Mitarbeiter in praxisnahen Ausbildungen auf neue Aufgaben vorbereitet, kann mit weniger Reibungsverlusten und besseren Leistungen rechnen.

Der Trend zu postgradualen Ausbildungen greift auch bereits auf Jungabsolventinnen und -absolventen über. Zunehmend beobachte ich im Karrierecenter an der Johannes-Kepler-Universität Linz die Tendenz, dass sich Studierende bereits während des Studiums über postgraduale Ausbildungen informieren.

Die meisten von ihnen befürchten Schwierigkeiten beim Berufseinstieg, und der Gleichung "höhere Qualifikation gleich bessere Chance am Arbeitsmarkt" folgend, wollen sie ihrem Universitätsabschluss noch einen MBA-Titel hinzufügen.

Tatsächlich gehen die allerwenigsten diesen Weg, da postgraduale Ausbildungen die finanziellen Möglichkeiten der im Studium doch recht erschöpften Ersparnisse meist überfordern.

Berufserfahrung zuerst

Auch die Sinnhaftigkeit einer praxisvertiefenden Ausbildung ohne Berufspraxis ist zudem sehr fragwürdig. Doch was ist dran an den Erwartungen der Studierenden, mit denen auch viele Anbieter von MBA-Lehrgängen werben?

Nicht nur bessere Chancen am Arbeitsmarkt sondern auch Traumgehälter werden da versprochen. Nach einer Befragung des deutschen Forsa-Instituts achten 64 Prozent der Personalverantwortlichen im Nachbarland bei der Personalauswahl auf berufsbegleitende Weiterbildungen.

Postgraduale Ausbildungen erhöhen also tatsächlich die Chancen, einen Job zu bekommen, aber werden die finanziellen Kosten - und auch die Zeit, die investiert wurde - tatsächlich vergütet?

Experten sind hier skeptisch. Es scheint so, dass besonders Frauen und jüngere Akademikerinnen und Akademiker mit postgradualen Ausbildungen zwar mit höheren Chancen, nicht aber mit höheren Gehältern rechnen können.

Was mir bleibt ist der Wunsch, dass postgraduale Ausbildungen nicht nur als notwendige Anpassung an die Flexibilisierung von Berufsrollen, den globalen Wissenswettbewerb oder den Differenzierungsdruck am Arbeitsmarkt gemacht werden, sondern vor allem aus dem grundlegenden menschlichen Bedürfnis nach persönlicher Weiterentwicklung.(Andrea Reinthaler-Stütz/DER STAMDARD-Printausgabe, 19./20. Mai 2007)

ZUR PERSON

Andrea Reinthaler-Stütz ist Geschäftsführerin der Kepler Society, dem Alumniclub der Linzer Johannes-Kepler-Universität. Postgraduale Ausbildungen mit beschränkten Teilnehmerzahlen und hohen Kostenbeiträgen kommen unserem Bedürfnis nach Exklusivität entgegen.

  • Postgraduale Ausbildungen mit beschränkten Teilnehmerzahlen und hohen Kostenbeiträgen kommen unserem Bedürnis nach Exklusivität entgegen. (Andrea Reintahler-Stütz)
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    Postgraduale Ausbildungen mit beschränkten Teilnehmerzahlen und hohen Kostenbeiträgen kommen unserem Bedürnis nach Exklusivität entgegen. (Andrea Reintahler-Stütz)

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