Religion wird immer wieder als Integrationshindernis gesehen - Oftmals aber migrieren Menschen, weil sie ihre Religion in ihrer Heimat nicht ausüben können
Ist von Religion im Zusammenhang mit Migration die Rede, heißt es immer
wieder, Religion sei ein Hindernis für die Integration in die Aufnahmegesellschaft.
Am liebsten wird diese These auf den Islam gemünzt: Dieser müsse eben noch
die "Aufklärung nachholen" und sei deshalb ein Integrationshindernis in den
westlichen, säkular geprägten Gesellschaften.
So einfach sei der Zusammenhang zwischen Religion und Integration sicher nicht, betont Karsten Lehmann, Religionswissenschafter und Migrationsforscher an der Uni Bayreuth, auf die
Frage, welchen Zusammenhang es zwischen Religion und Integration gibt: "Die
erste Frage, die man sich hier stellen muss, ist: Was versteht man
unter Integration?", antwortet er nur zögerlich und jedes Wort abwägend im derStandard.at-Gespräch. Lehmann unterscheidet zwischen zwei Konzepten: Der individuellen und der gesellschaftlichen Integration, erstere betrifft die einzelnen Menschen, letztere religiöse
Gruppierungen und deren Rolle in der Gesellschaft.
Anerkannte Religionsgemeinschaften
Ein paar Zahlen zur Lage in Österreich: Hier gibt es insgesamt 13 so genannte anerkannte
Religionsgemeinschaften. Die größte ist laut Volkszählung 2001 die Katholische
Kirche, die 6,6 Millionen Mitglieder hat. Es folgen die evangelische Kirche mit rund
380.000 und der Islam mit rund 340.000 Mitgliedern.
Welchen Religionsgemeinschaften MigrantInnen in Österreich angehören, gibt es zwei verschiedene Statistiken: Bei MigrantInnen, die noch die StaatsbürgerInnen ihres Heimatlandes sind, ist der Islam die größte Gruppe (rund 270.000 Mitglieder), gefolgt von der Katholischen Kirche (rund 162.000 Mitglieder) und der Orthodoxie (rund 136.000
Mitglieder).
Mehr Zahlen
Nicht erfasst sind dabei in der ersten Generation Zugewanderte, die bereits österreichische StaatsbürgerInnen sind. Einen Anhaltspunkt liefert eine Statistik, in der
Religionsgemeinschaften nach Geburtsländern geführt werden. Demnach sind
rund 327.000 KatholikInnen noch im Ausland geboren, rund 244.000 MuslimInnen sowie 136.000
Orthodoxe. Die zweite Generation wird hier jedoch ebenso wenig erfasst wie die
religiöse Pluralität innerhalb der Konfessionen.
Zudem leben MigrantInnen - wie ja auch die ÖsterreicherInnen - ihre
Religiosität höchst unterschiedlich, und schon gar ihre Kinder und
Kindeskinder.
Komplexe Realität
Eine Studie der Universität Wien zur sozialen Integration von Jugendlichen der
zweiten Generation zeigt, wie komplex die Realität ist. Die größte Bedeutung
haben Religiosität und Traditionen bei muslimischen Jugendlichen, den
geringsten Stellenwert bei ihren österreichischen AltersgenossInnen. In der Mitte
stehen Jugendliche mit ex-jugoslawischem Migrationshintergrund: "sie sind
religiöser als die österreichischen Jugendlichen, aber viel säkularer als die
muslimischen", erklärt Hilde Weiss, eine der AutorInnen der Studie, im
derStandard.at-Gespräch.
Im Rahmen der Studie wurden Jugendliche
untersucht, deren Eltern aus Ex-Jugoslawien, der Türkei sowie anderen Ländern
kommen. Ebenso wurden österreichische Jugendliche befragt, um einen
Vergleich anstellen zu können. Eines der Themen
dabei war die Bedeutung von Religion, Religiosität und Traditionen.
Stadt-Land
Dass Religion und Traditionen bei muslimischen Jugendlichen eine größere Rolle
spielen, führt die Soziologin darauf zurück, dass ein großer Teil der türkischen
MigrantInnen aus ländlichen Regionen komme. "Nur ein kleinerer Teil kommt aus städischen und
halb-städtischen Regionen", so Weiss. Am Land habe die Religion meist größere Bedeutung: "Selbst in Österreich ist die
Religiosität der ländlichen Jugend stärker ausgeprägt als bei der städtischen
Jugend."
Aber auch bei muslimischen Jugendlichen gibt es große Unterschiede bezüglich ihrer Religiosität. "Rund ein Drittel definiert
sich als sehr religiös, ein anderes Drittel fast überhaupt nicht und ein weiteres
Drittel ist so in der Mitte", schildert Weiss die Ergebnisse der Studie.
Eltern
Eine wesentliche Rolle spielen die Eltern: "Wenn die Eltern selbst sehr religiös
sind und die Traditionen im Elternhaus sehr wichtig sind, lösen sich
Jugendliche nicht so rasch", erklärt die Soziologin. "Wenn sie nur in einem
'mittleren Intensitätsgrad' die Religion und die Bräuche pflegen, ist der Schritt zur
noch größeren Entfernung für die Kinder leichter. Wo die Eltern schon selbst kaum noch
Bindungen an die Herkunftstraditionen und -religion haben, dort bleibt die
Distanz auch bei den Jugendlichen meist erhalten."
Weiss weist aber auch darauf hin, dass auch bei den Eltern keine pauschale
Einteilung möglich ist: "Bei den älteren
Generationen ist etwa die Hälfte sehr stark ethnisch und religiös
orientiert. Ebenso gibt es einen kleinen Teil von relativ wenig traditions- und
religionsgebundenen: Rund 12 bis 15 Prozent sind selbst sehr säkular", fasst die
Soziologin die Ergebnisse der Studie zusammen. Im Generationenvergleich
nehme die Bedeutung von Religion und Traditionen enorm ab: "Die Jugendlichen
sind deutlich säkularer als ihre Eltern", berichtet Weiss.
Keine Re-Islamisierung
Eine Re-Islamisierung konnte nicht festgestellt werden. Ebensowenig, dass
Religion bei MigrantInnen der zweiten Generation an Bedeutung gewinnt. Als
Indiz könne dienen, ob Jugendliche aus einem säkularen Haushalt auf einmal ihre
Religiosität entdecken und intensiver ausleben als ihre Eltern. "Das konnte man
überhaupt nicht beobachten", stellt Weiss fest.
Allerdings gebe es ein anderes Phänomen, das ihr Kollege Mouhanad Khorchide
als "Schalenmuslime" bezeichnet. "Es sind Muslime, für die ihre Religion als Inhalt
gar nicht so bedeutend ist", erklärt Weiss. "Vielmehr identifizieren sie sich damit,
um eine kollektive Identität zu erlangen." Damit könnten sie sich selbst
aufwerten, um Diskriminierungen zu kompensieren, die ihnen in der Fremde
wiederfahren. Sie selbst sei auf anderem Weg auf dieses Phänomen gestoßen: "Ein
guter Teil der befragten Jugendliche hat zum Beispiel das Statement befürwortet
"Wir sollten mehr Möglichkeiten zum Praktizieren unserer Religion bekommen".
Sie tun es aber gar nicht und ein guter Teil bezeichnet sich gar nicht als religiös",
berichtet die Soziologin.
Auftrag an die Mehrheitsgesellschaft
Für Weiss ist dieses Phänomen auch ein Auftrag an die Mehrheitsgesellschaft:
"Man sieht die Zwiespältigkeit zwischen der Suche nach Integration und einer
aufwertenden Wir-Identität." Letztere werde genau dann nötig, wenn den
Betroffenen von der Mehrheitsgesellschaft die Integration verweigert werde.
Ist es aber überhaupt zulässig, Integration mit Säkularisierung gleichzusetzen,
wie dies die These von der Religion als Integrationshindernis suggeriert?
Religionswissenschafter Lehmann dreht in seiner Definition der individuellen
Integration die Frage um: "Kommt ein Mensch besser mit einer Situation zurecht,
wenn er Religion hat oder nicht?"
Religion als Hilfe
Schließlich kann Religion in der Migration auch eine
Hilfe sein: "Es ist eine neue Situation, mit der man erst einmal zurecht kommen
muss", so der Religionswissenschafter. Hier könne Religion ein
Orientierungspunkt sein, um mit der mitunter ausgesprochen schwierigen
Situation umgehen zu können. Kann, muss aber nicht, denn es gibt natürlich eine
Vielzahl an Möglichkeiten, sich in einem fremden Land zu recht und Halt zu finden.
Ebensowenig dürfe man vergessen, dass für viele
MigrantInnen die
Religion der "Grund" für die Migration war: "Migration ist kein zufälliger Prozess.
Natürlich ist es das Individuum, das entscheidet zu gehen", so Lehmann. Aber es seien ganz
"spezielle" Individuen, die migriert sind: "Einzelne religiöse Gruppierungen wandern genau aufgrund ihrer Situation im Herkunftsland aus. Aleviten in der Türkei wären da ein Beispiel", erklärt der Religionswissenschafter.
Zudem gehöre es nun einmal zum Wesen moderner Gesellschaften, dass in ihnen
Menschen unterschiedlicher Religionen zusammenleben, betont Lehmann: "Dafür
gibt es Religionsfreiheit." (Sonja Fercher, derStandard.at, 21.5.2007)