Das Wunder

16. Mai 2007, 07:00
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Nach zweieinhalb Jahren meldete M: Dem Fahrrad fehle nichts. Außer einem bisserl Luft

Es war vergangenen Mittwoch. So gegen 22 Uhr. Da rief M. an und fragte, ob ich eine Fahrradpumpe hätte. Weil – so als wäre dieser Nachsatz wichtig – das Fahrrad keine Luft mehr habe. Aber sonst, sagte M. sei soweit alles in Ordnung.

Ich gratulierte: Das fände ich großartig – bloß verstünde ich nicht, wieso sie mir das erkläre. Schließlich kenne ich ihr neues Rad. Und wenn da nicht alles ... und so weiter. Aber zur Frage: Klar. Ich hätte eine Pumpe. Die könne sie gerne haben.

Nicht ihr Rad

M. räusperte sich: Ich hätte nicht verstanden. Vielleicht ja auch, weil sie sich ein bisserl schäme. Sie spräche nicht von ihrem neuen Rad, sondern von ihrem anderen Rad. Also meinem Rad. Dem, sagte M. gehe es gut. Nur die Luft fehle. An dieser Stelle muss ich ausholen. Denn das Rad, von dem M. da sprach hatte ich schon vergessen. Besser: abgeschrieben. Weil M. es vergessen hatte.

Vor mittlerweile über zweieinhalb Jahren hatte ich M. den damals bereits 13 Jahre alten, einstigen Edel-Boliden aus Vorarlberg geborgt. M. hatte damals im 8. Bezirk gewohnt. Und sofort Probleme mit ihrer Hausverwaltung bekommen: Das Abstellen von Fahrrädern sei weder im Gang, noch im Stiegenhaus noch im Innenhof gestattet, ließ man sie schriftlich wissen. Die Frage, was denn im Hof außer dem Koloniakübel erlaubt sei, wurde nie beantwortet, dafür aber mit der Entsorgung des Fahrrades gedroht: M. parkte ab da an einem grünen Bügel in der Florianigasse. Genau gegenüber der Emma. Oder beim Tunnel.

Übersiedlungsopfer

Dann kam der Winter. M. übersiedelte. Und vergaß, mein/ihr Rad mitzunehmen. Im Frühjahr war sie verliebt, im Sommer auf Urlaub – und im Herbst dachte sie nicht an das Mountainbike in der Florianigasse. Oder verdrängte den Gedanken: Im Frühjahr darauf fragte ich einmal nach – und M. gestand, sich nicht mehr in die Florianigasse zu trauen. Weil sie sich davor fürchte, am grünen Bügel ein lila Gerippe zu finden. Oder ein einsames rotes Simpel-Schloss. Oder gar nichts.

Aber sie versprach, sich einen Ruck zu geben. Nachschau zu halten. In die Florianigasse zu reisen.

Kurze Zeit darauf tauchte mein altes Rad in einer Stadtgeschichte auf. Weil es nämlich noch dagestanden hatte, als M. vorbeigefahren war. Mit dem Auto. Und da, sagte M., habe sie gesehen, dass das Rad noch komplett wirke. Sie würde es demnächst holen. Es wurde Sommer. Herbst. Winter. Von meinem Rad war nie wieder die Rede. Und so wichtig, durch ständiges Fragen nach einem schon bei der Übergabe ausgemusterten Rad, eine Freundschaft zu belasten, war mir das Rad auch nicht.

Schnellspanner

Aber letzte Woche rief M. dann an: Ob ich denn eine Pumpe hätte... Zum Glück wohnt M. mittlerweile gleich ums Eck. Und tatsächlich: Dem Rad ging es nicht nur gut, ihm fehlte auch (abgesehen von der Luft) nichts. Und das, obwohl Sattel und Reifen mit Schnellspannern befestigt sind und Hebel und Werfer auch von einem Blinden als eher hochwertig identifiziert worden wären.

Sicher: Die Kette hatte Rost angesetzt. Und das Sattelrohr musste ich frei klopfen. (Aber da die Schnellspanner zu waren, hatte da vor mir allem Anschein nach niemand gezogen.) M.s Freund stand staunend im Innenhof (wo M. jetzt wohnt, sieht es aus wie am Radparkplatz einer chinesischen Fabrik): Ein echtes Wunder, sagte er immer wieder. Ein echtes Wunder – und dann zählte er auf, welche Sorten Fahrrad in welchem Zustand ihm und seinen Bekannten an welchen Orten Wiens schon geklaut oder zerlegt worden waren.

Erlebnisberichte

Mittlerweile kann ich solche Geschichten nimmer hören. Im Fahrradladen (ich hab die 15 Jahre alten, doch etwas morschen Radmäntel ersetzt), in der Redaktion, in Lokalen: Alle sagen zuerst „Wunder“ – und erzählen dann ihre persönlichen Fahrraddiebstahlserlebnisse.

Gestern rief M. noch einmal an. Sie habe mein/ihr Rad gerade im Fernsehen gesehen. Weil es an jenem grünen Bügel gehangen sei, der von jener „Mitten im 8ten“-Aussenkamera, die die Aus-dem-Fenster-Perspektive abfilme, gut erwischt werde (nein, seufzte ich, ich kenne die Einstellung nicht: ich habe MiA noch nie gesehen. Deshalb kann ich auch nix dazu, dagegen oder dafür sagen). Und der alte Drahtesel sei das Einzige gewesen, was der Serie lokale Authentizität, Drive und Flair gebe.

Wenn ich also nix Besseres damit zu tun hätte, bat M., möge ich das Rad wieder in die Florianigasse bringen. Ich könne das ja einen kollegialen Akt an den Kollegen vom ORF nennen. Und sie könne sich jedes Mal freuen, dass sogar ein rostiges, altes Fahrrad da Drehbuch und Schauspieler an die Wand spiele. Und sie sei daran Schuld.

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