USA: Der jährliche Handstand auf dem Bierfass

24. Juli 2007, 16:11
92 Postings

Erfahrungen aus den USA, wo Alkoholgesetze streng sind und junge Betrunkene Sozialdienst leisten

Ein Jahr lang wohnte ich in Ann Arbor, einer Universitätsstadt bei Detroit, an der Bushaltestelle neben dem Wohnheim der Erstsemestrigen. Deren Studienjahr mit der "Welcome Week" beginnt. In der viele das Ziel haben, vom Montag, an dem sie aus den Ferien kommen, bis zum Sonntag, nach dem die Vorlesungen beginnen, ständig betrunken zu sein.

Obwohl die Gesetze streng sind. Erwischt die US-Polizei jemanden unter 21 beim Trinken, informiert sie die Eltern und stellt ein MIP (Minor in Possession) genanntes Strafmandat aus. Die Konsequenz: mehrere Stunden gemeinnützige Arbeit und eine Belehrung über Alkoholmissbrauch. Trotzdem scheint das kaum jemanden vom Trinken abzuhalten.

An meiner Bushaltestelle hörte ich schon am ersten Montag der "Welcome Week" am Abend Sirenengeheul. Ein etwa 17-jähriges Mädchen wand sich dort auf dem Boden und übergab sich. Der Notarzt hörte nicht auf, sie zu fragen: "Wie viel hast Du getrunken, Honey, wie viel hattest Du heute?" Doch das Mädchen konnte sich anscheinend nicht einmal an seinen Namen erinnern. Kein Einzelfall: Immer wieder kam es zu Rettungseinsätzen an dieser Haltestelle. Meist waren es Mädchen, die zum Magenauspumpen ins Spital gebracht wurden, aber auch junge Burschen waren darunter.

Die trifft es Ende September besonders oft. Es ist die "Rush"-Saison, die Zeit, in der Neuankömmlinge Partys der Studentenverbindungen besuchen, in der Hoffnung, dort aufgenommen zu werden. Wer zum Beitritt eingeladen wird, hat die mühsame Zeit des "pledgings" vor sich. Vier Nächte nicht schlafen, Bechern bis zum Erbrechen, Ertragen aller möglichen Erniedrigungen, alles, um in solch eine "Bruderschaft" aufgenommen zu werden.

Blutige Kopfwunde

Zu den Ritualen gehört es, von "Helfern" gestützt, auf einem Bierfass in den Handstand zu gehen und sich das Gesöff in den Mund pumpen zu lassen. Einmal erlebte ich, als ein junger Mann, der gerade aus dem ländlichen Indiana angekommen war, dabei stürzte und sich den Kopf am Bierfass blutig schlug. Ich drückte ihm sein Hemd auf die Wunde und sagte, dass ich die Rettung holen werde. "Nein, bitte nicht", flehte er. "Ich bin erst 17, dann erfährt es die Polizei und ich kriege Ärger."

Während in Europa Jugendliche schon früher erste Erfahrungen mit Alkohol machen und dann meist damit umzugehen lernen, spielt sich das in den USA viel später ab. Für Jüngere ist es schwer, in Supermärkten, Schnapsläden oder Bars an Alkohol zu kommen. Aber mit 17, im College-Alter, geht es los, weil Ältere da sind, die harte Getränke organisieren, oder weil es nicht mehr auffällt, wenn man einen gefälschten Ausweis hat. In Kanada gibt es angeblich gut gemachte Ausweise zu kaufen, aber in etlichen Bars akzeptiert man auch offensichtlich gefälschte Karten.

Den Reiz verliert der Alkohol mit dem 21. Geburtstag nicht. Bars offerieren da erst recht "birthday shots", süße alkoholische Mixgetränke, die in Kübeln oder aquariengroßen Gläsern serviert werden. Um zwei Uhr früh, wenn die Bars schließen, wanken jene, die es noch können, grölend nach Hause. Ich für meinen Teil bin jedenfalls von der Bushaltestelle weggezogen. (Valentina Stackl/DER STANDARD; Printausgabe, 21.5.2007)

Zur Autorin
Die 21-Jährige Valentina Stackl studiert Politikwissenschaft und Creative Writing an der US-University of Michigan.
  • Obwohl erst ab 21 legal, kippen in den USA Studienanfänger schon mit 17 alles, was flüssig ist und Alk enthält. Foto: V. Stackl
    foto: valentina stackl

    Obwohl erst ab 21 legal, kippen in den USA Studienanfänger schon mit 17 alles, was flüssig ist und Alk enthält. Foto: V. Stackl

Share if you care.