Gefährliche Keime im Spital

26. Juli 2007, 12:43
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Das Risiko erst im Krankenhaus krank zu werden, steigt ständig - Bakterien entwickeln hohe Resistenzen gegen viele Antibiotika

Wascht euch gefälligst die Hände! Sinngemäß war es genau dieser Rat, den der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis 1850 in einer Fachpublikation seinen Kollegen erteilte. Nicht nur dass damit erstmals eine der effizientesten Möglichkeit zur Vermeidung von in Spitälern übertragenen Infektionskrankheiten beschrieben wurde: Semmelweis begründete damit auch die Krankenhaushygiene schlechthin. Immerhin - die Kindbettsterblichkeit, die bis dahin 18 Prozent betragen hatte, wurde durch diese Maßnahme auf nur noch 2,45 Prozent gesenkt.

Kleiner Etappensieg

Freilich, im medizinischen Wettlauf gegen Infektionskrankheiten war dies nur ein kleiner Etappensieg. Noch vor 80 Jahren bedeutete eine Lungenentzündung in sehr vielen Fällen den sicheren Tod. Alexander Flemings Entdeckung des Penizillins 1928 und die darauf folgende Gewinnung zahlreicher anderer Antibiotika bewirkten in den nachfolgenden Jahrzehnten eine Revolution der Medizin: Lange Zeit sah es so aus, als wäre das Problem der Infektionskrankheiten gelöst, und die Forschung wandte sich schließlich anderen Aufgaben zu.

Antibiotikaresistente Krankenhauskeime

Bakterien jedoch vermehren sich schnell und sind anpassungsfähig - beides Voraussetzungen dafür, Varianten hervorzubringen, die durch ein bestimmtes Antibiotikum schlechter oder gar nicht mehr angreifbar sind. Dementsprechend verzeichnen Gesundheitsbehörden weltweit eine Zunahme von Antibiotikaresistenzen. Besonders beunruhigend ist dabei das immer häufigere Auftreten spezieller Krankenhauskeime, von denen viele antibiotikaresistent sind.

Eintrittspforten für Keime

Doch besonders auf Intensivstationen werden von der modernen Medizin immer mehr anatomische Barrieren durchbrochen, neue Eintrittspforten für Keime geschaffen - über Katheder, Drainagen, Infusionsleitungen, Operationswunden und dergleichen. So verwundert es nicht, dass die Zahl der Patienten, die in Krankenhäusern krank werden, ständig steigt.

Zunahme der "nosokomialen Infekte"

Die derzeit beobachtete Zunahme dieser "nosokomialen Infekte", wie die im Spital erworbenen Leiden vom Fachmund genannt werden, hätte laut Helmut Mittermayer, Leiter des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz, aber noch andere Ursachen: "Wir behandeln in unseren Spitälern immer mehr Menschen über eine lange Zeit hinweg, die früher an ihren Leiden gestorben wären: zum Beispiel Unfall- und Verbrennungsopfer sowie Leukämie- und Transplantationspatienten.

Dass diese ein viel höheres Infektionsrisiko haben als andere Patienten, ist klar." Hinzu komme ein weiterer Faktor: "Immer mehr sehr alte Menschen, bei denen das Immunsystem aus natürlicher Ursache schwächer wird, werden behandelt", erklärt der Infektionsexperte.

Auch Gerichtsprozesse nehmen zu

Leider, bedauert Mittermayer, der auch als Gerichtsgutachter tätig ist, hätten sich in den vergangenen Jahren auch die Gerichtsprozesse wegen solcher Infektionen gehäuft. Vor allem Patienten, die sich so genannten "sauberen Eingriffen wie etwa Knie- oder Hüftgelenksoperationen mit normalerweise sehr geringem Infektionsrisiko" unterzogen und dabei dennoch langwierige Infektionen zugezogen hätten, würden zunehmend die Spitäler und Ärzte verklagen.

Nullrisiko ist unerreichbar

Da aber "meistens kein dezidiertes Fehlverhalten vonseiten des Krankenhaus oder der Ärzte nachzuweisen ist", würden die meisten Prozesse mit einem Vergleich beendet. "Die Medizin bemüht sich permanent, das Risiko solcher Infektionen zu senken, doch ein Nullrisiko werden wir niemals erreichen, erklärt der Arzt.

Wie hoch ist das Risiko heute?

In Österreich gebe es mangels Dokumentation bis heute keine genaue Übersicht über das Ausmaß der nosokomialen Infekte, bedauert Universitätsprofessor Mittermayer, doch müsse man davon ausgehen, dass "zwischen zwei und zehn Prozent aller Patienten sich im Spital eine Infektion zuziehen". Auf heimischen Intensivstationen könnten es sogar bis zu 50 Prozent sein. Exaktere Daten würden derzeit an Walter Kollers klinischer Abteilung für Krankenhaushygiene am Wiener AKH - neben Mittermayers Institut die zweite Referenzzentrale - im Rahmen einer großen Studie erhoben.

Elf Prozent aller Todesfälle

Bis zum Abschluss dieser Arbeit lässt sich die Gefährlichkeit von Infektionskrankheiten nur generell beschreiben: Von durchschnittlich etwa 2,4 Millionen stationärer Aufnahmen im Jahr erfolgen laut Statistik Austria rund 225.000 wegen Infektionskrankheiten. Und von allen im Durchschnitt gut 41.000 in einem Jahr in Krankenanstalten sterbenden Patienten erliegen rund 4700 irgendwelchen Infektionen - das sind gut elf Prozent aller Todesfälle in österreichischen Spitälern.

Pneumokokken

Zunehmende Sorgen bereiten aber auch Pneumokokken, die Verursacher von Lungenentzündungen. Zwar weisen in Österreich derzeit nur etwa fünf Prozent der Keime Resistenzen auf, doch liegen diese Zahlen in einigen direkt benachbarten Staaten um ein Vielfaches höher. In Ungarn etwa liegt die Resistenzrate bereits bei 50 Prozent.

Harnwegsinfekte und Wundinfektionen

Von allen im Krankenhaus übertragenen Krankheiten sind nosokomiale Harnwegsinfekte mit 30 Prozent am häufigsten, gefolgt von postoperativen Wundinfektionen und nosokomialen Atemwegsinfektionen mit je 20 Prozent. Werden die drei oben genannten Erreger primär im Spital weitergegeben, so seien Pneumokokken und auch Streptokokken primär eingeschleppt, betont Mittermayer.
(Andreas Feiertag/MEDSTANDARD/21.05.2007)

Resistenzen
Die am meisten verbreiteten Bakterien, die auch die meisten Resistenzen gegen viele Antibiotika entwickeln, sind laut jüngster Analyse des European Antimicrobial Resistence Surveillance System (EARSS) der EU-Kommission:

- Escherichia coli, Auslöser von Harnwegs- und Wundinfektionen sowie Bauchfellentzündungen: mehr als 30 Prozent Resistenzen.

- Staphylococcus aureus, Erreger von Knochen-, Gewebe- und Herzinfektionen: mehr als zehn Prozent Resistenzen.

- Enterococcus faecalis, Verursacher von Harnwegs-, Bauchraum- und Herzentzündungen, bei immunsupprimierten Patienten (etwa Transplantierte und Krebskranke) auch Hirnhaut- und Knocheninfektionen: bis zu zehn Prozent Resistenzen.

  • Bakterien, die auch in Spitälern verbreitet werden, etwa Staphylokokken, Erreger von Herzinfektionen.
    foto: medstandard/ erdmann-institut

    Bakterien, die auch in Spitälern verbreitet werden, etwa Staphylokokken, Erreger von Herzinfektionen.

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