Der Schriftsteller Gerhard Roth hat mehrmals das Flüchtlingslager Traiskirchen besucht - Was er dort erlebte, hat er fotografiert und aufgeschrieben
Das zweite Mal kann ich mich schon orientieren und weiß, worauf ich achten muss. Bevor ich aber aufbreche, höre ich mich um und erfahre "unter dem Siegel der Verschwiegenheit" von einem ehemaligen Mitarbeiter im Lager, dass ein Amtsdirektor im Auftrag des Traiskirchner Lagerleiters Franz Schabhüttl "Brandkontrollen" durchführe. Er besichtige jeden Tag zu verschiedenen Zeiten unter diesem Vorwand jedes Zimmer, jeden Raum. Er gelte als "Spion" und erfülle seinen Auftrag lückenlos. Schabhüttl sei ja Polizist gewesen, ein "Polizeifuchs", und sein Zugang zu seiner Arbeit der eines Polizeibeamten geblieben. Er verfolge deshalb die Sozialarbeit mit Argwohn, mache sie lächerlich und verunglimpfe sie.
Im Grunde sei er der Meinung, dass man "das alles" nicht brauche. Engagierte Sozialarbeiter stellten für ihn eine Gefahr dar, da sie sich immer auf die Seite der Flüchtlinge schlügen, deren Probleme vertreten und ihm nur Schwierigkeiten bereiten würden. Bei Streitigkeiten werfe er automatisch alle beteiligten Flüchtlinge aus dem Lager, diese müssten dann von Sozialarbeitern anderswo wieder untergebracht werden. Es sei sinnlos, sich bei Schwierigkeiten mit ihm zu besprechen, man müsse schon einen Umweg finden. Zwar toleriere er Soziales und verkaufe es auch stolz, in Wahrheit sei er aber nach wie vor skeptisch, was dessen Notwendigkeit betreffe.
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Wilhelm Brunner wird hingegen "Bemühen" attestiert. An European Homecare aber lässt der Augenzeuge kein gutes Haar und bezeichnet die Organisation abwertend als "gewinnorientiert" und "verlängerten Arm der Regierung". Sie sei auch den NGOs ein Dorn im Auge, diese würden ihr fehlendes Verständnis für die Betreuungsarbeit vorwerfen. Herr Brunner selbst ist von diesem Urteil, wie ich später feststelle, verletzt und versucht, über die anderen trotzdem kein schlechtes Wort zu sagen. Heftige Kritik wird von mehreren Seiten an der Bezirkshauptmannschaft Baden geübt, vor allem was die rigorose Ablehnung der Asylanträge betreffe.
Ein Beamter, dessen Bescheide in der Regel nicht rechtskonform seien, steht im Mittelpunkt, er wird als "präpotent und frech" beschrieben und gebe rasch verbale Drohungen von sich. Er habe es auch zu verantworten, dass es häufig zu Fällen von Schubhaft komme, die nachträglich wieder aufgehoben werden müsse, da sie von ihm zu Unrecht verhängt worden sei. Die betroffenen Asylanten würden dadurch jedoch traumatisiert. Der Geist der Fremdenpolizei in der Bezirkshauptmannschaft Baden sei von "Gehässigkeit erfüllt", sagt der Informant wörtlich. Er macht mich auch darauf aufmerksam, dass man das "wahre Gesicht des Lagers" erst erkennen könne, wenn mehr als 1000 Migranten und Asylanten sich in ihm aufhielten. Dann sei die Luft in den Räumen "stickig". Speziell bei der Essensausgabe herrsche "knisternde Spannung", bestätigt er.

Als ich mich am 13. April dem Eingang des Lagers nähere, fallen mir in Pkws schlafende Asylanten am Straßenrand auf. Hinter dem Portiergebäude ein Hundezwinger für drei Schäferhunde. Einer von ihnen säuft gerade an der Leine eines Beamten der Siwach aus einem Napf. Franz Schabhüttl und Wilhelm Brunner erzählen mir gleich darauf, dass Fälle von Masern aufgetreten seien, und geben mir die Zahl der heutigen Belegung mit "nur 486" bekannt. Aber die Anlage wirkt viel lebendiger als das erste Mal. Vielleicht, weil ich früher gekommen bin. In der Kindergartenbaracke herrscht reger Betrieb, ein Mädchen mit Weihnachtsmann-Mütze träumt neben seiner Mutter vor sich hin, der Fernsehapparat läuft, und Chinesen- und Mongolenkinder strecken sich auf grünen Fauteuils aus, sehen fern oder setzen Puzzles zusammen. Im angrenzenden Klassenzimmer findet vor acht Männern und einer Frau Sprachunterricht statt, und auf dem Basketballplatz ist ein Spiel im Gange.
Wieder befällt mich Misstrauen, dass alles nur inszeniert ist und diesmal "Normalbetrieb" vorgeführt wird. Auch die Aufnahmestraße ist bevölkert, ich zähle siebzehn Personen, Männer, Frauen und drei Kinder. Ein Schwarzafrikaner schläft auf einer Bank. Das daktyloskopische Gerät ist in Betrieb, ein Polizeibeamter mit Gummihandschuhen drückt routiniert den Finger eines kurzhaarigen Mannes in Jeans, Turnschuhen und einem Polohemd auf den Scanner. Die vergrößerte Fingerbeere taucht auf dem Bildschirm auf, die feine Struktur von Parallelen und filigranen Turbulenzen ineinander übergehender Linien.
Weiter: Im Speisesaal: Alle, mit denen ich spreche, kritisieren, dass sie nicht arbeiten dürfen