Den Knoten lösen

26. Juli 2007, 13:45
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Morbus Hodgkin ist ein bösartiger Lymphkno­tentumor mit guten Behandlungsprognosen. Die Therapie kann aber Spätfolgen haben. Er­forscht wird, ob ein Virus Mitverursacher ist.

Morbus heißt Krankheit. Viele Leiden fangen daher mit dem Wort Morbus an. Meistens folgt anschließend der Name desjenigen, der das Leid beschrieb. Recht viel Leid sah Thomas Hodgkin im Jahr 1832. Damals beobachtete er Menschen mit geschwollen Lymphknoten und unerklärlichen Gewichtsabnahmen, die nachts in ihrem eigenen Schweiß erwachten und denen es über Monate und Jahre immer schlechter ging, bis sie schließlich starben.

Viel mehr wusste man damals nicht, und "noch immer und trotz der Tatsache, dass der Morbus Hodgkin wohl die am besten zu therapierende Krebsform ist, gibt er der Wissenschaft noch eine ganze Reihe Rätsel auf, die nach wie vor nicht gelöst sind", sagt Ulrich Jäger, Hämatologe am AKH in Wien. Tatsächlich ist Morbus Hodgkin eine sehr seltene Erkrankung, im Durchschnitt sind gerade einmal 160 Österreicher pro Jahr betroffen, die meisten zwischen 25 und 35 und später 50 und 70 Jahren.

Der Krebs befällt Lymphknoten, also dort, wo B-Zellen (das ist eine bestimmte Gruppe der weißen Blutkörperchen) entstehen.

Rätselhaftes Verhalten

Unter ganz bestimmten Umständen, die noch keiner so genau kennt, können sie entarten und eine recht eigentümliche Form annehmen, die Dorothy Reed und Carl Sternberg vor gut 100 Jahren identifiziert haben. Anders als jeder andere Tumor, der das Immunsystem meidet, sich maskiert und unerkennbar macht, umgeben sich die Reed-Sternberg-Zellen mit einer ganzen Reihe von Abwehrzellen. So ging Reed davon aus, dass es sich trotz bösartigen Wachstums um eine chronische Entzündung handeln muss.

Entartung

Dieselbe Frage beschäftigte die Wissenschafter auch 90 Jahre später noch. "Erst 1996 konnte der Essener Tumorforscher Ralf Küppers gemeinsam mit Kollegen nachweisen, dass es sich bei der Reed-Sternberg-Zelle tatsächlich um eine B-Zelle handelt, die ihre Fähigkeit zu entarten selbst mitbringt. "Dabei verliert sie jedoch nahezu vollständig ihre ursprüngliche Natur", so Küppers.

Obwohl er es noch nicht nachweisen kann, vermutet er, dass die Reed-Sternberg-Zellen umgebenden Immunzellen wichtige Signale für ein ewiges Überleben senden. Er fand sogar heraus, in welcher Phase sich entscheidet, dass eine B-Zelle entartet, und zwar "in einem Vorläuferstadium, das bei Entzündungen gebildet wird", sagt er. Nur das "Warum" konnte er noch nicht entschlüsseln. Dabei kreisen viele Theorien in den Köpfen der Experten – etwa die, nach der das der Epstein-Barr-Virus (EBV), ein winziger Erdbewohner, mit dem im Schnitt 90 Prozent der Bevölkerung infiziert sind, B-Zellen umprogrammieren kann.

Virus mischt mit

Vieles spricht dafür: Knapp die Hälfte der europäischen Hodgkin-Kranken trägt Gene des Virus in ihren Tumorzellen. In Entwicklungsländern sind es sogar über 90 Prozent. Und immer finden die Wissenschafter Virenreste in der Zelle. "Tatsächlich bildet der Virus Proteine, die ebenfalls den Zelltod verhindern", sagt Küppers. Offen bleibt aber, was bei den Patienten passiert, die nicht mit EBV infiziert sind. Trotz aller offenen Fragen lässt sich der Morbus Hodgkin aber gut behandeln. "Zu verdanken ist das vor allem der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe unter Volker Diehl aus Köln", sagt der Wiener Hämatologe Ulrich Jäger. Ein Cocktail aus Chemotherapeutika und Bestrahlung rottet die kranken Zellen meist vollständig aus.

Späte Konsequenzen

Doch das Verfahren ist in den letzten Jahren in die Kritik gekommen. "Ein Teil der Patienten entwickelt später andere Lymphome, die unter Umständen schwerer zu behandeln sind", so Jäger. So geht ein Großteil der Forschungsanstrengungen dahin, neue Mittel und Strategien zu erforschen. Unter Andreas Engert von der Uniklinik Köln wird derzeit an einem bispezifischen Antikörper gearbeitet. Er soll angriffslustige T-Zellen zu den Krebszellen führen, um sie zu vernichten. Sowohl Jäger als auch Küppers versprechen sich viel davon. "Eine der ersten großen Erfolgsgeschichten im Kampf gegen Blutkrebs erreichte man mit dem Antikörper Retuximab – leider bindet er nicht an die Hodgkin-Zellen", so Küppers.

Jäger sieht auch Hoffnung für die zehn bis zwanzig Prozent der Patienten, denen mit den Standardtherapien nicht geholfen werden kann. "Besonders schlecht verlaufen Behandlungen bei Menschen, deren Krebszellen resistent geworden sind", sagt er. Für sie seien neue Medikamente dringend notwendig. (DER STANDARD, Printausgabe, Edda Grabar, 21.6.2007)

Siehe: Interview: "Geschwollene Lymphknoten"

Wissen

Es gibt viele Formen von Morbus Hodgkin, die klassische Form zeichnet sich durch die bösartigen Reed-Sternberg-Zellen aus. Auffällig ist, dass sie gemeinsam mit vielen anderen Zellen auftreten. Je nach Anzahl und Art dieser Zellen und der Gewebestruktur unterscheiden Ärzte nodulär-sklerosierend, gemischtzellige und lymphozytenarme Formen.

Die Schwere der Erkrankung richtet sich weniger nach der Art des Hodgkin als dem Stadium, in dem er diagnostiziert wird. Sind Lymphknoten ober- oder unterhalb des Zwerchfells befallen, beträgt die Überlebenschance zwischen 80 und 90 Prozent. Verteilen sich die Tumore flächendeckend und sind auch Organe befallen, sinkt die Wahrscheinlichkeit auf bis zu 40 Prozent. Patienten, deren Krebszellen gegen Chemotherapie resistent sind, haben geringere Überlebenschancen.

Neben dem klassischen Morbus Hodgkin unterscheiden Mediziner heute das Erscheinungsbild (LP). Die entarteten B-Zellen haben wenig mit den Reed-Sternberg- Zellen gemein. Ob es sich tatsächlich um eine Hodgkin-Erkrankung handle, wüsste man nicht, sagt Tumorforscher Ralf Küppers von der Uniklinik Essen. Doch etwa 95 Prozent der LP-Patienten können langfristig geheilt werden. (eg)

  • Die Reed-Sternberg-Zelle unter dem Mikroskop: Sie spielt bei Morbus Hodgkin eine wichtige Rolle.
    foto: standard

    Die Reed-Sternberg-Zelle unter dem Mikroskop: Sie spielt bei Morbus Hodgkin eine wichtige Rolle.

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