Junge Killer

26. Juli 2007, 14:07
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Warum zielen islamistische Hamas- auf säkulare Fatah-Aktivisten und sogar deren Kinder?

Tag für Tag töten junge Palästinenser in Gaza junge Palästinenser. Doch warum zielen islamistische Hamas- auf säkulare Fatah-Aktivisten und sogar deren Kinder, nachdem die Errichtung einer Mauer sie daran hinderte, Israelis aller Altersstufen mit Steinen zu bewerfen oder in die Luft zu sprengen? - Die jüngsten Al-Kaida-Attentate in Algier vor den Wahlen erinnern daran, dass seit der Wahlannullierung 1991 allein Algerien mit über 120.000 Opfern mehr als 50-mal so viele Tote zu beklagen hatte als die Beteiligten im israelisch-arabischen Konflikt insgesamt. Jordanien hat in einem einzigen Monat - dem "schwarzen September"- 25.000 Palästinenser getötet, Revolutionsführer Gaddafi 1995 über 50.000 Palästinenser vertrieben, mehr als Israel je in 40 Jahren Besatzung seit 1967.

Warum töten junge Iraker junge Iraker, Sunniten Schiiten und umgekehrt, nachdem ein Friedensschluss den Angriffskrieg gegen den Iran mit einer Million Toten beendete und seit dem Golf-Krieg unter UN-Mandat an der Besetzung des überfallenen Nachbarn Kuwait hinderte - sowie an der Fortsetzung der gemeinsamen Ermordung einer Viertelmillion Kurden?

Völkermord

Warum töten junge Sudanesen junge Sudanesen, junge Somalier junge Somalier, junge Afghanen junge Afghanen, junge Pakistanis junge Pakistanis (und Hindus, Ostbengalen, Belutschen, Pathanen), junge Indonesier junge Molukken, Chinesen und Landsleute in Westpapua, Timor, Aceh? Warum töten junge Männer einander massenhaft von Nigeria bis Äthiopien, den Philippinen bis zum Kongo, Uganda bis Mosambik, Kambodscha bis Guatemala, vom Libanon bis zum ehemaligen Jugoslawien? Und warum haben im größten Völkermord der Nachkriegsära innerhalb weniger Monate überwiegend junge Hutus in Ruanda 850.000 Tutsis eigenhändig massakriert? Und umgekehrt fast eine halbe Million in Burundi?

Der Sozialwissenschafter und Genozidforscher Gunnar Heinsohn hat nach dem "Lexikon der Völkermorde" ein Aufsehen erregendes Buch, "Söhne und Weltmacht", geschrieben. In Anknüpfung an eine CIA-Studie über die demografischen Hintergründe ethnischer Konflikte, auf die sich schon die Schlusskapitel von Huntingtons "Clash of Civilizations" stützten, vertritt er die These, dass ein Bevölkerungsüberschuss an jungen Männern, die auch unter günstigen ökonomischen Bedingungen keine sozialen Perspektiven haben, der Hauptgrund für Kriege, Banden- und Bürgerkriege, Völkermorde, Terror und Attentate auf Zivilisten ist.

Ökonomische Rückständigkeit

Nicht ökonomische Rückständigkeit, Armut, Elend oder religiöser Fanatismus pers se, sondern ein "youth bulge", eine demografische "Beule" von über 30 Prozent Kindern unter 14 bzw. über 20 Prozent Jugendlicher und junger Erwachsener (15- bis 24-Jähriger), ein Überhang junger Männer, für die kein Platz in der Gesellschaft ist, seien nicht die einzige, aber die wichtigste und notwendige Ursache massenhafter Tötungsexzesse.

Keiner braucht sie, die Burschen, diese kraftstrotzenden Halbwüchsigen, außer für Krieg und Terror, bestenfalls für Aufmärsche, Randale und Straßenkampf. Kein Platz heißt: trotz guter Ausbildung kaum Arbeit, Frauen, Würde, Selbstachtung, kein Erbe außer für Erstgeborene.

Man könnte auch hinzufügen, kaum Sex und Unterhaltung: Die halbnackten Mädchen am Strand von Tel Aviv sind für hunderttausende palästinensischer Jungen unerreichbar; die verschleierten ebenso. Und in der Westbank und Gaza gibt es kein einziges Kino, zum Träumen und keuschen Händchenhalten im Dunklen.

(Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2007)

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