Finnischer Bildungsexperte: "Jedem Kind alle Wege offen lassen"

4. September 2007, 17:23
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"Eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner": qualitätsvoll, gerecht und effizient, sagt Rainer Domisch von der finnischen Schulbehörde im Interview

Rainer Domisch vom finnischen Zentralamt für Unterrichtswesen über das magische Dreieck, in dem gute Schule stehen muss, Gesamtschule, die er nicht so nennt, und Aha-Erlebnisse der ehemals gesamtschulkritischen AHS-Lehrer in Finnland. Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

Standard: Sie wurden von der Industriellenvereinigung, die ein viel beachtetes Strategiepapier "Schule 2020" (siehe "Dokumentiert") erarbeitet hat, eingeladen. Wird/soll die Schule 2020 eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen sein?

Domisch: Ich würde nicht nur von zehn bis 14 Jahren sprechen. Man muss im Hinblick auf das lebenslange Lernen erweitern und die Förderung im Kindergarten und in der Vorschule einbeziehen. Die Zukunft wird eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner sein, mit einem stark ausgeprägten System von Fördermaßnahmen. Diese Schule wird auch nicht mit 14, 15 aufhören - und sie muss immer im Dreieck von Gerechtigkeit, Qualität und Effizienz stehen.

Standard: Ist die finnische Gesamtschule teurer als andere?

Domisch: Finnland gibt insgesamt nicht mehr Geld aus als alle OECD-Staaten, aber es wird anders ausgegeben. Das meiste Geld gibt man für Grundschüler und Kinder in dem Alter, wo man noch durch Förderung eine Bildungsgerechtigkeit schaffen kann, aus.

Standard: Seit der Pisa-Studie ist Finnland das Mekka aller Bildungsexperten. Gibt es im Land denn gar keine Kritiker?

Domisch: Niemand wird sagen: Jetzt haben wir das beste System der Welt. Man sagt: Wir haben noch viel zu tun - und lehnt sich nicht selbstzufrieden zurück. Man ist sehr pragmatisch orientiert an den Ergebnissen. Die müssen stetig verbessert werden. Und man weiß, dass Bildungsgerechtigkeit ein ständiger Auftrag ist.

Standard: Und wo gibt es Verbesserungsbedarf in Finnland?

Domisch: Wir sind dabei, die Fremdsprachen auszubauen. Alle Kinder müssen zwei Sprachen lernen - Englisch und Schwedisch oder Finnisch. Aber das reicht uns nicht. Wir wollen Deutsch oder Russisch ausbauen. Natürlich braucht man dazu Mittel und zusätzliches Personal, aber das ist im Vergleich zu den Ergebnissen relativ billig.

Standard: Wie schwer war es, Finnlands Bevölkerung von der Gesamtschule zu überzeugen?

Domisch: Ich verwende das Wort Gesamtschule nicht, weil Gesamtschule, wie ich sie in Deutschland kennen gelernt habe, zwar in die richtige Richtung geht, aber es häufig noch eine Differenzierung gibt. Man setzt anstatt der Schularten Kurse. Die finnische Schule hat sich davon verabschiedet. Man hat "eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner". Man möchte nicht alle gleich machen, sondern jedem Kind eines ganzen Schülerjahrgangs während der Grundbildungszeit alle Wege offen lassen.

Standard: Wie lange hat dieser Umstellungsprozess gedauert?

Domisch: Im Parlament wurde 1968 eine Schulreform beschlossen, die von 1972 bis 1977 umgesetzt wurde. Das war eine komplette Systemänderung. Man hat auch schon sehr früh mit Lehreraus- und -fortbildung, Beschäftigung der Experten in den Schulen und der Übertragung der Schulverantwortung auf die Kommunen begonnen. Das war ein wichtiger Punkt. Möglichst wenig Bürokratie, sondern schulnahe Entscheidungen vor Ort. Es ist ein einmaliger Vorgang, dass die Abschaffung der Schulinspektionen von den Schulinspektoren selbst vorgeschlagen wurde.

Man hat erkannt, dass Qualitätsentwicklung in Schulen nur durch die Menschen vollbracht werden kann, die selbst betroffen sind: Lehrer, Schulleiter, Schulträger vor Ort, Eltern und Schüler. Es gibt die Vorgabe vom Staat, aber ausführen müssen wir selbst.

Standard: In Österreich gibt es Ängste, dass viele Eltern vor Gesamtschulversuchen in Privatschulen flüchten könnten.

Domisch: In Finnland gibt es ein, zwei Prozent Privatschulen - kirchliche, Montessori-, Waldorf-Schulen, die Deutsche Schule in Helsinki. Da diese Schulen dem nationalen Bildungsrahmen, dem Lehrplan und allen Evaluierungen verpflichtet sind, gibt es keine Gefahr. Man ist daran interessiert - das würde der Befürchtung widersprechen -, die Qualität im öffentlichen Schulsystem zu behalten und weiterzuentwickeln, damit sich die Bildungsqualität nicht in private Nischen verabschiedet.

Standard: In Österreich sind die AHS-Professoren besonders innige Gesamtschulgegner.

Domisch: Das war in Finnland nicht anders. In den 60er-Jahren waren zwei Gruppen dagegen: Gymnasiallehrer und akademische Eltern. Eine Professorin sagte mir, sie hatte im ersten Jahr riesige Probleme. Sie kam plötzlich mit Schülern zusammen, die sie vorher nicht kannte. Das hat sie verwirrt, und sie war strikt gegen das System. Sie formulierte es so: "Ich musste lernen, dass nicht die Schüler für mich da sind, sondern ich für die Schüler."

Dann hat sie verstanden, was ihre Aufgabe ist. Viele Gymnasiallehrer gehen davon aus, dass die geeigneten Schüler lernen, und wenn sie nicht geeignet sind, dann liegt es an den Schülern und nicht an den Lehrern. Dann sollen sich die Schüler gefälligst einen anderen Ort zum Lernen suchen. Dieser Paradigmenwechsel muss stattfinden. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2007)

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"Eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner": qualitätsvoll, gerecht und effizient, sagt Rainer Domisch. Zur Person
Rainer Domisch, geb. 1945 im deutschen Schwäbisch-Hall, war 1979 bis 1989 Lehrer an der Deutschen Schule Helsinki, seit 1994 in Finnlands oberster Schulbehörde, Leiter der Deutsch-Lehrplankommission. Verheiratet, vier Kinder.
    foto: standard/fischer

    "Eine gemeinsame Schule für unterschiedliche Lerner": qualitätsvoll, gerecht und effizient, sagt Rainer Domisch.

    Zur Person
    Rainer Domisch, geb. 1945 im deutschen Schwäbisch-Hall, war 1979 bis 1989 Lehrer an der Deutschen Schule Helsinki, seit 1994 in Finnlands oberster Schulbehörde, Leiter der Deutsch-Lehrplankommission. Verheiratet, vier Kinder.

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