Maklerlose Landschaft

31. August 2007, 14:55
  • Die perfekte Landschaft für einen sanften Lebensabend.
    foto: pixelio.de

    Die perfekte Landschaft für einen sanften Lebensabend.

Wo alte Keltenkreuze bereits Moos angesetzt haben und die Seehunde nur noch müde gähnen, könnte man bequem seinen Lebensabend verbringen

Mal hieß es: Der Makler sei eben nur kurz übers Meer. Hinüber nach Schottland, die Mutter besuchen, irgendwo am Mull of Kintyre. Was die Leute in Portnahaven einem sonst noch sagten: dass er außerdem gar kein echter Makler sei. Eher Gelegenheitsfischer und Nebenerwerbsschäfer, und die restliche Zeit im "Ann Tigh-Seinnfe"-Pub stationiert, wo man ihn zuletzt ja noch sah. Dann hieß es wiederum: Er hätte die Insel doch gar nicht verlassen. Mit Standby-Tickets kriegst du deine Karre nicht so einfach von der Isle of Islay. Am allerwenigsten an einem Bank Holiday. Und das traf auf die Ostertage wohl zu.

Doch wen störte das schon? Der Mann, der kein richtiger Makler war, schien jedenfalls perfekt zu dem windschiefen Häuschen zu passen, auf das er mit weißer Farbe ein hypnotisierendes "For Sale" gepinselt hatte. Und dazu eine Telefonnummer, deren schräg und quer über die Hausmauer torkelnde Schlinger-Sechsen keinen Anschluss unter dieser Nummer versprachen. Irgendwie passte auch das zur Immobilie, die der verschollene Makler anbot. Denn um ein richtiges Haus handelte es sich dabei ja nicht unbedingt. Eher um eine Art Gelegenheits-Ruine. Bestehend aus: Steinmauer-Fragmenten und einem Jolle-großen Vor- und Hintergärtchen. Ferner aus dekorativ gefransten Resten eines Daches. Sporadischen Schutz gegen Regen bot es. Zugleich freie Sicht aufs Dahinjagen der atlantischen Wolken-Regatta im Himmelsblau. Doch mit Hebriden-Himmel hält man sich in Portnahaven auf Dauer nicht auf. Er ist bloß der Oberrand jenes Postkarten-Panoramas, das sich als wahre Attraktion auch vors "For Sale"-Häuschen schob.

Gähnende Leere am Empire-Ende

Man stelle sich dazu vor: eine tief zwischen grüne Hügel eingeschnittene Bucht, an deren gemauerten Kais Seehunde stundenlang um die Wette gähnen. Daneben bunt lackierte Fischerboote und, eine Bay-Etage höher, eng aneinandergekuschelte Häuser: weiß gekalkte Mauern, schwarze Dächer, ab und zu ein starker Tupfen Lack. Das quintessenzielle Fischerdorf, und mit der Nase immer im frischen Wind - so hockt Portnahaven vor Schottlands wilder Westküste und blickt über Europa hinaus. Klar: Vereinzelt stemmen sich auch organisatorische Relikte des Empires gegen die Isoliertheit des Orts - königlich-rote Briefkästen und Telefonzellen etwa. Und auch die Marketing-Fritzen haben ihre Kulissen abgeladen: Ein wenig Werbeplakat-Verlockung glänzt auch hier in der fliegenden Gischt. Aber vor allem prägt Elementares den Ort: die ewige Parade der langen, geraden Wellenreihen gegen das vorgelagerte Riff. Das schrille Kreischen der Möwen. Der unvermeidbare Leuchtturm - alles da. Und natürlich viel salzige Luft, die einem auf Schritt und Tritt die Duftsignatur des Atlantiks unter die Nase reibt. Seegras-Odeur ist in Portnahaven nämlich eine gemähte Wiese.

Mehr muss man über dieses herrliche Stück Hebriden am westlichen, sprich raueren Ende der Isle of Islay auch gar nicht wissen. Außer, dass das "For Sale"-Haus vermutlich noch immer die Zahnlücke des grandiosen Portnahaven-Ensembles abgibt - und dabei den offen liegenden Nerv so manch eines Ruhesuchenden trifft. Und dass - gelangt man von Glasgow via Kintyre-Halbinsel mit der Fähre von Kennacraig aus auf die Isle of Islay - man hier durchaus seinen Traum-Ruhesitz entdecken könnte. Der atemberaubenden Lage und der heftig dosierten Frischluft wegen, die an weißen - aber eben auch stürmischen - Sanddünenstränden zwischen lee- und luvseitigen Picknickplätzen zu unterscheiden lehrt. Vielleicht locken aber auch die inneren Werte der Insel zum längeren Verbleib: nämlich der an manchen Stellen bis zu vierzig Meter dicke Torf, der in frisch gestochenen Blöcken links und rechts der Straßen liegt und zumindest tausend Jahre lang Zeit hatte, Islays Moose und Kräuter zu jenem erdigen Geschmack zu kondensieren, den man hier gemeinsam mit Gerstenmalz in kleine Flaschen sperrt. In Whiskyflaschen natürlich. Denn vor allem ist Islay dafür berühmt.

4000 Einwohner und mehrere Millionen Schafe lassen sich auf der südlichsten der Inneren Hebriden-Inseln zählen, und außerdem 3074 verschiedene Abfüllungen jener Single Malts, denen ein charakteristischer, rauchiger Geschmack nachgesagt wird - für viele Kenner der beste Whisky überhaupt. Das Dörren der kurz keimenden, feuchten Gerste über Torffeuer ist dabei lediglich ein Geheimnis im Rahmen der jährlich 18 Millionen Liter umfassenden Whisky-Produktion, von deren Feinheiten man sich in insgesamt acht Distilleries überzeugen kann, etwa in der am stärksten frequentierten Whisky-Brennerei des Insel-Hauptorts Bowmore. Bruichladdich, Laphroaig, Ardbeg - so heißen weitere Labels, die sich vor Ort zu einer hochprozentigen Rundfahrt verbinden lassen. Und bewegen sollte man sich auf Islay allemal. Mit oder ohne Flachmann in der Weste, besser freilich schon mit zumindest zweien.

Moor and more

Die Landschaft, die einem der torfige Whisky-Geschmack via Geschmacksknospen serviert, präsentiert sich zugleich auch erstaunlich vielfältig: Die stehenden Wasser der Moore und Lochs, die 250 (!) verschiedene Vogelarten nach Islay locken, wechseln im windgeschützten Osten mit unerwartet dichtem Rhododendron-Wald, durch den jede Menge Rotwild hirscht. Europas zweitgrößte Seehunde-Kolonie findet sich an Islays stürmischer Westküste - ebenso wie eindrucksvolle Spuren einer langen Geschichte, die ein wenig nach Fantasy-Roman klingen mag. "Lordship of the Isles" wurde das westschottische Königreich nämlich genannt, dessen Zentrum Islay im 14. und 15. Jahrhundert abgab. Davon zeugen Ruinen wie das verwitterte Dunyvaig Castle gleich neben der dampfenden "Lagavulin Whisky"-Brennerei im Südosten der Insel - und wenige Meter weiter das noch viel ältere Kildalton Cross aus dem 8. Jahrhundert, eines der feinsten Keltenkreuze ganz Schottlands.

Ein schmaler Feldweg führt hierher, der unmittelbar an der verwaisten Kildalton Chapel endet. Ein Platz wie aus einer Spukgeschichte, vergessen und düster blühend zugleich. Die Menschen sind längst weitergezogen. Selbst das Meer hält sich hier auf Distanz, und für den Moment haben auch die grauen Wolken ihren schweren Vorhang heruntergerollt. Aber das Moos auf den Kildalton-Grabsteinen macht weiche Pölster für lebende Gäste, und die Inschriften eine interessante Lektüre. Käuzchen sehen einem dabei zu. Auch auf sie sollte man jetzt einen trinken. (Robert Haidinger/Der Standard/Printausgabe/19./20.5.2007)

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